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Appell aus Dnipro an Köln„Bleibt bei uns. Wir brauchen weiter eure Hilfe“

5 min
Die Fenster eines Wohnhauses sind nach dem Beschuss des russischen Militärs zerstört.

Die Spuren des Krieges sind in Dnipro oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Aber sie sind vorhanden wie hier nach einem russischen Angriff im Sommer. dpa-Bildfunk 

Nataliya Chernyshova lebt und arbeitet in Kölns ukrainischer Partnerstadt Dnipro. Im Gespräch mit der Rundschau erzählt sie von ihren Erfahrungen in der Heimat, ihren Wünschen und Hoffnungen.

„Bitte bleibt bei uns. Übt Nachsicht, habt Geduld.“ Wenn Nataliya Chernyshova über ihre Hoffnungen und ihre Erwartungen an Deutschland spricht, fallen immer wieder diese Sätze. „Wir sind selbst müde“, sagt sie. „Aber wir brauchen weiter eure Hilfe gegen Russland.“ Chernyshova ist Mitglied einer Delegation, die aus der ukrainischen Partnerstadt Dnipro nach Köln gekommen ist.

Die Verbindung ist noch nicht alt, sie wurde im Oktober als Projektpartnerschaft der beiden Millionenstädte besiegelt. Dnipro liegt am südlichen Dnepr, in der Landessprache ebenfalls Dnipro genannt. Nicht weit entfernt von Saporischschja mit dem von den Russen besetzten riesigen Atomkraftwerk entfernt. 200 Kilometer im Norden liegt das umkämpfte Charkiw, im Osten der Donbass, im Süden Mariupol und Cherson.

Dankbar für die deutsche Hilfe

Wenn Nataliya Chernyshova von den Männern und Frauen an der Front spricht, sagt sie „heroes“, Helden, nicht „soldiers“ für Soldaten. Sie lässt nicht den geringsten Zweifel am Sieg der Ukraine, kann und will sich gar nichts anderes vorstellen. Aber sie weiß auch, es ist ein langer und blutiger Weg bis dorthin. Und eine Garantie gibt es nicht. In Dnipro selbst, berichtet sie, ist das Straßenbild weitgehend unzerstört, von außen betrachtet könnte man fast von Normalität sprechen. Doch da sind die Spuren der Raketenangriffe, die ständigen Stromausfälle, der Zusammenbruch der Wasserversorgung, die kalten Heizungen. Die Nachbarn, die vom Schlachtfeld nicht mehr zurückgekommen sind.

Die Menschen in der Ukraine hoffen auch weiter auf die deutsche Unterstützung, berichtet Nataliya Chernyshova. Thomas Banneyer

Nataliya Chernyshova ist Leiterin des Internationalen Büros in Dnipro. Sie berichtet in Köln von ihren Erfahrungen und Hoffnungen.

Juri, ein Freund und Kollege, hätte eigentlich nach Köln mitreisen sollen. Doch das war unmöglich: Er ist mitverantwortlich für die Sicherstellung der Grundversorgung in Dnipro. Eine 24-Stunden-Aufgabe, freinehmen ist keine Option. Vielleicht 200 000 Menschen, schätzt Chernyshova, haben die Stadt mittlerweile verlassen. Sind an der Front, bei Freunden und Verwandten in abgelegeneren Regionen oder ins Ausland geflüchtet. Die meisten nach Tschechien oder Polen, aber viele auch nach Deutschland. Sie sei Deutschland und den Menschen hier sehr dankbar, betont sie immer wieder. Nicht nur für die Aufnahme, sondern für alle Formen der Hilfe – insbesondere auch der militärischen. Einige sind inzwischen auch wieder zurückgekehrt, aber die Angst bleibt.

Der Kontakt wird fast ausschließlich über das Internet gehalten. „Das ist unsere größte Sorge, dass das zusammenbricht. Dann gibt es Panik.“ Nataliya Chernyshova ist in der Verwaltung verantwortlich für die internationalen Beziehungen der Stadt. Das Rathaus ist weitgehend verwaist. Aus Sorge vor russischen Raketen wurden alle wichtigen Abteilungen dezentral ausgelagert. Viele Kolleginnen, vor allem jene mit kleinen Kindern, sind längst geflüchtet. Aber noch funktioniert die öffentliche Verwaltung, wenn auch deutlich heruntergefahren. Was auch damit zusammenhängt, dass die Menschen zusammengerückt sind, nur noch einen Fokus haben: Irgendwie diesen Krieg zu überstehen.

Immer wieder die Frage nach dem Warum

Nach ihrer Arbeit beginnt für Nataliya Chernyshova die „zweite Schicht“, wie sie es nennt. Ehrenamtliche Opferhilfe in einer hauptsächlich von den Amerikanern finanzierten Initiative. Lösungen finden für Alte und ganz Junge, praktische Lebenshilfe leisten oder einfach nur mal ein aufmunterndes Gespräch führen. Immer wieder wird ihr bei solchen Gelegenheiten die Frage gestellt, auf die sie wie alle anderen längst keine Antwort mehr hat: „Why?“, warum das alles?

Nataliya Chernyshova hat wie sehr viele andere Ukrainerinnen und Ukrainer auch Verwandte in Russland. Die meisten schon älter, um die 70 und aufwärts. Die hätten auch früher schon vom großrussischen Reich geschwärmt, von der Sowjetunion, von Wladimir Putin. „Aber da haben wir uns noch gedacht, was soll’s. Lassen wir sie.“ Seit den ersten Tagen des Angriffskrieges aber ist der Kontakt vollständig abgebrochen. „Sie sind sehr stolz auf Putin, auf den Krieg. Verherrlichen eine Vergangenheit, die nie existiert hat“, sagt Nataliya Chernyshova. Dass es jemals wieder zur Aussöhnung kommt – schwierig, sagt sie. Zu viele Menschen haben dafür ihr Leben gelassen. Nicht nur an der Front. Auch in den Dörfern und Städten, Frauen und Kinder.

Wir sind ein pragmatisches Volk. Und weise. Wir wissen, dass es irgendwie weitergehen muss.
Nataliya Chernyshova

Einen Bruch gab es auch mit vermeintlich unverrückbaren Traditionen. Ein russisch-orthodoxes Weihnachtsfest nach überlieferten Riten, erklärt Nataliya Chernyshova, könne sich heute niemand mehr vorstellen. Die meisten Familien begehen das Weihnachtsfest eben am 25. Dezember und nicht mehr wie bisher am 6. und 7. Januar. „Die Menschen brechen mit allem, was russische Wurzeln hat.“ Allerdings spielt Weihnachten in den Köpfen der meisten Ukrainerinnen und Ukrainer gerade auch keine ganz große Rolle, Zeit für Besinnlichkeit bleibt den wenigsten.

Es wird eine Zeit nach dem Krieg geben

Niemand in der Ukraine macht sich Illusionen darüber, dass man auch nach dem Krieg irgendwie mit dem östlichen Riesenreich umgehen muss. Auch ist man durchaus in der Lage, zwischen „den Russen“ und echten Kriegstreibern zu unterscheiden. Aber nicht im Moment. „Es ist Krieg, wir verschwenden jetzt keine Gedanken an danach. Aber klar, es wird eine Zeit kommen, in der wir wieder als Nachbarn leben müssen. Wir werden dann einen Weg finden,“ ist Nataliya Chernyshova überzeugt. „Wir sind ein pragmatisches Volk. Und weise. Wir wissen schon, dass es irgendwie weitergehen muss.“


Die Stadt Dnipro war vor dem Krieg mit etwa einer Million Einwohnern nach Kiew, Charkiw und Odessa die viertgrößte Stadt der Ukraine und das administrative Zentrum der Oblast Dnipropetrowsk. Sie liegt an drei Seiten der Mündung der Samara in den hier aufgestauten Dnipro und rund 400 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew. Dnipro bildet ein bedeutendes Zentrum in der südlichen Ukraine, die Stadt war eines der wichtigsten Zentren der Kernenergie-, Waffen- und Raumfahrtindustrie der Sowjetunion. Die meisten Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete sowie der Stadtkern befinden sich am rechten Dneprufer. Sie ist heute ein wichtiger Finanz- und Industriestandort der Ukraine, der Sitz mehrerer Finanzinstitute, darunter der größten ukrainischen Bank.