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Analyse zum Ukraine-KriegWas die Sanktionen gegen Russland wirklich bringen

Lesezeit 5 Minuten
Wladimir Putin, Präsident von Russland.

Wladimir Putin, Präsident von Russland.

Die Sanktionen waren schnell beschlossen und bald soll ein weiteres Paket folgen. Doch die russische Wirtschaft hat nur gering gelitten. Wie die Sanktionen wirken oder nicht, zeigt unsere Analyse.

So schnell und einig war man sich in der Europäischen Union selten: Bereits wenige Tage nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar 2022 verhängte die Gemeinschaft ihr erstes Sanktionspaket gegen Moskau. „Barbarisch“ sei der Überfall, wetterte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Man müsse die Kosten für den Angriffskrieg in die Höhe treiben.

Fortan wurde der Zugang russischer Banken zu den europäischen Finanzmärkten massiv eingeschränkt, russische Vermögenswerte in der EU eingefroren, und wichtige Sektoren der russischen Wirtschaft verloren den Zugang zu Schlüsseltechnologien und internationalen Märkten. Die Maßnahmen seien so konzipiert, betonte von der Leyen, dass sie die Interessen des Kremls und seine Fähigkeit, einen Krieg zu finanzieren, schmerzhaft treffen würden.

Und doch denkt Präsident Wladimir Putin bis heute nicht an Rückzug. Vielmehr geht der Krieg trotz der über die Monate beständig verschärften Sanktionen in wenigen Wochen ins zweite Jahr. Spätestens zum Jahrestag soll das zehnte EU-Sanktionspaket folgen; beim EU-Ukraine-Gipfel an diesem Freitag dürfte das Thema eine Rolle spielen. Waren die Erwartungen, wonach die Strafmaßnahmen das Regime in Moskau schnell zum Einsturz bringen würden, übertrieben?

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Russland: Rezession nicht so stark wie erwartet

Anders als ursprünglich von vielen Beobachtern erwartet, ist die russische Wirtschaft im vorigen Jahr nicht um zehn bis 15 Prozent eingebrochen, sondern nur um 2,2 Prozent geschrumpft. „Die Rezession ist wegen des kompetenten Krisenmanagements der russischen Zentralbank, insbesondere durch deren Chefin, Elvira Nabiullina, nicht so drastisch ausgefallen, wie man angenommen hatte“, so Michael Rochlitz, Professor für Institutionenökonomik an der Uni Bremen mit Schwerpunkt Russland. Auch hätten die Einnahmen durch die gestiegenen Preise bei Öl und Gas die im Ausland eingefrorenen Vermögen Russlands kurzfristig kompensieren können. Dieser Effekt werde aber nach und nach auslaufen. Unter normalen Umständen und einer auf die Zukunft ausgerichteten Politik könnte Russland wohl jährliche Wachstumsraten von vier bis sechs Prozent erwirtschaften, schätzt Rochlitz. Doch in diesen Tagen ist nichts normal.

Dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht längst drastisch sinkt – für das laufende Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds gar ein Plus von 0,3 Prozent, während UN und Weltbank von einem Minus über drei Prozent ausgehen – liegt auch an der wegen des Krieges steigenden Militärproduktion. So zählt ein neu konstruierter Panzer, der an die Front geschickt und dort von ukrainischen Raketen zerstört wird, immer noch als nominaler Beitrag zum BIP; etwas von bleibendem Wert wurde damit jedoch nicht geschaffen.

Auf Russlands Wirtschaft kommen massive Probleme zu

So rollen auf Russlands Wirtschaft massive Probleme zu. „Die Sanktionen im Technologiesektor entfalten zunehmend ihre Wirkung, es fehlen immer mehr wichtige Zulieferprodukte. Das wird sich auch in der Produktion von Rüstungsgütern niederschlagen“, sagt Russland-Kenner Rochlitz, der als Gastdozent und Juniorprofessor einst selbst mehrere Jahre in Jekaterinburg und Moskau unterrichtete.

Besonders schwer getroffen vom internationalen Sanktionsdruck sind inzwischen die Auto- sowie die Luftfahrtbranche. So brach die Produktion der russischen Automobilindustrie, die rund 3,5 Millionen Menschen direkt oder indirekt Arbeit bietet, im vergangenen Jahr um rund zwei Drittel ein. Spezial- und Ersatzteile, die nicht mehr aus den USA oder Europa kommen, sind für betroffene Unternehmen auf dem Weltmarkt oft schwer zu beschaffen. Die Verlagerung von Geschäften nach China und Indien kann die negativen Auswirkungen der Sanktionen auf die Wirtschaft des Riesenreichs nur teilweise kompensieren. „Russland hat seine wirtschaftliche Zukunft für die nächsten zehn bis 15 Jahre verspielt. Damit wird es auch immer schwieriger, den Krieg langfristig zu führen“, sagt Rochlitz.

Gewinn von Russlands Banken bricht ein

Tatsächlich werden die Auswirkungen der Sanktionen immer augenscheinlicher. So ist der Gewinn von Russlands Banken im Kriegsjahr 2022 um mehr als 90 Prozent eingebrochen. Das geht aus einem soeben von der russischen Zentralbank veröffentlichten Bericht hervor. Insgesamt hat der Bankensektor demnach umgerechnet 2,7 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet – den niedrigsten seit 2015.

Auch die immer wieder gern vom Kreml angeführte Stärke der Landeswährung ist nach Ansicht von Experten künstlich. Der Rubel werde durch eine drakonische Devisenkontrolle und einen Einbruch der Importe gestützt, schreibt Vladimir Milov von der Stiftung Freies Russland, der ehemalige Vize-Energieminister des Landes, in der US-Zeitschrift „Foreign Affairs“.   „Der wohl aufschlussreichste Indikator für die russische Wirtschaftstätigkeit sind die Einnahmen aus anderen Quellen als den Öl- und Gasexporten“, bemerkt Milov – und diese Zahl sei gegenüber dem Vorjahr um rund ein Fünftel gesunken.

Laut einer Umfrage des privaten russischen Forschungsunternehmens Romir vom Oktober 2022 haben 68 Prozent der Russen einen Rückgang des Warenangebots in den Geschäften festgestellt. Nach Angaben des russischen Meinungsforschungszentrums waren 35 Prozent der Russen 2022 gezwungen, ihre Ausgaben für Lebensmittel zu kürzen.

Viele Fachkräfte geflohen

Auf ausländische Investitionen kann Putin kaum zählen, um die russische Wirtschaft zu stützen. Prognosen der russischen Zentralbank zufolge wird die Kapitalflucht aus Russland 2022 voraussichtlich rund 251 Milliarden Dollar betragen. Mehr als 1000 ausländische Firmen haben laut einer Studie der US-amerikanischen Yale University mittlerweile ihre Tätigkeit eingestellt oder das Land verlassen.

Rund eine Million Russen sind zudem ins Ausland geflohen, hauptsächlich hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Die über Jahrzehnte aufgebaute Integration russischer Universitäten und Forschungseinrichtungen in das internationale Wissenschaftssystem ist zerstört. Die Arbeitskraft jener Männer, die der Kreml an die Front in der Ukraine schickt, fehlt an anderer Stelle.

„Vielen Menschen in Russland ist noch nicht bewusst, auf welche Katastrophe sich die Wirtschaft des Landes zubewegt“, sagt Rochlitz. Und fügt hinzu: Es gebe wohl kaum einen Politiker der jüngeren Geschichte, der seinem Land in so kurzer Zeit solch massiven Schaden zugefügt hat wie Wladimir Putin seit Februar 2022.

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