Die drei Kölner Galeria-Häuser stehen auf der Kippe. Im Rathaus denkt man darüber nach, wie die Zukunft der City auch ohne Galeria aussehen könnte.
InsolvenzDie Kölner City ohne Galeria ist denkbar

Leere Etagen in Galeria Hohe Straße
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Der Blickfang in der Galeria-Sportabteilung an der Schildergasse ist quietschgrün und gefühlt an die 100 Meter lang. Umso krasser fällt ins Auge, dass sich an diesem verregneten Novembermorgen aber auch nicht ein einziger Kunde auf der stilisierten Laufbahn im dritten Stock des gewaltigen Warenhauses blicken lässt. „Wenn Sie Action wollen, dann müssen Sie auf Melaten“, sagt ein Verkäufer. Es wäre zu viel gesagt, sein Lächeln diabolisch zu nennen. An den Säulen hängen magentafarbene Plakate, die 20 Prozent Neukundenrabatt auf alles versprechen.
„Sehr erfolgreich“ sei der Oktober für Galeria verlaufen, hat die Geschäftsführung des schon wieder insolventen Warenhauskonzerns vorige Woche als frohe Botschaft verkündet. Unmittelbar vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts liege der Umsatz deutlich über Vorjahr und alle Blicke richteten sich auf diese wichtige Saison sowie auf die Zukunft, ließ sich Geschäftsführer Tilo Hellenbock zitieren, ohne freilich auch nur eine Zahl zu nennen.
Alle Häuser auf der Kippe
Der nackte Augenschein in einem der einstigen Paradehäuser des Kaufhauskonzerns spricht am Montagmorgen eher gegen demonstrative Zuversicht. Dass es gerade auch für die drei in Köln noch aktiven Filialen der ums Überleben kämpfenden Gruppe eng würde, war schon seit dem Sommer klar. Alle Kölner Häuser und das in Euskirchen standen auf einer Liste mit gefährdeten Standorten. Damals ging es im Zuge einer Kreditvergabe auch darum, den Druck auf Vermieter noch einmal größtmöglich zu erhöhen.
Es hat alles nichts genützt, Galeria ging wenige Wochen danach zum vierten Mal in sechs Jahren pleite, man findet dieser Tage keinen Experten, der noch darauf wettete, dass die Kölner Galeria-Kaufhäuser in jetziger Form Bestand haben werden. „Köln hat mehrere Probleme gleichzeitig: drei Standorte, davon zwei viel zu große mitten in der City, und außerdem einen gewaltigen Investitionsstau“, sagt ein Immobilienvermarkter aus Düsseldorf, der diverse Einzelhandelsstandorte im Bundesgebiet wieder auf Vordermann gebracht hat. „Eine neue Galeria kann nur erfolgreich sein, wenn es eine kleinere Galeria sein wird.“
Harte Einschnitte angekündigt
Der Mann, der den Daumen über die Zukunft von Galeria heben oder senken kann, heißt Frank Kebekus. Er kennt den Laden in- und auswendig, schon zwei Mal hat er die Kette in einem Insolvenzverfahren begleitet. Ob man das erfolgreich nennen darf, sei dahingestellt. Nur gibt es jetzt einen entscheidenden Unterschied: Die beiden vorherigen Verfahren waren Insolvenzen in Eigenregie, das Management hatte das Sagen. Jetzt ist Kebekus der Mann am Steuer, auf ihm und seiner kleinen, aber feinen Düsseldorfer Kanzlei lastet die größte unternehmerische Verantwortung.
Seit mehr als 30 Jahren macht Frank Kebekus sein Geschäft mit Insolvenzen, in der Regel recht erfolgreich und sehr diskret. Umso erstaunlicher die Offenheit, in der er mit dem ZDF kürzlich über sein aktuelles Mandat gesprochen hat. Grundsätzlich glaube er an die Idee des Warenhauses, sagte er. Doch werde jetzt jeder Stein umgedreht. Galeria werde die 83 Standorte kaum halten können, die Sanierung werde „konservativ und mit harten Einschnitten“ erfolgen. In seinem Umfeld übersetzt man die Ankündigung so: Bisher werde immer von 50 Häusern gesprochen, die übrig bleiben könnten, vielleicht müsse man die Zahlen der Streichliste aus dem Sommer umdrehen, dann blieben 33 Häuser übrig und 50 stünden zur Debatte. Was das für Köln bedeute, erübrige sich zu sagen.
Jetzt soll die Kasse klingeln
Kebekus Zielbild dürfte ungefähr so aussehen: Die Vermieter halten die Füße still, die Agentur für Arbeit zahlt Löhne und Gehälter, der Kreditgeber Gordon Brothers hat endlich die Kasse aufgemacht und die Lieferanten können damit wieder bezahlt werden. Nun sind alle Gutscheine wieder gültig und die Regale gut gefüllt, kein Flatterband stört den Einkauf. So steht ein einträgliches Weihnachtsgeschäft ins Haus, auf dass auch die Galeria-Kassen klingeln. Mit diesem Panorama macht sich die Unternehmensberatung Roland Berger auf die Suche nach einem Investor, der verhindert, dass es endgültig aus ist mit Galeria. Das Team Kebekus liefert dafür die Aussicht auf ein drastisch verkleinertes Galeria-Netz.
„Wir wissen nur, dass mit den Vermietern verhandelt wird“, sagte in Köln ein führender Filial-Mitarbeiter unserer Redaktion. Von den angeblichen Gesprächsformaten, die die Unternehmensleitung mit den Führungskräften regelmäßig führe, habe er bislang nichts mitbekommen. „Ich habe keine Ahnung, wen es trifft“, sagt der Mann und beginnt zu erzählen. Von der gesunden Seite sei er gekommen, vom Kaufhof. „Das Übel hat begonnen, als uns die Metro an den Kanadier verkaufte. Danach ging es nur noch bergab.“
Im Rathaus regiert Gelassenheit
Der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, spricht vom Jahr 2015, als der Metro-Konzern im Rahmen einer großen Flurbereinigung die Tochter Kaufhof für 2,8 Milliarden Euro an den Kanadier Richard Baker verkaufte. Damals begann das, was Beobachter als die „Plünderung“ bezeichnen. Statt Investitionen ins Unternehmen zu lenken, zogen die Investoren Substanz ab – in einer toxischen Kombination aus überhöhten Managementgebühren oder phantastischen Mieten, wofür vor allem der Name des Hochstaplers Reńe Benko steht. Ein Besuch in den Kölner Häusern des Konzerns reicht, um das Ergebnis dieses Auszehrungsprozesses zu sehen.
Im Technischen Rathaus in Köln-Deutz versucht man, aus dieser Not so etwas wie Tugend hinzubekommen. „Ob Köln ein Warenhaus braucht oder nicht, das entscheidet der Markt. Ich sehe aber in innovativen Warenhauskonzepten durchaus eine Zukunft“, gibt sich Kölns Baudezernent Andree Haack gelassen. Das liegt vor allem daran, dass man im Rathaus längst begonnen hat, über Galeria hinaus zu denken: „Wir brauchen einen multifunktionalen Ansatz für die Innenstadt. Wohnen, Freizeit, Kultur und Einzelhandel, darin sehe ich eine große Chance“, sagt Haack und verweist etwa auf die Pläne des Kölner Unternehmers Frank Blase, im ehemaligen C+A-Haus künftig Musicals zu spielen.
Planungen weit gediehen
Doch es gebe eine Reihe anderer guter Beispiele für gelungene Umwandlung ehemals großer Einzelhandelsflächen in der City. Längst beginnen sich auch die Immobilieneigentümer auf eine Realität ohne Galeria vorzubereiten. Hört man in der Stadt nach, heißt es, dass für den Standort Breite Straße (früher Karstadt) eine Bauvoranfrage für die Umnutzung längst vorliegt. Hier soll der Einzelhandel nur noch eine Rolle unter anderen spielen. An eine ähnlich multiple Nutzung denken auch die Eigner des ehemaligen Kaufhofs an der Hohe Straße.
Die Planungen seien hier ebenfalls schon weit gediehen. Bei dieser Ikone der Warenhausarchitektur sind zwei Dinge allerdings komplizierter als in der Breite Straße: Zum einen ist das Haus immer noch Teil der Insolvenzmasse in der noch offenen Signa-Pleite des René Benko. Zum anderen macht es auch die schiere Größe des Gebäudes Investoren schwer: „100 Meter Granit-Fassade, das ist ein Versprechen, das wir nicht mehr einlösen können“ hatte Galeria-Geschäftsführer Tilo Hellenbock das Problem kürzlich beschrieben.
Von der Konjunktur darf sich Galeria keine zu großen Impulse für das Weihnachtsgeschäft und damit für die Sanierung erhoffen. Laut Statistischem Bundesamt sind die Umsätze im Handel im September überraschend geschrumpft. Zwar soll sich das Konsumklima im Oktober laut Handelsverband aufgehellt haben. Doch die Stimmung der Verbraucher ist angesichts der immer noch hohen Inflation deutlich schlechter als noch vor einem Jahr.
