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Glyphosat-RechtsstreitBayer hofft auf ein Ende der Auseinandersetzungen

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Den Unkrautvernichter Glyphosat im Mittel Roundup machen Kläger in den USA für ihre Krebserkrankung verantwortlich.

Bayer hat mit Anwaltskanzleien einen Vergleichsvorschlag im Rechtsstreit rund um Glyphosat erarbeitet. Der Konzern hofft auf einen Befreiungsschlag. 

Gelingt Bayer mit dem Vergleich ein Befreiungsschlag?

„Der Vergleich ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Markus Manns, Fondsmanager bei der genossenschaftlichen Union Investment. Er reduziere Bayers Risiko im für den Fall eines negativen Ausgangs des Verfahrens vor dem US Supreme Court. Hier geht es im Kern darum, ob Bayer ausreichend vor möglichen Gefahren gewarnt hat. Wegen fehlender Warnungen hatten Gerichte in den Bundesstaaten Bayer zu hohem Schadensersatz verurteilt. Entscheidet der Supreme Courts anders, könnte wegen eines Vorrangs von Bundesrecht derartigen Entscheidungen in den Bundesländern die Basis entzogen sein. Von einem Befreiungsschlag möchte Manns erst sprechen, wenn der Supreme Court im Sinne Bayers entscheidet, der Richter in St. Louis dem Einigungsvorschlag zustimmt und eine ausreichende Anzahl Kläger den Vorschlag annehmen.

Wie hat sich Bayer die Probleme rund um Glyphosat ins Haus geholt?

2019 übernahm Bayer den US-Konzern Monsanto, der Glyphosat herstellt. Die Übernahme kostete den Pharma- und Agrochemiekonzern 63 Milliarden US-Dollar. Schon vor der Übernahme gab es Klagen, da Glyphosat im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Mit der Übernahme nahmen die Klagen zu, zuletzt nannte Bayer die Zahl 197.000. Worum geht es in dem Rechtsstreit?Im Rechtsstreit geht es im Kern um die Frage, ob Glyphosat für die Krebserkrankungen der Kläger verantwortlich gemacht werden kann. Viele der Kläger erkrankten an Lymphdrüsenkrebs. Bayer betont, das Mittel sei sicher. Mehrere Regulierungsbehörden aus den USA und der EU haben das Mittel bei sicherer Anwendung als ungefährlich eingestuft.

Wie haben die Gerichte bislang entschieden?

Es gab positive Urteile für Bayer, die sind laut Konzern sogar in der Mehrheit. Aber die verlorenen Verfahren schmerzen. In den USA gibt es hohen Schadensersatz, Gerichte verhängen zusätzlich auch noch einen sogenannten Strafschadensersatz. So hatte ein Geschworenengericht in Pennsylvania 2024 einem Mann, der Glyphosat für seine Krebserkrankung verantwortlich macht, einen Schadensersatz von 250 Millionen Dollar zugesprochen und Bayer zusätzlich zu einer Strafzahlung von zwei Milliarden verurteilt. Auf den Einspruch von Bayer reduzierte das eine Richterin später auf 50 Millionen Schadensersatz und 350 Millionen Strafschadensersatz. Bayer hatte Berufung angekündigt. Offen waren Mitte Oktober noch rund 65.000 Fälle. In 132.000 Fällen von insgesamt 197.000 hatte sich Bayer mit den Klägern verglichen oder die Fälle hatten laut Bayer die dafür nötige Voraussetzungen nicht erfüllt.

Geht es vor den Gerichten nur um Glyphosat?

Neben den Glyphosat-Klagen gibt es Klagen rund um die Chemikalie PCB, die sich Bayer ebenfalls mit der Monsanto-Übernahme ins Haus geholt hatte. Dabei geht es etwa um Belastung durch die Chemikalie in „Bauprodukten“ der Schule Sky Valley Education Center im Bundesstaat Washington. Die machen Lehrer für Hirnschädigungen verantwortlich. Außerdem geht um Umweltschäden durch das seit Jahrzehnten verbotene Mittel. Die PCB-Fälle erreichen aber bei weitem nicht das Ausmaß der Glyphosat-Klagen.

Was sieht der Vergleichsvorschlag vor?

Bei einer Genehmigung durch das Gericht würde die Bayer-Tochter Monsanto über bis zu 21 Jahre insgesamt maximal 7,25 Milliarden US-Dollar auszahlen, so Bayer. Die Zahlungen würden jährlich abnehmen und wären gedeckelt. Monsanto hatte bereits weitere vertrauliche Vergleiche vereinbart, um andere Glyphosat-Fälle beizulegen. Darüber hinaus hatte sich Monsanto Anfang dieses Jahres auch zu den acht verbliebenen PCB-Urteilen am Sky Valley Education Center verglichen. Die Konditionen sind ebenfalls vertraulich.

Was sind die weiteren Schritte?

Der Vergleich muss zunächst vom zuständigen Gericht genehmigt werden. Und dann müssen viele Kläger dem Vergleich zustimmen. Bayer hofft laut Konzernchef Bill Anderson auf eine Quote in Richtung von 100 Prozent. Wie viele zustimmen, hängt auch von einer Entscheidung des Supreme Courts ab. Entscheidet das Oberste US-Gericht für Bayer, würden Klagen, die sich auf Regeln von Bundesstaats stützen, der Boden entzogen und die Bereitschaft zum Vergleich wohl erhöhen. Verliert Bayer, würde die Bereitschaft sinken.

Was verspricht sich Bayer von dem Vergleich?

Von dem Vergleich erhofft sich Bayer finanzielle Sicherheit und Kontrolle. Das Unternehmen bekäme Geld frei für die Entwicklung neuer Medikamente, Zell- und Gentherapien oder dürreresistentes Saatgut. „Finanziell ist der Spielraum eher eingegrenzt, da die Schuldenbelastung ansteigt“, sagt Manns von Union Investment aber auch. Ein steigender Aktienkurs verringere aber den Druck zur Abspaltung der Sparte Consumer Health mit rezeptfreien Mitteln. Das erhöhe den Spielraum. „Das Thema könnte im nächsten Jahr erneut diskutiert werden, sollte die derzeitige Erholung des Aktienkurses nicht nachhaltig sein“, so Manns. Dabei habe eine Abspaltung nicht nur Vorteile. Sie erfordere eine langfristige Planung von 1 bis 2 Jahren, um die Sparte selbstständig aufzustellen, verursache zusätzliche Kosten und Management-Kapazität. Das Management ist auf gutem Weg zu zeigen, dass auch ohne eine Abspaltung von Consumer Health ein mittelfristiger Wertzuwachs realisiert werden kann. Ohnehin habe sich Bayer unter Bill Anderson in die richtige Richtung entwickelt, so Manns: „Die Pharma-Pipeline hat sich vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger gewandelt.“ Operativ habe der Turnaround stattgefunden, und das Management habe mit drastischen Maßnahmen wie dem neuen Managementsystem DSO und zuverlässigen Ausblicken verlorenes Investorenvertrauen zurückgewonnen.

Welche neuen Produkte sollen für Umsatz und Gewinn sorgen?

Manns verweist etwa auf die neuen Medikamente Lynkuet und Asundexian. Bayer hat kürzlich in den USA und Europa die Zulassung von Lynkuet zur Behandlung von Hitzewallungen in den Wechseljahren bekommen hat. Der Markt ist laut Manns potenziell riesig. Offen sei noch, wie hoch die Akzeptanz der Krankenkassen ist, die Kosten für das Medikament zu übernehmen. Der Markt zur Vermeidung von Schlaganfällen – genauer: zur Vermeidung von Schlaganfällen bei Patienten, die bereits einen Schlaganfall hatten – ist laut Manns circa 2 bis 3 Milliarden US-Dollar groß. Dieser Markt müsse vermutlich mit anderen Herstellern geteilt werden, die an ähnlichen Mitteln arbeiten. Bayer werde laut Manns das Medikament vermutlich in den USA selbst vertreiben und mit der Verstärkung der Präsenz in den USA ein wichtiges strategisches Ziel erreichen, da das Unternehmen derzeit im wichtigsten Pharmamarkt stark unterrepräsentiert ist. Bayer selbst verweist noch auf neue Mittel in der Agrarsparte wie den Unkrautvernichter Icafolin.