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Aus der Zeit gefallenWarum wir uns trotzdem auf die Fußball-EM freuen können

7 min
Fußballfans

Jubeln unter Pandemie-Bedingungen: Wie groß kann die Fußball-Euphorie bei dieser Corona-EM werden?

  1. Um ein Jahr verschoben, auf Biegen und Brechen durchgesetzt – und trotzdem heftig in der Kritik: Am Freitag beginnt ein Turnier, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint.
  2. Und doch: Die Fans freuen sich zu Recht auf die EM.

Auf dem Rasen kicken Vielflieger, die aus Quarantäne-Camps anreisen, auf den mäßig gefüllten Tribünen sitzen Geimpfte und Getestete. Fans müssen Abstand halten, Masken tragen und dürfen nicht mal daran denken, Siege vor dem Stadion gemeinsam zu feiern. So wird es sein, wenn die Fußball-Europameisterschaft vom 11. Juni bis zum 11. Juli in elf Ländern stattfindet. Bestenfalls, denn niemand weiß, ob die Pandemie nicht doch noch zum Spiel- und Spaßverderber wird.

„Euro 2020“ – trotzig beharrt die Uefa auf der offiziellen Bezeichnung des Turniers, das im vergangenen Jahr abgesagt wurde. Das geschah am 17. März 2020, als das Coronavirus den Kontinent schon in einen Ausnahmezustand versetzt hatte. Unter dem Druck der Gesundheitsexperten und Politiker gab der Verband seine Pläne, das Ereignis durchzuziehen, auf.

Demut und Vorsicht hat die Funktionäre das nicht gelehrt. Kurz vor dem Start des Turniers, das am Freitag in Rom mit dem Spiel zwischen Italien und der Türkei beginnt, spricht Uefa-Präsident Aleksander Ceferin schon wieder wie der Regent des Königreichs Fußball. „Es wird die erste Veranstaltung von weltweiter Dimension sein, die seit Ausbruch der Pandemie durchgeführt wird – die perfekte Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass Europa anpassungsfähig ist. Europa lebt und feiert das Leben. Europa ist zurück.“

Hybris und Anmaßung sind offenbar immun gegen jedes Virus. Die Idee eines paneuropäischen Turniers stammt aus einer Zeit, in der der Fußball und seine Organisationen noch einen semistaatlichen, fast unantastbaren gesellschaftlichen Stellenwert hatten. Also bevor Institutionen wie der DFB und die internationalen Verbände von Enthüllungen über Korruption, Kommerzexzesse und Profitgier auf eine Weise angreifbar wurden, wie es lange undenkbar schien.

Platinis Idee: Fußball im Dienst der europäischen Einheit

Auch den Ideengeber einer paneuropäischen EM hat diese Welle längst aus dem Amt gespült. Der ehemalige Weltklassefußballer Michel Platini war 2007 zum Uefa-Präsidenten gewählt worden, doch es war wohl nur die Erinnerung an einen genialen Fußballkünstler, der mit wehenden Haaren, aus der Hose hängendem Trikot und heruntergelassenen Stutzen über den Rasen wirbelte, die manchen an einen neuen Typ des Funktionärs glauben ließ. Platini passte sich so schnell an, dass ihn die Ethikkommission der Fifa 2015 wegen Korruption für alle Fußball-Ämter sperrte.

Zuvor hatte der Franzose noch seine Idee durchgesetzt, die Kraft des Fußballs in den Dienst der europäischen Einheit zu stellen. Damals verfing eine solche Überhöhung noch, und mancher entdeckte sogar einen besonderen Charme darin, zum 60. Geburtstag der Europameisterschaft Mannschaften und Fans quer über den ganzen Kontinent zu jagen. „Wir werden die größte Party aller Zeiten organisieren, überall in Europa“, versprach Platinis Generalsekretär.

Das war Gianni Infantino, an dem auch im neuen Amt als Herrscher des nach wie vor intransparenten Weltverbandes Fifa Vorwürfe und Kritik wie die Regentropfen von einem imprägnierten Mantel abperlen. Sein aktueller Plan: die lukrative Weltmeisterschaft möglichst alle zwei Jahre – und nicht wie seit 1930 gewohnt im Vier-Jahres-Rhythmus – auszutragen. Die Formel ist einfach: Zwei Turniere = doppelte Einnahmen.

In Europa hat man sich – vorerst – damit begnügt, das Turnier auf absurde Weise aufzublähen. 53 Mitgliedsverbände hat die Uefa, knapp die Hälfte nimmt seit 2016 an der Endrunde teil. Mittlerweile dauert der Wettbewerb, der 1960 in Frankreich mit vier Spielen an einem verlängerten Wochenende begann, mehr als vier Wochen und umfasst 51 Spiele. Der Antrieb ist das Geld. Gut eine Milliarde Euro nimmt die Uefa aus dem Verkauf der TV-Rechte ein, 500 Millionen dürften aus dem Sponsoring dazukommen. Leicht nachvollziehbar, warum es so wichtig ist, die EM um jeden Preis durchzuziehen.

Deshalb hatte sich Präsident Ceferin auch nicht versprochen und wurde auch nicht falsch zitiert, als er im April 2021 von den zwölf Ausrichterstädten verlangte, die Zulassung von Zuschauern zu garantieren. Dublin und Bilbao weigerten sich; die irische Hauptstadt wurde prompt gestrichen, die baskische Metropole durch das andalusische Sevilla ersetzt.

„Erpressung“, nannte der deutsche Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die Forderung der Uefa beim richtigen Namen. München ließ sich nicht beirren, stellte zwar die Zulassung von Publikum „in Aussicht“, behielt sich aber die Entscheidung vor. Warum die Uefa das akzeptierte, ist unklar. Möglich ist ein Zusammenhang mit der Gastgeberrolle des DFB bei der Europameisterschaft 2024.

Reporter Christoph Biermann, beim Magazin „11Freunde“ einer der profiliertesten deutschen Fußballkenner, sieht einen zeitlichen und kausalen Zusammenhang mit dem Ausscheren des FC Bayern München aus der Front der Großklubs, die im April die Uefa mit der Gründung einer Super League bedrohten. Dieser Schritt von Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge half seinem Freund Ceferin entscheidend bei der Abwehr solcher Pläne und hat es ihm womöglich leichter gemacht, sich mit der Haltung der Stadt München abzufinden.

Inzidenz macht in München je 14000 Zuschauer möglich

Seit vergangenem Freitag steht fest, dass bei unveränderter Inzidenz bei jedem der vier Spiele in der Münchener Arena 14000 Zuschauer dabei sein werden; die Auflagen sind streng und das Hygienekonzept aufwändig. Die Karten werden unter allen verlost, die Tickets gekauft haben und nicht vom Rückgaberecht gebraucht gemacht haben. Andere Städte nehmen es nicht so genau: In Budapest dürfen alle 68000 Plätze besetzt werden.

So oder so: Es wird eine Europameisterschaft der Notfallpläne, Hygienekonzepte, Quarantäne-Hotels und Reisebeschränkungen, die es vor allem den Fans schwermachen, ein schlichtes Fußballturnier in ein emotionales Festival der Nationen zu verwandeln. Der erste Corona-Fall in einem Team – betroffen ist der Spanier Sergio Busquets – und die steigende Verbreitung der Delta-Variante in Großbritannien zeigen kurz vor dem Eröffnungsspiel, wie abhängig der Verlauf des Turniers vom Virus ist. Und von Behörden und Politikern, die sich hoffentlich nicht einschüchtern lassen von der Macht des Fußballs, wenn es um die Gesundheit geht.

Dennoch – das belegen die ersten Spiele mit Zuschauern – lechzen Spieler, Fans und das Fernsehpublikum nach einem Hauch der Normalität, die seit März 2020 fehlt und mit jedem Tag deutlicher gemacht hat, was den Wert des Fußballs ausmacht. Deshalb darf sich jeder, der dieser besonderen Faszination verfallen ist, aufrichtig freuen auf die EM. Das ist kein Verdienst der Verbände und ihrer Funktionäre. Sondern es ist die emotionale Kraft des Sports und der Menschen, die ihn in Deutschland spielen, lieben und genießen. Der Fußball als reines Spiel wird alle Krisen überleben, selbst Korruption und Kommerz. Und auch Corona.

Quellen: Kicker, dpa, 11Freunde

Die EM im Fernsehen

Die Fans müssen sich umstellen: 41 von 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft laufen zwar wieder bei ARD und ZDF – doch mit der Telekom geht erstmals bei einem großen Turnier ein ganz anderer Anbieter auf Sendung. Die ARD beginnt mit dem Eröffnungsspiel in Rom und zeigt 21 Partien. Das ZDF überträgt 20 Begegnungen und beendet das Turnier mit dem Finale in London. Auch die Spiele des deutschen Nationalteams laufen im Ersten und Zweiten.

Die Telekom zeigt allerdings über das Streaming-Angebot MagentaTV als einziger deutscher Sender alle 51 Spiele live, davon sogar zehn Begegnungen – etwa Frankreich gegen Portugal – exklusiv. Der Bonner Konzern hatte sich 2019 überraschend die Medienrechte für die EM 2024 in Deutschland von der Uefa gesichert. Später teilte die Telekom diese Rechte mit ARD und ZDF – und erhielt im Gegenzug Sendelizenzen für alle Begegnungen der EM in diesem und der WM im kommenden Jahr. Wer nicht schon zu den rund vier Millionen Kunden von MagentaTV gehört, muss zahlen. Das Angebot lässt sich über das Internet buchen, was laut Telekom in der günstigsten Variante zehn Euro pro Monat kostet.

Bei den Kommentatoren macht Florian Naß den Anfang, er begleitet am 11. Juni das Eröffnungsspiel. Zum Team der ARD gehören außerdem Gerd Gottlob und Tom Bartels. Beim ZDF sind Béla Réthy, Oliver Schmidt, Martin Schneider und Claudia Neumann als Live-Reporter im Einsatz. Zu den Telekom-Kommentatoren gehören der sonst bei RTL und DAZN arbeitende Marco Hagemann sowie Wolff Fuss von Sky.

Neue Moderatoren gibt es bei ARD und ZDF: Im Ersten moderiert Alexander Bommes, zudem bilden Jessy Wellmer und Ex-Weltmeister Bastian Schweinsteiger ein EM-Duo. Beim Zweiten sind Katrin Müller-Hohenstein und Jochen Breyer für die Moderation zuständig. Die Telekom hat Johannes B. Kerner eingekauft. (dpa)