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„Köln alla turca“Diese Kulturwanderung zeigt das türkische Leben in Köln

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Şöhret Gök spricht mit den Teilnehmern der Kulturwanderung „Köln alla turca“ in Ehrenfeld.

Şöhret Gök zeigt die türkische Kultur in Köln und lässt die Gastgeber ihre Geschichten erzählen.

Şöhret Gök möchte mit ihrer Kulturwanderung „Köln alla turca“ türkische Kultur in Köln sichtbar machen.

In türkischen Kaffeehäusern, Kahve genannt, riecht es nach Schwarztee und Mokka. Auf den Tischen klackern Backgammon-Steine. Dazwischen sitzen Männer und verbringen ihren Feierabend. So ist das seit den 60er-Jahren, als die ersten Arbeiterfamilien aus der Türkei nach Deutschland kamen. Obwohl diese Orte seit Jahrzehnten gibt, bleiben sie häufig unentdeckt. „Viele Deutsche trauen sich trotz Neugierde gar nicht, da reinzugehen“, sagt Şöhret Gök.

Die Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters veranstaltet seit 2010  die Kulturwanderung „Köln alla turca“ für den Kölner Kulturklüngel. In Vorbereitung ihrer ersten Tour besuchte Gök ein türkisches Kaffeehaus auf der Keupstraße. „Ich wollte fragen, ob ich mit einer deutschen Gruppe zum Dialog vorbeikommen dürfte“, erzählt sie. Ihre Frage habe großes Erstaunen unter den dortigen Männern hervorgerufen, sie seien ja offen für alle und jeder sei willkommen. Einer der Herren sei plötzlich ganz still geworden – er habe sich erinnert, dass er sich selbst nicht in deutsche Kneipen getraut habe, als er nach Deutschland kam. Zu fremd sei die Kneipe gewesen, er wisse nicht, ob er willkommen sei. „Dann geht es den Deutschen ja so wie uns damals“, habe der Herr gesagt.

Gök möchte türkische Kultur in Köln sichtbar machen

Das sollen die Kulturwanderungen ändern. Gök möchte das türkische Leben in Köln zeigen – in all seiner Wärme, Kulinarik und Geschichte. Sie geht in türkische Restaurants, Supermärkte oder religiöse Stätten und lässt die Gastgeber ihre Geschichten erzählen. Die Stationen liegen – je nach Tour – in der Weidengasse, der Keupstraße und Ehrenfeld.

„Hoşgeldiniz!“, begrüßt Gök die elf Teilnehmenden ihrer Kulturwanderung in Ehrenfeld. „Willkommen“ heißt das auf Deutsch – geantwortet wird mit „Hoşbulduk“. Das Veedel ist wie ein kleiner Ausschnitt der Straßen Istanbuls. Unzählige Restaurants und Cafés säumen die Straßen, Menschen sind rund um die Uhr unterwegs, es gibt immer Verkehr. Aus den Läden klingt türkische Musik, und Supermärkte heißen hier „Süpermarket“.

Es braucht manchmal nicht viel, um Hemmungen und Ängste zu überwinden. Es sind kleine Momente im Erleben, die für Menschen einen Unterschied machen.
Şöhret Gök, Kulturwanderung „Köln alla turca“

Gök erinnert sich an einen Moment auf ihrer Tour: „Einmal haben wir eine türkische Bäckerei besucht. Da hat eine Teilnehmerin gesagt, sie wäre sonst niemals hier reingegangen.“ Die Begründung ähnelt der des Herren in der Keupstraße: Die Frau wisse nicht, ob sie willkommen sei oder störe. „Da habe ich gemerkt, dass es unsichtbare Türen gibt, die Hemmungen aufbauen“, sagt Gök. „Mit diesen Begegnungen öffnen wir diese Türen und bauen Brücken, damit Menschen sich sehen können.“

Der erste Stopp der Tour ist das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) im Ehrenfelder Bezirksrathaus. Durch die Ausstellung führt Robert Fuchs, Geschäftsführer des Vereins. Das DOMiD ist ein Übergangsstandort für das Migrationsmuseum „Selma“, das 2029 in Kalk eröffnen wird, doch schon jetzt ist viel der Geschichte der türkischen Gastarbeiter hier zu entdecken.

Ein Foto der Ausstellung zeigt das Zuckerfest von 1964, bei dem Muslime im Kölner Dom gebetet haben. „Das ging damals bis zum Vatikan und war eine ganz ungewöhnliche Sache“, so Fuchs. „Hier zeigt sich eine Hierarchie unter migrantischen Gruppen.“ Durch die Religiosität wurden sie von katholischen Kreisen in Köln respektiert. „In der Zeit haben die türkischen Gastarbeiter zu den ‚Guten‘ gehört“, erzählt Fuchs. „Der Ruf als ‚arbeitsame Waffenbrüder‘ und ‚Preußen des Orients‘ eilte ihnen voraus.“ Tatsächlich waren es die Italiener, die in Deutschland mit negativen Vorurteilen als Mafiosi behaftet waren. „Das änderte sich mit der Zeit, als immer weniger Italiener nach Deutschland kamen und die Deutschen ‚La Dolce Vita‘ kennenlernten“, erzählt Fuchs.

Robert Fuchs führt durch die Ausstellung im DOMiD.

Zuckerfest 1964: Robert Fuchs führt durch die Ausstellung im DOMiD.

Dass Vorurteile sich ändern können, zeigte ein Moment auf einer von Göks Touren. Sie habe einen Musiker eingeladen – der hatte durch einen Stau nicht die Chance, sich umzuziehen und kam in seiner Dienstkleidung. „Er arbeitet als Paketzusteller, und hat in seiner Heimat das Konservatorium abgeschlossen“, erzählt Gök. Er habe für die Teilnehmenden ein kleines Konzert veranstaltet. „Sie hätten niemals gedacht, dass hinter dem Paketzusteller so ein talentierter Musiker stecken würde“, erzählt Gök. Zukünftig würden die Frauen Menschen hinter der Dienstkleidung anders wahrnehmen.

Ihre Kulturwanderungen sieht sie als Beitrag für ein friedliches Miteinander. „Es braucht manchmal nicht viel, um Hemmungen und Ängste zu überwinden“, sagt sie. „Es sind kleine Momente im Erleben, die für Menschen einen Unterschied machen.“

Türkische Gastgeber erzählen ihre Geschichten

Im türkischen Supermarkt „Halal Kauf“ auf der Venloer Straße klärt der Besitzer Adem herzlich über den Laden auf. Hier werden islamkonforme Produkte verkauft – im Arabischen „Halal“ genannt, was rein oder unbedenklich heißt. Um die Ecke hat Atila in einem Hinterhof die „Markthalle Körnerstraße“ gegründet. Er serviert ein paar selbst gemachte Spezialitäten wie Kısır (dt. Bulgursalat) oder Mücver (dt. türkische Zucchinipuffer). Atila gehört zur zweiten Generation der Gastarbeiter in Deutschland. Sein Weg zum Erfolg in Deutschland war lang, der Laden sei lange Zeit nicht gut gelaufen. Letztendlich hat es sich das Durchhalten gelohnt - die Markthalle besteht nun seit über 30 Jahren.

In der Bar „Asimmetric“ trifft die Wanderung auf Familie Aslan. Vater Erdal und Sohn Güney spielen auf der Bağlama, einem traditionell türkischen Saiteninstrument. Tochter Ezgi singt auf Türkisch und Kurdisch. Beim Lied „Uzun İnce Bir Yoldayım“ (dt. Ich bin auf einem langen, schmalen Weg) von Âşık Veysel Şatıroğlu, einem der bekanntesten Poeten der Türkei, animiert Erdal Aslan das Publikum dazu, den Refrain „Gündüz, Gece“ (dt. Tag und Nacht) mitzusingen.

Der Abschluss der Tour führt zur Ehrenfelder Zentralmoschee als einzigem nach außen hin erkennbarem muslimischem Gotteshaus. Viele der Teilnehmer haben diese Moschee hierbei zum ersten Mal betreten. Gök betont, sie wolle die unterschiedlichen Facetten des türkischen Lebens in Köln sichtbar machen – das Traditionelle ebenso wie das Moderne.