Undercover„Team Wallraff“ erhebt schwere Vorwürfe – so reagiert die Asklepios-Klinik Sankt Augustin

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Eine Einfahrt zu einem mehrstöckigen Gebäude, vor dem ein großes Hinweisschild zur Asklepios Kinderklinik steht.

Die Asklepios Kinderklinik Sankt Augustin.

Eine Reporterin aus dem Team von Investigativ-Journalist Günter Wallraff arbeitete undercover in der Kinderklinik. Die wehrt sich geegen die Vorwürfe.  

Schwere Vorwürfe gegen die Asklepios-Kinderklinik hat das „Team Wallraff“ in seiner Sendung am Donnerstagabend erhoben.  Reporterin Jana aus dem Team von Investigativ-Journalist Günter Wallraff hatte dort undercover recherchiert und zwei Fälle geschildert.

An ihrem ersten Arbeitstag in der zentralen Notaufnahme seien ein Junge und seine Mutter  trotz akuter Symptome von den Krankenschwestern weggeschickt. Eine Kollegin erklärte, dass die Klinik das Kind ohne ärztliche Überweisung über den Notfallschein hätte abrechnen müssen. Das wäre ein Minusgeschäft von zwei Euro. Sie habe den Eindruck gehabt, die Beschäftigten müssten sehr aufs Geld achten, so die Reporterin.

„Team Wallraff“ in der Kinderklinik: Schnelltest statt Laboruntersuchung

Fall zwei: Während einer Nachtschicht wurden gleich zwei Kinder mit Verdacht auf das hochansteckende RS-Virus eingeliefert. Da das Labor nachts nicht mehr besetzt war, machte die Ärztin nur Schnelltests zur Diagnose. Dabei wäre eigentlich eine umfassende Laboruntersuchung nötig, um genau bestimmen zu können, was den Kindern fehlt, so die Journalisten von „Team Wallraff“. 

Damit konfrontiert, erklärte die Klinik auf Anfrage der Redaktion: „Obwohl es sich bei den dargestellten Vorgängen um Einzelfälle handelt, nehmen wir das Gezeigte natürlich ernst und werden die in der RTL-Sendung angesprochenen Punkte überprüfen. Dass das große Engagement unserer Mitarbeitenden durch die einseitige Perspektive herabgesetzt wird, bedauern wir sehr.“

Eine junge Frau mit blondem Zopf und Brille in blauem medizinischen Kaftan und FFP2-Maske sortiert medizinisches Material in Plastikboxen.

Reporterin Jana arbeitete undercover als Praktikantin in der Asklepios-Kinderklinik.

Den Vorwurf, aufgrund von finanziellem Druck Versorgungsstandards nicht einzuhalten, weise man zurück, die Sendung spiegele nicht die Realität der Klinik wider. „In der Zeit, in der die Aufnahmen getätigt wurden, herrschte in allen Kinderkliniken Deutschlands angesichts der schweren RSV-Infektionswelle eine Ausnahmesituation“, ordnet Professor Gerd Horneff, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik Sankt Augustin, den zweiten in der Sendung geschilderten Fall ein: „Diese Situation kann nicht mit unserem Normalbetrieb gleichgesetzt werden.“

Betriebsrat der Kinderklinik empfindet den RTL-Bericht als heuchlerisch 

Während andere Kliniken erkrankte Kinder abwiesen, habe man sich in Sankt Augustin um alle kleinen Patienten gekümmert und sei damit zu jeder Zeit dem Versorgungsauftrag nachgekommen. „Wir sind tief getroffen über die einseitige Berichterstattung, die ein sehr verzerrendes Bild zeichnet. Egal auf welcher Station – hier gibt jeder tagtäglich sein Bestes“, teilte der Betriebsrat der Kinderklinik mit.

Während den großen Infektionswellen seien erkrankte Kinder mit ihren Familien aus 200 Kilometer entfernten Kliniken nach Sankt Augustin geschickt worden, weil sie in anderen Krankenhäusern wegen Überlastung nicht behandelt werden konnten.

Schon 2022 kritisierte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach das Abrechnungsverfahren

„Es ist schade, dass dieser Einsatz in der Berichterstattung überhaupt nicht gewürdigt wird. Unsere Kolleginnen und Kollegen fühlen sich im Grunde genommen ausspioniert. So zu tun, als gehe es darum, Verständnis für die angespannte Situation in der Pflege zu erwecken, empfinden wir letztlich als heuchlerisch.“

Die Klinik sei der gezielten Bitte der Gesundheitsminister Lauterbach und Laumann nachgekommen, zusätzliche Kapazitäten bereitzustellen. Lauterbach hatte im Mai vergangenes Jahres bei einem Besuch in der Klinik   den baulichen Zustand „würdelos“ genannt, dabei sei sie für die Region unverzichtbar. Lauterbach kritisierte aber auch das Abrechnungsverfahren. „Wir dürfen bei den Fallpauschalen nicht mehr davon ausgehen, dass Kinder kleine Erwachsene sind. Es muss eine neue Regelung für die Vergütung gefunden werden.“

CDU-Landtagsabgeordneter Sascha Lienesch bemängelt einen massiven Sanierungsstau in der Klinik

Sankt Augustins Bürgermeister Dr. Max Leitterstorf lobte den Einsatz der Beschäftigten: „Die Schwierigkeiten im Finanzierungssystem der Kinderkliniken trafen auf den grundsätzlichen Fachkräftemangel sowie Belastungsspitzen während der RSV-Welle. Trotzdem war unsere Kinderklinik für die Kinder und Familien da.“

Auch der CDU-Landtagsabgeordnete Sascha Lienesch sagt: „Die Kinderklinik Sankt Augustin ist eine hoch kompetente Einrichtung und unverzichtbar für die Region. Über die Jahre hat sich hier ein massiver Sanierungsstau gebildet, der dringend abgebaut werden muss. Die Finanzierung der stationären Kinder- und Jugendmedizin muss tatsächlich überarbeitet werden.“

Asklepios: Zweitgrößter privater Klinikbetreiber mit 100 Millionen Gewinn im Jahr 2021

Mit insgesamt 170 Einrichtungen ist „Asklepios“ der zweitgrößte private Klinikbetreiber in Deutschland. 2021 hat das Unternehmen laut eigenem Geschäftsbericht über 100 Millionen Euro Gewinn gemacht. Die Kinderklinik Sankt Augustin zählt zu den Großen des Landes.

Dennoch stand sie vor einigen Jahren kurz vor der Schließung, der Klinikbetreiber hatte einen entsprechenden Antrag ans Land NRW gestellt, der aber abgelehnt wurde.  Dass es finanziell eng in der Klinik ist, bestätigte im Mai vergangenes Jahr sogar Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bei einem Besuch in der Klinik mit dieser Zeitung.

Für Günter Wallraff zeigen die Erfahrungen seiner Kolleginnen einmal mehr, dass sich endlich etwas ändern muss. Er mahnt an: „Unsere Undercover-Recherchen haben belegt, wie viel in Deutschlands Krankenhäusern im Argen liegt. Überlastung, Kostendruck, Mängel in der Ausbildung: Es muss endlich gehandelt werden. Wenn sich die Krankenhäuser weiterhin kaputtsparen, werden mehr Patienten zu Schaden kommen oder sogar sterben.“

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