Abo

Das Glasfaser-ParadoxWarum die Breitband-Branche trotz Ausbaurekord kriselt

5 min
Bündel mit Umhüllungen für Glasfaserkabel vor einem Wohnhaus

Die Netze wachsen, doch die Kunden bleiben aus.

Investoren wenden sich von Glasfaser-Projekten ab, Unternehmen kappen Ziele oder geraten gar in Schieflage. Nicht so Netcologne. Dennoch drängen auch die Kölner auf ein Ende der DSL-Versorgung.

Auf den ersten Blick boomt der Breitbandausbau in Deutschland wie noch nie. Allein 2025 wurden nach Zahlen des Branchenverbandes VATM 5,4 Millionen Haushalte an das superschnelle Netz der Zukunft angebunden. Die Zahl der aktiven Anschlüsse stieg nach Berechnungen der Beratungsfirma Dialog Consult gar um beinahe ein Viertel.

Glasfaserausbau für Investoren„toxisch“

Allein: Die Branche ächzt. Das auch in NRW aktive Unternehmen Deutsche Glasfaser halbierte seine Ziele für den Netzausbau kürzlich. „Das Thema Glasfaser-Ausbau in Deutschland ist für Finanzierende fast schon toxisch geworden“, kommentierte Geschäftsführer Andreas Pfisterer die Entscheidung. Der Düsseldorfer Anbieter Metrofibre musste in der vergangenen Woche gar Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden. Auch hier nannte das Unternehmen als Grund einen „überraschenden Rückzug von Finanzierungspartnern“. Auf den Höhenflug beim Ausbau könnte also vielerorts ein herber Einbruch folgen. Nicht so in Köln.

Claus van der Velden, kaufmännischer Geschäftsführer bei Netcologne, will deshalb auch nicht von einer Branchenkrise sprechen, sondern von einer „neuen Reifephase“, in die der Markt eingetreten sei. Die Goldgräberstimmung, die vor drei, vier Jahren noch geherrscht habe, sei zwar vorbei. „Netcologne hat aber gezeigt, dass man auch bei hoher Ausbauaktivität mit Glasfaseranschlüssen Geld verdienen kann“, so van der Velden. Weil die Kölner ihre Expansion eher konservativ angelegt und keine Finanzinvestoren an Bord geholt haben, müssen sie derzeit auch keine Abstriche an ihren Ausbauzielen machen.

Gründe für den Stimmungswechsel

Von den vielen Gründen, die für den Stimmungswechsel unter Investoren genannt werden, lässt van der Velden nur einen Teil gelten. So seien die Baukosten zwar gestiegen, zwischenzeitlich seien Tiefbauer kaum verfügbar gewesen. „Den Hochpunkt dieser Entwicklung haben wir aber bereits überschritten.“ Mittlerweile bekäme sein Unternehmen wieder deutlich bessere Konditionen.

Auch der Verweis auf gestiegene Zinsen, die gerade langfristige Investitionen erheblich verteuern, erklärt die Abkehr der Anleger für ihn nur zum Teil. Vor allem hätten einige Investoren den Markt falsch eingeschätzt. „Wir tragen ja kein Wasser in die Wüste“, sagt van der Velden und meint damit, dass da, wo sein Unternehmen Glasfaserkabel legt, kein Versorgungsmangel herrscht, sondern sondern längst eine funktionierende Versorgung mit Kupferkabeln besteht. Die stoßen nicht so schnell an ihre Leistungsgrenzen, wie vor einigen Jahren noch vermutet wurde. Mit der Vectoring-Technik, bekannter als V‑DSL, und später dem sogenannten Supervectoring, konnte die bestehende Infrastruktur noch mehrfach kostengünstig aufgerüstet werden. Während in anderen großen EU-Staaten mit konventionellem DSL nur 50-Megabit-Bandbreiten erreicht werden, seien es in Deutschland auf Basis dieser Technologie bis zu 250 Megabit pro Sekunde, erklärte VATM-Geschäftsführer Frederic Ufer erst kürzlich auf dem Branchentreffen Anga Com Ende Mai in Köln.

„Der Druck auf die Glasfaser zu wechseln, ist daher in Deutschland viel geringer als in anderen Ländern, in denen nicht so viel ins Kupfernetz investiert wurde“, sagt auch van der Velden.

In Köln mehr als 70 Prozent Glasfaser

Das Ergebnis lässt sich in Zahlen ablesen: Obwohl heute schon etwa die Hälfte der Deutschen auf eine Glasfaseranbindung zurückgreifen könnten, nimmt nur jeder Vierte die modernen Leitungen in Anspruch. In Köln liegt das Internetkabel der Zukunft zwar bereits bei über 70 Prozent der Haushalte im Boden. Genutzt wird das Netz aber nur von 30 bis 40 Prozent der Bürger, schätzt van der Velden. Alle übrigen sind mit ihrer bisherigen Breitbandversorgung augenscheinlich zufrieden. Und das obwohl die Glasfaser eine stabilere Verbindung, geringere Reaktionszeiten und höhere Bandbreiten bietet – zum selben Preis wie das Auslaufmodell DSL, wie Netcologne betont. Weil die Datenmenge, die das Netz zu bewältigen hat, Jahr für Jahr um bis zu 30 Prozent steigt, ist der Moment, an dem die alten Leitungen an ihre Grenzen stoßen, aber absehbar.

„Wir können diesen Moment aber nicht abwarten und das Netz dann auf von heute auf morgen bauen. Die Netze müssen schon da sein, wenn der Bedarf in großem Ausmaß entsteht“, sagt van der Velden. Wann das sein wird, kann niemand seriös abschätzen. „Werden wir in Zukunft wirklich jeden Kühlschrank vernetzen? Welche Reaktionszeit benötigen KI-Anwendungen?“, auch der Netcologne-Geschäftsführer traut sich keine Prognose zu.

DSL-Netz abschalten?

Um den notwendigen Wandel in Gang zu setzen, drängt die Branche daher darauf, das alte Kupfernetz nach und nach abzuschalten. Nur so bekämen die Glasfaserfirmen Planungssicherheit, dass da, wo sie aktiv werden, auch Kunden auf ihre Netze aufspringen. Die Politik arbeitet auf mehreren Ebenen an entsprechenden Vorgaben. Der Bund könnte noch in diesem Jahr mit einer Gesetzesnovelle aktiv werden, die EU könnte mit einem einheitlichen Regelwerk für die Union 2028 folgen.

Bis sich der regulatorische Rahmen grundsätzlich ändert, setzt die Branche auf Kooperationen. Netcologne unterhält etwa Partnerschaften mit Tiefbauspezialisten und bringt im Gegenzug eigene Stärken beim Betrieb der Netze und in der Vermarktung ein.

Das „Werfen von Handtüchern“, wie van der Velden sagt, also der schnelle Ausbau, um Flächen für die eigene Firma zu reklamieren, wird deutlich zurückgehen, glaubt der Netcologne-Geschäftsführer. Stattdessen fokussiert die Branche sich darauf, Kunden für ihre bestehenden Netze zu gewinnen und baut gezielter aus. Und was wird aus Unternehmen wie dem in Schieflage geratenen Wettbewerber Metrofibre in Düsseldorf? Könnte Netcologne einspringen und die Infrastruktur dort übernehmen?

„Das ist nicht unsere Strategie“, sagt van der Velden. „Wir wollen in unseren Gebieten organisch wachsen.“ Generell ausschließen wolle er einen solchen Schritt aber nicht.