Interview

Lisa Schmitz vom VfL Wolfsburg
„Keine Wachablösung im deutschen Frauenfußball“

Lesezeit 7 Minuten
Lisa Schmitz steht im Tor und gibt mit ihrer Hand Anweisungen

Seit der Saison 2023/24 bewacht Lisa Schmitz als Stellvertreterin das Gehäuse des VfL Wolfsburg.

Die Kölnerin Lisa Schmitz kämpft im Finale des DFB-Pokals mit dem VfL Wolfsburg gegen eine titellose Saison. Tobias Carspecken hat mit ihr gesprochen.

Heimspiel für Lisa Schmitz: Die in Porz groß gewordene Ersatztorhüterin des VfL Wolfsburg feiert am Donnerstag (16 Uhr, ZDF/Sky) im nahezu ausverkauften Rhein-Energie-Stadion gegen Meister Bayern München ihre erste Teilnahme an einem DFB-Pokal-Finale. Tobias Carspecken sprach mit der 32-Jährigen.

Frau Schmitz, was bedeutet Ihnen ein DFB-Pokal-Finale in Ihrer Geburtsstadt?

Köln ist meine Heimat. Ich fühle mich auch dem FC sehr verbunden. Schon als Kind war ich häufig in Müngersdorf im Stadion. Ich freue mich total, dass wir es geschafft haben, ins Finale nach Köln zu kommen. Und, ja: Ich bin schon ganz gespannt.

Welche Gefühle verspüren Sie vor Ihrem ersten Finale?

Ich würde nicht so weit gehen und von einem Traum sprechen. Aber es werden viele Emotionen mit im Spiel sein. Auch schon am Tag davor bei der Anreise. Es wird ein Gefühl von Heimat aufkommen.

Köln ist bereits zum 15. Mal Austragungsort des DFB-Pokal-Finales der Frauen. Ist das Endspiel aus Müngersdorf überhaupt noch wegzudenken?

Ich finde es total schön, dass sich das Pokal-Finale der Frauen von dem der Männer abgegrenzt hat. Die Größe des Kölner Stadions ist super. Ein ausverkauftes Haus ist ein Zeichen dafür, dass es genau richtig ist, das Finale im Rhein-Energie-Stadion auszutragen. Die Atmosphäre dort ist immer super. Was wünscht man sich mehr?

Wolfsburg gegen München ist das Duell der beiden führenden Frauen-Teams hierzulande. Was erwartet die Zuschauer?

Beide Mannschaften sind in einer guten Verfassung. Keiner wird dem anderen etwas schenken wollen. Es wird ein intensives, hart umkämpftes Finale, das hoffentlich einen guten Ausgang für uns finden wird.

Auf was wird es ankommen?

Es wird um Kleinigkeiten gehen. Wir müssen Vollgas geben, die Zweikämpfe annehmen und von Anfang an da sein. Wir müssen versuchen, die Bayern nach hinten zu drängen. Und dann müssen wir bereit sein für Tore.

Wolfsburg hat den DFB-Pokal neunmal in Folge gewonnen. Könnte das ein Vorteil sein?

Wir sind natürlich stolz darauf, dass wir neunmal in Folge den Pokal gewinnen konnten. Wir kennen das Kölner Stadion sehr genau. Aber jedes Spiel ist ein neues Spiel. Deshalb würde ich nicht zwingend von einem Vorteil für uns sprechen.

In der Bundesliga geht der Titel zum zweiten Mal in Folge nach München. Warum?

Es waren Nuancen, die bei den Münchnerinnen einfach besser waren. Vielleicht lag das Spielglück auch mal mehr auf ihrer Seite. Dennoch haben wir eine solide Saison gespielt. Es gibt immer Sachen, an denen man arbeiten und die man hinterfragen muss.

Wie bewerten Sie die Diskussion über eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse im deutschen Frauenfußball?

Ich finde es schwierig, schon nach so kurzer Zeit zu sagen, dass Bayern München der neue Verein an der Spitze des deutschen Frauenfußballs sein wird. Man darf uns auf gar keinen Fall abschreiben. Das finde ich auch nicht in Ordnung.

Warum genau?

Wir sind immer noch der VfL Wolfsburg. Wir haben viele, viele Jahre lang die Meisterschaft gewonnen und waren in der Champions League immer ganz vorne mit dabei. Auch wenn Bayern nun zum zweiten Mal in Folge die Meisterschaft gewonnen hat, heißt das nicht, dass wir nur noch die zweite Kraft sind. Ich finde nicht, dass Bayern an uns vorbeigezogen ist. Das ist keine Wachablösung.

Ist die Motivation, den DFB-Pokal zu verteidigen, dadurch noch einmal gestiegen?

Die Motivation, den Pokal zu gewinnen, ist riesengroß. Das ist der einzige Titel, den wir dieses Jahr noch mitnehmen können. Dann wollen wir diesen Titel natürlich auch unbedingt haben. Das steht außer Frage. Wir bereiten uns intensiv darauf vor und sind heiß auf den Sieg.

Wie groß ist der Druck in Wolfsburg nach dem erstmaligen Verpassen der Champions League seit 2013 und des Meistertitels?

Natürlich gehen wir beim VfL Wolfsburg mit dem Ziel in eine Saison, alle drei Titel zu gewinnen. Dieses Jahr hat das nicht optimal funktioniert. Nun wollen wir den Pokal mit nach Wolfsburg holen. Dorthin, wo er hingehört.

Vor Ihrem Wechsel im Sommer 2023 nach Wolfsburg standen Sie vier Jahre lang beim HSC Montpellier unter Vertrag. Wie wertvoll war die Zeit in Frankreich?

Ich denke, dass ein Schritt ins Ausland sowohl sportlich als auch für die Persönlichkeitsentwicklung immer supergut ist. Ich habe mich dafür entschieden, um einfach mal etwas Neues zu sehen und um mich weiterzuentwickeln. Ich bin total froh, dass ich den Schritt gegangen bin. Ebenso war es aber die richtige Entscheidung, zurück in die Bundesliga zu kommen, um mit dem VfL Wolfsburg Titel zu gewinnen. Der Verein ist für mich die Topadresse.

Sie waren in Leverkusen, Potsdam und Montpellier Stammtorhüterin. Wie groß ist für Sie die Umstellung, in Wolfsburg die Nummer zwei hinter Merle Frohms zu sein?

Es ist natürlich klar, dass jeder spielen möchte. Ich war meine ganze Karriere lang Stammtorhüterin. Das bin ich derzeit nicht. Diesen Ist-Zustand muss ich akzeptieren, auch wenn ich mich nicht mit ihm zufrieden gebe.

Wie interpretieren Sie Ihre Rolle?

Im Training ist es für mich persönlich irrelevant, ob ich spiele oder nicht. Ich gebe in jedem Training Gas, weil mir das Ganze einfach Spaß macht. Ich bleibe positiv, um Merle bestmöglich auf die Spiele vorzubereiten, um für die Mannschaft da zu sein und um ihr ein gutes Gefühl zu geben.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

Das ist wirklich schwer zu sagen. 32 ist eigentlich das perfekte Torwartalter. Es gibt verschiedene Überlegungen. Ich habe auf jeden Fall noch eine weitere Saison Vertrag beim VfL. Ich kann mir vorstellen, über 2025 hinaus in Wolfsburg zu bleiben. Ich kann mir vorstellen, eines Tages das Trikot des 1. FC Köln zu tragen. Ich kann mir vorstellen, noch mal ins Ausland zu gehen. Ich kann mir vorstellen, die Karriere zu beenden. Das steht also wirklich noch in den Sternen.

Sie haben das Torwartspiel beim FC Germania Zündorf erlernt. Wie blicken Sie auf Ihre Anfänge zurück?

Allein schon den Namen FC Germania Zündorf wieder zu hören, ist ein schönes Gefühl. Das war die Zeit mit meinen Jungs auf der Asche. Vor meinem Wechsel zu den Mädchen habe ich bis zur B-Jugend bei den Jungen gespielt, das war damals noch erlaubt. Das hat mich total geprägt. Es war genau das Richtige, so lange bei den Jungs zu bleiben. Wenn ich mal Sprüche kassiert habe wie „Was machst du denn da im Tor als Mädchen?“, dann haben mich die Jungs immer unterstützt. Das war einfach super.

Welche Rolle spielt Ihr Vater, Sky-Kommentator Jürgen Schmitz, in Ihrer Karriere?

Eine wirklich große. Er hat mich ganz lange Zeit selbst trainiert. Er hat mich immer unterstützt, ist mit zu den Spielen gekommen und hat auch Kritik geäußert, wenn es mal nicht gut lief. Das bringt einen ja auch voran. Auch heute noch sprechen wir über meine Spiele. Ich kann mich auf sein Lob immer verlassen. Aber ich kann mir manchmal auch was anhören (lacht).

Haben Sie noch viel Kontakt nach Köln?

Total viel. Meine ganze Familie lebt in Köln. Es ist schön, zum Finale wieder nach Hause zu kommen. Ich würde mich freuen, irgendwann hier auch wieder dauerhaft zu landen.

Mussten Sie viele Tickets für das Finale organisieren?

Circa 30, also ordentlich.

Das ist ja fast ein eigener Fanclub.

Sie werden auch alle meinen Namen rufen und Plakate hochhalten (lacht).


Zur Person

Lisa Schmitz, geboren am 4. Mai 1992 in Köln, steht seit der Saison 2023/24 beim VfL Wolfsburg unter Vertrag. Als Vertreterin von Nationaltorhüterin Merle Frohms bestritt sie bislang vier Bundesliga- sowie zwei Qualifikationsspiele zur Gruppenphase der Champions League für den VfL. Auf ihren vorherigen Profi-Stationen beim HSC Montpellier (2019 bis 2023) sowie bei Turbine Potsdam (2015 bis 2019) und Bayer 04 Leverkusen (2009 bis 2015) war sie jeweils Stammtorhüterin. In Ihrer Vita stehen 159 Bundesliga-Einsätze. Ausgebildet wurde Schmitz in der Jugend des FC Germania Zündorf, ehe sie 2008 unters Bayer-Kreuz wechselte. Die frühere Junioren-Nationaltorhüterin wurde 2008 mit der U17 Europameister und holte im selben Jahr Bronze bei der Weltmeisterschaft. 2011 gewann sie mit der U19 erneut den EM-Titel. Hinzu kommen zwei Partien für die A-Auswahl des DFB. (tca)

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