Philipp Walter ist seit 2018 Geschäftsführer der Haie. Der frühere Pressesprecher und Marketingleiter hat den achtfachen deutschen Eishockeymeister mit seinem Team saniert, zu Zuschauer-Rekorden und zum Hauptrundensieg geführt. Martin Sauerborn hat vor den Playoffs mit dem 51-Jährigen gesprochen.
Kölner Haie Interview„Wir sind hungrig und bleiben es“

Der Blick geht nach oben: Geschäftsführer Philipp Walter von den Kölner Haien.
Copyright: IMAGO/Beautiful Sports
Herr Walter, Sie waren als Reporter für Radio Köln live dabei, als die Kölner Haie 2002 deutscher Eishockey Meister geworden sind. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Moment?
Das war vor 24 Jahren und ich war erst Mitte 20. Ich spüre noch die Sonnenstrahlen des Friedrichsparks. Es ist sehr präsent, weil es so eine intensive Zeit war und es unheimlich viel Freude gemacht hat. Für die Haie war es eine Geschichte, wie sie im Buche stand. Sie sind ohne Erwartungen als Sechster in die Playoffs eingezogen und haben gezeigt, was Zusammenhalt auslösen kann. Jeder hat seine Rolle akzeptiert, es ist eine Wagenburg-Mentalität entstanden. Das hat zu diesem maximalen Erfolg geführt.
Für die Haie war ein Titel zu dieser Zeit noch etwas normaler als in der Gegenwart, oder?
Jede Meisterschaft ist etwas Besonderes: Für den Club war die Meisterschaft 2002 nach sieben titellosen Jahren alles andere als selbstverständlich, auch wenn der KEC 1996 und 2000 im Finale stand.
Was hat Sie damals an den Haien begeistert?
Der KEC war und ist ein großer Club, mit Strahlkraft, viel Selbstbewusstsein und sich seiner Markenstärke bewusst.
Sie sind erst Pressesprecher und dann Marketingleiter beim KEC geworden, waren dann zwei Jahre beim SC Freiburg und sind 2018 als Geschäftsführer zu den Haien zurückgekehrt. Welche Rolle hat die starke Marke Kölner Haie in Ihrer Strategie den Club zu führen gespielt?
Wir haben diese Marke immer als Basis verstanden, wenn es darum geht, den Standort zu sichern und weiterzuentwickeln. Eine herausragende Basis, die mit Bekanntheit und Popularität positiv besetzt war und die uns die Möglichkeit gegeben hat, die Entwicklung in den zurückliegenden Jahren so voranzutreiben. Gleichzeitig war es ein jahrelanger Prozess, der von Corona unterbrochen war. Eine große Herausforderung und ein tiefer Einschnitt, den wir genutzt haben, unsere Digitalisierungsthemen und die strategische Ausrichtung zu überdenken und neu auszurichten. Genau darin liegt eine der Stärken unserer Organisation. Wir sind hungrig und bleiben es. Wir nehmen nichts für selbstverständlich, hinterfragen, reflektieren, bleiben neugierig und sind mit Freude bei der Arbeit.
Wie schaffen Sie es, dass das Geschäftsstellen-Team Jahr für Jahr hungrig bleibt?
Bei den Haien arbeiten Menschen, die eine hohe intrinsische Motivation mitbringen. Sie wollen gestalten und erfolgreich sein.
Ist der Prozess bei den Haien immer geradlinig verlaufen?
Es geht mal in kleineren, mal in größeren Schritten in eine gute Richtung. Wir haben viele gute Entscheidungen getroffen und sicherlich auch mal danebengelegen. Das gehört dazu und wir haben aus diesen Fehlern gelernt. Bei unseren grundlegenden Entscheidungen lagen wir aus heutiger Sicht richtig. Aktuell greifen die Rädchen ineinander, im sportlichen Bereich wie im kaufmännischen Bereich.
Ein gutes Beispiel ist die tolle Entwicklung der Zuschauerzahlen mit drei Rekorden hintereinander. Wie konnte es gelingen, dass bei den Haien zuerst mehr Zuschauer gekommen sind und dann der sportliche Erfolg? Normalerweise läuft eine solche Entwicklung umgekehrt.
Wir haben während Corona im Bereich Digitalisierung und CRM-System strategische Entscheidungen getroffen, die wir danach großzügig umsetzen konnten. Dazu kommt der emotionale Faktor, dass die Menschen große Lust auf Live-Erlebnisse hatten, auf Live-Begegnungen, auf Live-Sport. Die guten Zuschauerzahlen fallen in eine Zeit, in der es sportlich keinen Peak nach oben gibt. Die sportliche Entwicklung hat dann dazu beigetragen, dass das Zuschauen noch mehr Spaß macht. Die positive Entwicklung unserer Zuschauerzahlen ist eine Summe von vielen Teilen. Es ist nicht die eine Marketingmaßnahme, es ist nicht der Derbysieg gegen Düsseldorf, es ist nicht der eine gute Termin am Sonntagnachmittag. Es ist uns gelungen Menschen sehr gezielt, sehr gut anzusprechen und wir haben unsere Sichtbarkeit in der Stadt erhöht. Das alles befeuert sich gegenseitig und letztendlich hat sich daraus auch eine Heimstärke unserer Mannschaft entwickelt.
Die ganze Liga macht einen guten Job. Die Haie sind ein Stück weit Vorreiter in vielen Dingen.
Mehr als 18.000 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Haien. Die Lanxess-Arena ist zu 97 Prozent ausgelastet. Lautet das Ziel, den Status Quo zu halten oder wollen die Haie wie der FC Bayern bei jedem ihrer Heimspiele ausverkauft melden?
Die Zuschauerzahlen sind sehr bedeutsam. Für uns geht es um eine wirtschaftliche Entwicklung. Da wollen wir besser werden. Natürlich gibt es die Motivation, diese möglicherweise letzten Schritte zu „immer ausverkauft“ schaffen zu wollen. Es ist kein offizielles Ziel, aber alle hier haben Lust daran, diesen Rekord weiterzuführen.
Es gibt die These, dass die Haie mit Ihrer Steigerung der Zuschauerzahlen andere DEL-Clubs mitgezogen haben. Stimmen Sie dem zu?
Die ganze Liga macht einen guten Job. Die Auslastung der Hallen liegt bei mehr als 93 Prozent. Die Clubs befeuern sich gegenseitig und sind auf dem Markt nicht wirklich Konkurrenten. Das Ticketing ist eher ein regionaler Markt. Die Clubs lernen voneinander, alle profitieren von einer erfolgreichen Liga und die Haie sind da ein Stück weit Vorreiter in vielen Dingen.
Welchen Stellenwert hat Eishockey in Deutschland im Jahr 2026?
Er steigt, was an Umsatzzahlen, Zuschauerzahlen und medialen Reichweiten ablesbar ist. Die Erfolge der Nationalmannschaft und die steigende Anzahl an deutschen NHL-Profis trägt ihren Teil zum Erfolg bei. Eishockey vermittelt ehrlichen, authentischen Sport. Danach sehnen sich die Menschen.
Inwieweit macht der wirtschaftliche Erfolg die Haie unabhängiger von ihrem Hauptgesellschafter Frank Gotthardt?
Um als Sportorganisation den Standort zu sichern und weiterzuentwickeln, braucht es wirtschaftliche Solidität und eine nachhaltige Planung. Da spielen die Umsatzsäulen Ticketing, Hospitality, Sponsoring und Merchandising eine wichtige Rolle. Unsere Zielsetzung ist es, die Unabhängigkeit von den Gesellschaftern weiter zu erhöhen. Wir befinden uns auf einem sehr guten Weg, dass sich das Investment der Gesellschafter weiter verringert. Zur Wahrheit unseres Standorts gehört aber auch, dass wir mit der Spielstätte und der Trainingsstätte im Vergleich zu anderen Standorten einen exorbitant höheren Kostenapparat zu tragen haben.
Es ist eine Lösung, die wichtig war, um diesen gordischen Knoten der Terminfindung in den Playoffs ein Stück weit zu zerschlagen.
Die Zusammenarbeit mit dem Arena-Management funktioniert seit Jahren trotz aller Probleme und Herausforderungen. In den anstehenden Playoffs greift erstmals die Regelung, dass die Haie in jeder Serie trotz Heimrecht mit einem Auswärtsspiel beginnen, damit die Arena die Termine etwas besser planen kann. Ist das eine Hilfe oder bedeutet dies sportlich einen Nachteil?
Was es sportlich bedeutet, werden wir nach den Playoffs wissen. Es ist eine Lösung, die wichtig war, um diesen gordischen Knoten der Terminfindung in den Playoffs ein Stück weit zu zerschlagen. Dass wir das so angehen mussten, zeigt, mit welchen Herausforderungen wir zu kämpfen haben.
Sportlich sind die Haie erfolgreich und haben zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 wieder eine Hauptrunde gewonnen. Welche Faktoren haben dazu geführt?
Wir haben auch da einen Prozess durchlaufen. Die Verpflichtung des Trainerstabs mit Chefcoach Kari Jalonen vor der Saison 2024/25 war ein wichtiger Baustein. Ein anderer sind die Entscheidungen, die Sportdirektor Matthias Baldys bei der Kaderplanung getroffen hat Wir waren im ersten Jahr mit Kari Sechster und haben nach der Finalniederlage gegen Berlin weitere, klare Personal-Entscheidungen getroffen und waren davon überzeugt, dass es die richtigen sind.
Was zeichnet den DEL-Trainer des Jahres Kari Jalonen aus?
Er ist sehr klar und weiß, was er will. Er legt enormen Wert auf den Teamzusammenhalt, dass die Rollen akzeptiert werden und fordert viel ein. Die Teamchemie hat er auch durch Aktivitäten außerhalb der Eishalle gefördert und die Familien dabei eingebunden.
Die Zusammenarbeit mit Jalonen endet nach dieser Saison. Wie traurig macht das Philipp Walter?
Karis Entscheidung war eine klare. Wir haben offen darüber gesprochen, es auch offen nach innen und außen kommuniziert. Die Klarheit hat geholfen. Weder er noch wir hadern, sondern wir gehen bestmöglich damit um.
Ein Trainerwechsel bringt Veränderungen. Kann die Erfolgsgeschichte des KEC ohne Jalonen weitergeschrieben werden?
Es warten neue Herausforderungen auf uns und es startet ein neuer Prozess. Aber dies hat für uns aktuell keine Priorität, unser voller Fokus liegt auf den anstehenden Playoffs. Alles andere folgt nach der Saison.
Sie haben die Rolle von Matthias Baldys angesprochen, der nach dem Trainerwechsel von Uwe Krupp auf Kari Jalonen so ein wenig aus dem Schatten der öffentlichen Wahrnehmung getreten ist.
Ich verstehe diese Sichtweise, weil Matthias kein Lautsprecher ist. Er ist hochkompetent und eine prägende Figur in der Haie-Organisation. Matthias ist der Architekt dieser Mannschaft, arbeitet klar, ist in der Komplexität seiner Aufgabe sehr aufmerksam und wach.
Wie ist es ihm gelungen, einen Goalie wie Janne Juvonen zu den Haien zu lotsen?
Es ist sein Job, den Markt 365 Tage im Jahr zu beobachten. Irgendwann ist der Name eines solchen Spielers präsent und es geht um weitere Informationen, sich möglichst viel Wissen anzueignen und aus Überzeugung eine Entscheidung zu treffen. Durch die Verletzung von Felix Brückmann war es nötig, einen neuen Goalie zu verpflichten.
Wir tun gut daran, in den Playoffs im Moment zu leben und nicht den zweiten vor dem ersten Schritt zu denken.
Die Haie gehen als Favorit in die Playoffs. Was würde der erste Titel nach 24 Jahren für den Club bedeuten?
Wir tun gut daran, in den Playoffs im Moment zu leben und nicht den zweiten vor dem ersten Schritt zu denken. Wir konzentrieren uns auf das erste Spiel am Mittwoch. Damit sind wir in dieser Saison gut gefahren.
Die Haie sind Hauptrundensieger. Was macht Sie zuversichtlich, dass die Mannschaft die Leistung in die Playoffs transportieren kann?
Unser Team hat sich großes Selbstbewusstsein erarbeitet und glaubt an sich.
Haben Sie eine sportliche Vison für die nächsten Jahre?
Wir wollen weiter eine gute Rolle spielen und weiter gute Entscheidungen treffen. Das ist eine Herausforderung und es ist nicht selbstverständlich, dass es so weitergeht. Wir wollen uns ambitioniert und demütig in einer starken Liga weiterhin behaupten.
Was bedeutet der Einzug in die Champions Hockey League für den KEC?
Die CHL genießt bei uns als höchster sportlicher Wettbewerb im europäischen Eishockey einen hohen Stellenwert. Die Teilnahme ist eine Belohnung für die Mannschaft, den Club und etwas Besonderes für unsere Fans.
Es heißt, dass die größten Fehler im Erfolg gemacht werden. Wie vermeiden die Haie das?
Wir müssen im Erfolg mutig bleiben. Unsere Entscheidungen nach dem Finaleinzug im vergangenen Jahr haben das unterstrichen.
