Köln – Anfangs ging es Rafaela Stanke nicht anders als den meisten. „Das ist weit weg“, dachte sie, als die ersten Nachrichten von einem grassierenden Virus in China aufkamen. Auch als die Infektionen hinüberschwappten in bayerische Unternehmen, versetzte sie das nicht in Aufregung. Das geht bei der Kölnerin mit spanischen Wurzeln sowieso nicht so schnell. Sonst wäre sie wohl nicht schon im sechsten Jahr Busfahrerin bei den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB).
„Als meine Nichte auf einmal nicht mehr in die Schule musste, dachte ich dann doch: Jetzt wird es ernst.“ Wurde es. Ganz besonders für Rafaela Stanke. Homeoffice, Kontakte meiden – für sie von Berufs wegen nicht möglich. Da war Rafaela Stanke plötzlich „Heldin des Alltags“. Eines Alltags, den sie so noch nicht kannte.
„Im Lockdown muss ich schauen, dass ich nicht zu früh ankomme“
Zwei Charaktereigenschaften lassen schnell erkennen, wie die 48-jährige Kölnerin das Leben nimmt. „Man gewöhnt sich an alles“, lautet ihr Motto. Und: „Überlandfahrten finde ich eher langweilig.“ Sie liebt es, einen Gelenkbus der KVB durch das dichte Gewühl des Berufsverkehrs in den meist engen Innenstadtstraßen zu steuern. Und damit ist auch schon die erste markante Veränderung angesprochen. Als das gesellschaftliche Leben im vergangenen Frühjahr erstmals heruntergefahren wurde, gab es den wuseligen Berufsverkehr so nicht mehr. Als sei die Nacht zum Tag gemacht worden, war selbst der sonst so belebte Breslauer Platz menschenleer. Und Rafaela Stanke hatte auf einmal ein altbekanntes Problem mit neuem Vorzeichen.
Den Fahrplan einzuhalten, ist für sie als Busfahrerin immer eine Herausforderung. Schon ein in zweiter Reihe abgestelltes Auto kann den Druck erhöhen, rechtzeitig die nächste Haltestelle zu erreichen. Dass es nicht immer rollt, das ist bei den vorgegebenen Fahrtzeiten schon „eingepreist“. „Im ersten Lockdown musste ich aber schauen, dass ich nicht immer zu früh ankomme. Die Straßen waren alle frei. Ich konnte störungsfrei dahin rollen.“
Kontakt zu den Kunden fehlt
Sie musste sich an noch mehr gewöhnen. Anders als bei ihren Kollegen in den Stadtbahnen, ist sie in ihrem Bus nicht abgekapselt von den Fahrgästen. Der Kontakt ist unweigerlich da. Und Rafaela Stanke liebt nicht zuletzt das an ihrem Job. Zum Schutz der Busfahrer wurde dann aber ein Folienvorhang eingezogen. „Das ist mir schon ein bisschen schwer gefallen.“ Gerade, wenn ältere Menschen nicht mehr das kurze Gespräch suchten, blutete ein wenig ihr Herz.
Doch wenn es darum geht, Hilfe zu leisten, gibt es für sie kein Zögern. „Dann setze ich meine Maske auf, steige aus und trage den Rollator rein.“ Und, gesteht sie etwas unsicher, wenn sie einen älteren Menschen sah, der keine Maske dabei hatte – sei es weil er vergesslich war, oder er keine bekommen konnte – dann habe sie demjenigen immer eine gegeben. „Ich weiß gar nicht, ob ich das sagen darf, aber für so Fälle habe ich immer ein paar Einmalmasken in der Tasche.“ Klar, ganz zu Anfang habe es auch Fahrgäste gegeben, die wollten sich einfach nicht an die Maskenpflicht halten. „Aber das hat sich mit der Zeit gegeben.“
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„Heldin des Alltags“: Ein Schlagwort, welches Rafaela Stanke für sich nur schwer annehmen kann. „Da müssen wir doch alle durch“, winkt sie ab. Dennoch, dass im vergangenen Frühjahr hin und wieder mal jemand an sie herantrat und einfach so Danke sagte, daran erinnert sie sich schon gerne. „Einfach ein gutes Gefühl.“
So war es im vergangenen Frühjahr. Und jetzt: Der zweite Lockdown. Die Infektionszahlen sind höher als je zuvor. Da ist sie wieder, die Lebensphilosophie der Rafaela Stanke: „Macht doch keinen Sinn, in Panik zu geraten. Wenn erst einmal 60 oder 70 Prozent der Menschen geimpft sind, kriegen wir das schon hin.“
Ihr Wunsch bis dahin, bezogen auf ihren Alltag? „Dass die Jüngeren die Älteren vorlassen. Ich meine, die haben doch unsere Stadt, unser Köln aufgebaut. Jetzt können wir mal etwas zurückgeben.“



