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Staatsanwaltschaft ermittelt
Schwere Vorwürfe gegen Kölner Politiker

7 min
Das Park-Café im Deutzer Rheinpark.

Das Park-Café im Deutzer Rheinpark.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Zusammenhang mit einer Insolvenz gegen einen Kölner Ratspolitiker – der weist die Vorwürfe zurück.

Er ist angetreten, um die Welt unter anderem vor Klüngel und Geldverschwendung zu retten. Der Gastronom Roberto Campione hat zweimal erfolglos für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters kandidiert und mit der „Kölner Stadt-Gesellschaft“ (KSG) eine eigene Wählervereinigung ins Leben gerufen, die bei der vergangenen Kommunalwahl den Sprung in den Kölner Stadtrat schaffte. Genau genommen war es bei 5948 Stimmen (1,3 Prozent) ein einziger Vertreter, der für die Organisation in den Rat einzog: Campione selbst. Er schloss sich mit der FDP zusammen, die dadurch wieder Fraktionsstärke im Rathaus bekam, was mehr öffentliche Gelder und Privilegien bedeutete. Stolz postete Roberto Campione aus Ratssitzungen.

Zuvor hatte er bereits im Wahlkampf mobil gemacht gegen die Verschwendung von Steuergeldern. „Ich frage mich immer wieder, was in Köln so hinter den Kulissen passiert“, schrieb er beispielsweise im Juli 2025 in Richtung Stadtwerke. Zu steigenden Kosten für Großprojekte kritisierte er zuvor im Juni: „Es wird Zeit, dass die Unterzeichner persönlich haftbar gemacht werden.“

Finanzielle Korrektheit

Dieses klare Einstehen für einen verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Geldern und für ehrliches Geschäftsgebaren zeichnet den ehrenamtlichen Kommunalpolitiker Campione aus. Nun aber stellt sich die Frage, ob der umtriebige Gastronom in seinem Berufsleben genauso streng auf finanzielle Korrektheit achtet. Recherchen der Rundschau zufolge gibt es daran Zweifel, die die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen haben.

„Die Staatsanwaltschaft Köln geht im Zusammenhang mit der Betriebsschließung eines rechtsrheinisch gelegenen Gastronomiebetriebs dem Anfangsverdacht von Insolvenzdelikten sowie von mutmaßlichen Bankrottstraftaten gegen zwei ehemals verantwortlich handelnde Personen des Betriebs nach“, erklärte ein Sprecher der Behörde auf Anfrage unserer Redaktion: „Die Ermittlungen in dieser Sache dauern an. Weitere Einzelheiten sind den weiteren Ermittlungen vorbehalten, so dass ich weitere Details vor Abschluss der Ermittlungen nicht mitteilen kann.“

Den beziehungsweise die Namen der Beschuldigten nennt der Staatsanwalt selbst nicht, auch weil die Unschuldsvermutung gilt und deshalb infrage steht, ob über einen bloßen Anfangsverdacht bereits öffentlich berichtet werden darf, ohne Persönlichkeitsrechte zu verletzen.

Strafanzeige vom Insolvenzverwalter

Mitten in den Wahlkampf von KSG und Campione war im Frühjahr 2025 die Nachricht geplatzt, dass seine Parkcafé GmbH in ein Insolvenzverfahren gerutscht war. Mehrere Medien berichteten darüber, auch die Rundschau. Jetzt stellt sich heraus: Zwei Krankenkassen sollen damals unabhängig voneinander Insolvenzanträge gestellt haben, es soll Kontenpfändungen gegeben haben.

Die Firma betrieb das Café im Rheinpark, das er von der Stadt gepachtet hatte, sowie die Gastronomie auf Gut Leidenhausen. Campione war im Rahmen der offiziellen Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Sommer in neuer Rolle als vorläufiger Betreiber eingesetzt worden. Später war der Betrieb des Parkcafés an einen neuen Pächter vergeben worden (wir berichteten).

Roberto Campione bei der Vorstellung des Wahlprogramms der „Kölner Stadt-Gesellschaft“.

Roberto Campione bei der Vorstellung des Wahlprogramms der "Kölner Stadt-Gesellschaft".

Grundlage der Ermittlungen ist nun unter anderem eine besondere und ausführliche Strafanzeige, die aus einer ungewöhnlichen Quelle kommt: Insolvenzverwalter Jens Olinger von der Kanzlei Bietmann, der Campione den einstweiligen Betreiber-Auftrag selbst gegeben hatte, bestätigte auf Anfrage Recherchen der Rundschau, dass er die Strafanzeige gestellt hat.

Konkret soll es unter anderem um die Frage gehen, ob die Insolvenz von Campione rechtzeitig angemeldet worden war. Aber es gibt eine Reihe weiterer mutmaßlicher Unregelmäßigkeiten, die nach Informationen der Rundschau in der umfangreichen Strafanzeige thematisiert werden. Hintergrund sind offenbar E-Mails, die der Staatsanwaltschaft für ihre Ermittlungen auszugsweise zur Verfügung gestellt wurden.

Irritationen über Zahlungen

Diese legen beispielweise den Verdacht nahe, dass Teile von Geldern für Veranstaltungen nicht, wie gesetzlich vorgesehen, an den Insolvenzverwalter geflossen sein könnten. Für ein Event im Juni vergangenen Jahres sollen für einzelne Leistungen Rechnungen stattdessen von einer anderen Firma von Campione gestellt worden sein. Für die Feier einer Hochzeit im Juli 2025 sollen ebenfalls Teile des Geldes am Insolvenzverwalter vorbei gezahlt worden sein.

Beim Feuerwerk „Kölner Lichter“ soll Roberto Campione unter dem Titel „Summer Vibes“ eine Veranstaltung im Parkcafé organisiert und durchgeführt haben, obwohl der Insolvenzverwalter dazu keine Zustimmung gegeben, beziehungsweise darauf hingewiesen hatte, dass dafür die Insolvenzmasse nicht angefasst werden dürfe. Mails legen zudem den Verdacht nahe, dass zumindest geplant gewesen sein könnte, möglichst viele Einnahmen an dem Abend mit Bargeld zu erzielen, möglicherweise um diese nicht an den Insolvenzverwalter weiterzureichen.

Wurden Gläubiger geschädigt?

Darüber hinaus sollen über ein Internetportal VIP-Tickets verkauft worden sein, wobei das Geld an Campione oder seine Ehefrau geflossen sein könnte – auf deren Konten oder in bar. Auch für die Veranstaltung eines Karnevalsvereins im Juli 2025 sollen Gelder teilweise nicht an den Insolvenzverwalter, sondern auch an Campione oder eine andere Firma von ihm geflossen sein.

Sollten die Vorwürfe stimmen, wären Gelder der Insolvenzmasse vorenthalten worden. Die Gläubigerinnen und Gläubiger haben jedoch nach dem Gesetz einen Anspruch darauf, an Einnahmen beteiligt zu werden, wenn im Rahmen eines Insolvenzverfahrens Mittel und Räumlichkeiten eingesetzt werden, die zum Betrieb gehören.

Zudem soll Campione in einem Fall eine Mitarbeitende ohne ihr Wissen bei der Sozialversicherung abgemeldet, danach jedoch weiterbeschäftigt haben.

Neben den Vorwürfen aus der Strafanzeige, die vor allem die Rolle von Roberto Campione als Interims-Betriebsleiter im Insolvenzverfahren betreffen, gibt es auch Hinweise darauf, wie sich die Zahlungsunfähigkeit aufgebaut hatte. Nach Rundschau-Informationen soll Campiones Firma Parkcafé GmbH & Co. KG im September 2025 Schulden bei 22 verschiedenen Gläubigern gehabt haben, die sich zu diesem Zeitpunkt auf insgesamt deutlich mehr als eine Million Euro belaufen haben sollen.

Lange Liste der Gläubiger

In dieser Summe sind sowohl offene Darlehen als auch Beträge aus wohl nicht bezahlten Rechnungen sowie nicht abgeführten Steuern und Sozialabgaben enthalten.

Mehrere Krankenkassen sollen von der Parkcafé GmbH & Co. KG Sozialbeiträge in jeweils vier- bis fünfstelliger Höhe samt Säumniszuschlägen nachfordern. Dazu sollen die AOK Nordwest, die Pronova BKK und die Techniker Krankenkasse gehören.

Das Finanzamt Köln-Mitte soll von Campiones Firma für den Zeitraum von Juli bis Dezember 2024 noch Umsatzsteuer in Höhe von 124.000 Euro verlangen. Für die Monate Januar bis Mai 2025 sollen es weitere 160.000 Euro Umsatzsteuer sein. Die Forderungen ab Januar 2025 werden vom Insolvenzverwalter teilweise bestritten. Das bedeutet, dass unklar ist, ob diese Forderungen berechtigt sind.

Die Stadt Köln soll ebenfalls zu Campiones Gläubigern gehören. Wie die Rundschau erfuhr, soll die Stadt von ihm noch Miete für das Parkcafé fordern, das sich im Eigentum der Stadt Köln befindet, von der Stadt mit Millionenaufwand saniert und anschließend an den Gastronomen vermietet wurde. Hinzu kommen nicht bezahlte Rechnungen der Abfallwirtschaftsbetriebe Köln (AWB), einer Tochter der Kölner Stadtwerke, in Höhe von mehr als 10.000 Euro. Auch bei der Rheinenergie steht Campione angeblich wegen nicht beglichener Rechnungen in der Kreide. Hier sollen im September 2025 exakt 26.033,26 Euro offen gewesen sein.

Einem Kaffeemaschinen-Hersteller soll Campione noch rund 16.500 Euro schulden. Das Unternehmen soll eine Inkasso-Firma damit beauftragt haben, die offenen Beträge einzutreiben. Die fälligen Summen sollen bereits im Januar und Februar 2025 vom Landgericht Köln per Versäumnisurteil und Kostenfeststellungsbeschluss bestätigt worden sein. Auch ein Grill-Hersteller soll von Campione die Begleichung unbezahlter Rechnungen fordern, dabei soll es um 16.640,48 Euro gehen.

Campiones Anwalt bestreitet Vorwürfe

Campiones größter Gläubiger soll ein Kreditinstitut sein, das von ihm angeblich ein Darlehen samt Zinsen in Höhe von insgesamt 690.000 Euro zurückfordert. Doch auch einer Privatperson soll die Parkcafé GmbH & Co. KG sehr viel Geld schulden. Hier soll es um Darlehen in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro gehen.

Die Redaktion der Rundschau hat Roberto Campione schon Anfang vergangener Woche schriftlich mit den Vorwürfen konfrontiert. Er bat angesichts des Umfangs der Fragen darum, bis Freitagmittag Zeit für die Beantwortung zu bekommen. Letztlich meldete sich Christian Kerner von der Kanzlei Auriga. „Alle noch offenen Punkte befinden sich in der juristischen Klärung“, schrieb Kerner: „Insofern bitten wir um Verständnis, dass unser Mandant mit unserer Hilfe die Gespräche und Abstimmungen mit allen Beteiligten direkt und nicht via Presse vornimmt.“

Ebenso werde sich Campione nicht zu „Unterstellungen und Behauptungen“ äußern. Anwalt Kerner verweist aber darauf, „dass mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens jede Verfügung über die Veranstaltungen der Parkcafé GmbH ausschließlich durch den Insolvenzverwalter erfolgte“. Das liest sich wie ein Zurückweisen der Vorwürfe. Für Roberto Campione gilt die Unschuldsvermutung. Was die strafrechtlichen Ermittlungen ergeben, ist noch völlig offen. Bisher gibt es detaillierte Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft zumindest als Anfangsverdacht bewertet hat – nicht weniger, aber auch nicht mehr. In diesem ungewöhnlichen Fall gibt es derzeit also viel Erklärungsbedarf. Auch für Campione als Politiker.