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Spurensuche in Köln
„Tschik“ – der Menschentrainer, der Köln und Bayern prägte

6 min
Kapitän Hans Schäfer vom 1. FC Köln (l) jubelt mit der Meisterschale über den Gewinn der Deutschen Fußball-Meisterschaft beim Empfang in der Kölner Innenstadt. Neben ihm jubeln Trainer Zlatko „Tschik“ Cajkovski (2.v.l.) und Fritz Pott (Archivfoto vom 13.05.1962).

Kapitän Hans Schäfer vom 1. FC Köln (l) jubelt mit der Meisterschale über den Gewinn der Deutschen Fußball-Meisterschaft beim Empfang in der Kölner Innenstadt. Neben ihm jubeln Trainer Zlatko „Tschik“ Cajkovski (2.v.l.) und Fritz Pott (Archivfoto vom 13.05.1962).

Mit Zlatko „Tschik“ Cajkovski kam 1955 ein Weltstar nach Köln – und blieb als Trainer, Charismatiker und Menschenfänger unvergessen. Er führte den 1. FC Köln zur ersten deutschen Meisterschaft und begeisterte mit Herz, Humor und unorthodoxen Methoden.

Sein Spitzname Tschik bedeutet Zigarettenstummel und spielt unter anderem auf seine geringe Körpergröße an. Mit Zlatko Cajkovski wechselte im Sommer 1955 aber ein anerkannter Weltstar zum westdeutschen Oberligisten 1. FC Köln. Der in Zagreb geborene Mittelfeldspieler hatte mit der jugoslawischen Nationalmannschaft bei den olympischen Spielen 1948 und 1952 die Silbermedaille errungen, hatte bei der Weltmeisterschaft 1954 knapp gegen Deutschland verloren und war gerade mit Belgrad Pokalsieger geworden. Nun hatte der 57-fache Nationalspieler mit 33 Jahren die vom Regime geforderte Altersgrenze erreicht und durfte ins Ausland wechseln. Fußball war in Deutschland noch kein Profisport, sodass der gelernte Lederkaufmann als Student seine Wohnung in der Berrenrather Straße 134 in Sülz bezog.

Herausforderungen und Erfolge unter Weisweiler

Trainiert wurde Cajkovski vom nur vier Jahre älteren Hennes Weisweiler. Der nahm seinen mit Sprachproblemen kämpfenden Star hart in die Mangel, wenn dieser mal wieder publikumswirksam Lacher provozierte, indem er den Ball mit dem Gesäß stoppte, andererseits aber so gar keine Lust auf Abwehrarbeit hatte. „Weisweiler brüllte mich auf dem Spielfeld immer nur an: „Arschloch, decken!“, erinnerte sich Cajkovski später. Das hielt ihn aber nicht davon ab, an der Sporthochschule Köln bei Weisweiler das Trainerexamen abzulegen. Später, wenn eine von ihm betreute Elf einmal gegen ein von Weisweiler trainiertes Team erfolgreich war, frohlockte er gerne: „Hat Tschik wieder seinen Professor besiegt.“

Triumph der Geißböcke: Der erste Meistertitel

In dieser neuen Trainerrolle kam der ehemalige Starspieler 1961 zum 1. FC Köln zurück und zog in die Münstereifeler Straße 55, ganz in der Nähe des Beethovenparks. Dass er immer noch eher deutsch radebrechte als sprach, fiel nicht ins Gewicht. Unter der Leitung des Temperamentbündels („Ruhe sein für mich Gift“) gewannen die Geißböcke um Weltmeister Hans Schäfer und Karl-Heinz Schnellinger zweimal die Westdeutsche Meisterschaft. 1962 aber war es endlich so weit. Durch einen 4:0-Sieg über Titelverteidiger Nürnberg holte der 1. FC Köln seine erste Deutsche Meisterschaft. „Das war mein schönster Erfolg“, sollte Tschik später sagen. „Ich war von der Zuschauerkulisse der 90.000 Besucher im Berliner Olympiastadion beeindruckt.“

Das Verhältnis insbesondere zum so bewunderten wie gefürchteten Präsidenten Franz Kremer war allerdings nicht ohne Spannungen. Beim ersten Spiel im Europapokal der Landesmeister hatte es für Köln in Dundee eine schallende 1:8-Klatsche gegeben. Auf dem Heimflug fürchtete sich Cajkovski derart vor der Standpauke, die ihn im Vereinsheim erwartete, dass er sagte: „Am besten wäre, Flugzeug stürzt ab.“

Wechsel zu Bayern München: Ein Neustart in der Regionalliga

Verständlich, dass sich Cajkovski trotz seines Erfolgs in Köln mit anderen Angeboten beschäftigte – etwa aus Rotterdam. Das passte Präsident Kremer wiederum gar nicht. Er verzichtete auf eine Verlängerung von Cajkovskis Vertrag. So stand dieser letztmals an der Seitenlinie, als seine Mannschaft 1963 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft verlor. Georg Knöpfle sollte es sein, der 1964 mit Köln erster Meistertrainer in der neugegründeten Bundesliga wurde. Und Cajkovski? Weinte hemmungslos beim Abschied aus Köln, so dass ihn der mittlerweile besänftigte Kremer prophetisch tröstete: „Sie dürfen immer wiederkommen.“ Auch Tschik war nicht nachtragend. „Franz Kramer war bestes Präsident, das Köln je hatte“, schwärmte er später.

Den geplante Wechsel nach Rotterdam kam letztlich nicht zustande. Stattdessen wechselte Tschik zu einem Regionalligisten: Bayern München. Hier in der Zweitklassigkeit trainierte er unbekannte Spieler wie etwa den Torwart Sepp Maier, der dem Trainer den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Mister Spanferkel“ verlieh. Oder einen etwas unförmig wirkenden Stürmer, den Cajkovski „kleines, dickes Müller“ nannte – wobei Gerd Müller seinem Trainer von der Figur durchaus nah kam. „Ball rund, Stadion rund, ich rund“, gestand Tschik angesichts von 90 Kilo bei 1,64 Meter Körpergröße ein. Und schließlich Franz Beckenbauer, dessen dürre Körperstatur Cajkovski anfangs ebenfalls wenig behagte. Doch schnell erkannte er dessen Talent und holte ihn von der Jugend zu den Profis. „Franz. Sie größtes Fußballer seit Tschik“, soll er zu Beckenbauer gesagt haben. „Ich mache Weltmeister aus Ihnen. Tschik und Beckenbauer bald größtes Fußballer-Gespann in Europa und in Welt.“

Aufstieg in die Bundesliga und internationaler Erfolg

Tatsächlich stieg Bayern München im zweiten Anlauf in die Bundesliga auf, belegte in seiner ersten Bundesliga-Saison den dritten Platz und gewann den DFB-Pokal. 1967 folgte sogar der erste internationale Titel: Europapokal der Pokalsieger. Der geschäftstüchtige Trainer hatte sich vom damaligen Regionalligisten voller Optimismus eine für damalige Verhältnisse überaus großzügige Prämie von 100.000 Mark in seinen Vertrag schreiben lassen.

1968 verließ Cajkovski Bayern München – Hannover bot ihm als erstem Trainer ein Monatsgehalt von stolzen 20.000 D-Mark. Und so gewann sein Nachfolger 1968 Bayern Münchens ersten Bundesligatitel. Gemütsmensch Cajkovski hingegen kam im kühlen Norden so gar nicht klar. „Wenn die Spieler nicht zu mir passen, ist es, als ob man beschlägt Frösche mit Hufeisen“, klagte er. Nach seiner Entlassung begann eine kleine Odyssee mit mehreren weniger erfolgreichen Stationen. 1973 kehrte er dann zum damaligen Vizemeister 1. FC Köln zurück, der nach schlechtem Saisonstart auf dem drittletzten Tabellenplatz stand. Unter Cajkovski wurde die Mannschaft am Saisonende immerhin noch fünfter.

Rückkehr nach Köln und das Ende einer Ära

Aber letztlich hielt sich der Erfolg des Rückkehrers doch in Grenzen. Auch weil er irgendwann die Mannschaft verlor. „Das ist kein Unvermögen“, witzelte er etwa, nachdem sein Spieler Dieter Müller etliche Torchancen vergeben hatte. „Bei uns ist das Kunst.“ Fanden viele amüsant. Seine Spieler eher nicht – zumal bei ausbleibendem Erfolg. „Der hat keine Ahnung von modernem Fußball“, schimpfte Weltmeister Wolfgang Overath über seinen Trainer.

1975 musste Tisch seinen Hut nehmen. Tatsächlich scheint sein Faible für Taktik eher überschaubar gewesen zu sein. „Immer gehen in die Strafraum.“ „Musst Du hinten zumachen.“ „Freude am Spiel haben.“ Solche Sätze spickten das Training und die Spielersitzungen, die zumeist nach zehn Minuten vorbei waren und wohl eher begeisternden als informativen Charakter hatten. „Da haben wir gerade den Namen des Gegners in gebrochenem Deutsch erfahren“, frotzelte ein Spieler Tschik hinterher.

Erfolg in Athen und das Erbe des Weltenbummlers

Während der 1. FC Köln 1978 unter der Leitung von Hennes Weisweiler das deutsche Double feierte, gewann Weltenbummler Zlatko Cajkovski mit AEK Athen das griechische Double.

„Ohne Futball ich toter Mann“, sagte Cajkovski einmal im Interview. Schwer zuckerkrank verstarb Cajkovski nach etlichen Operationen am 27. Juli 1998 in München. Auch in Köln war die Trauer groß. Wolfgang Overath, den Cajkovski immer Nikita genannt hatte, bezeichnete seinen ehemaligen Übungsleiter als „einen großen Trainer mit einem großen Herzen.“ „Er konnte eine Mannschaft begeistern wie kein zweiter“, sagte Hannes Löhr. „Ich habe seine positiven Fähigkeiten bewundert.“