Dr. Forugh Dafsari leitet die Spezialambulanz für Depression im höheren Lebensalter an der Uniklinik Köln. Im Interview erklärt sie, welche Vorurteile Patienten begegnen – und warum die Krankheit trotz hoher Suizidrate oft übersehen wird.
Kölner Expertin über Altersdepression„Die Dunkelziffer ist sicherlich deutlich höher“

Die Spezialambulanz für Altersdepression an der Uniklinik Köln war deutschlandweit die erste ihrer Art an einem Universitätsklinikum. 2017 wurde sie unter anderem von Dr. Forugh Dafsari gegründet.
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Dr. Forugh Dafsari ist Leiterin der Spezialambulanz für Depression im höheren Lebensalter an der Uniklinik Köln. Die Ärztin erklärt, welche besonderen Symptome mit der Erkrankung einhergehen, wie Betroffenen geholfen werden kann und warum sie eine hohe Dunkelziffer vermutet.
Warum gilt Ihr medizinisches Interesse der Altersdepression?
In meinem Beruf als Psychiaterin und Psychotherapeutin habe ich viele Menschen gesehen, die nach einem sehr erfüllten und schönen Leben im höheren Alter erstmals an einer Depression erkrankt sind. Sie waren verzweifelt, hoffnungslos und resignierten, obwohl sie gerade in diesem Lebensabschnitt noch so viel Lebensqualität und Erfüllung hätten finden können. Gleichsam habe ich auch oft Menschen behandelt, die immer wieder im Leben an depressiven Episoden erkrankt sind. Sie kamen mit lebensmüden Gedanken oder nach Suizidversuchen zu uns. All diese Biografien haben mich sehr bewegt. Es ist das Ziel entstanden, die Ursachen der Erkrankung zu erforschen und die Behandlung der Betroffenen zu verbessern.
Wann spricht man von einer Altersdepression?
Von einer Altersdepression sprechen wir, wenn eine depressive Episode bei Menschen im Alter von 60 Jahren oder älter auftritt. Eine Depression ist definiert durch das Vorhandensein von gedrückter Stimmung, wenig Antrieb, Freudlosigkeit und Interessenlosigkeit über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen über die meiste Zeit des Tages. Oft leiden Patienten schon mehrere Monate oder Jahre. Die Altersdepression geht also weit über eine gelegentliche Traurigkeit hinaus.
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Was unterscheidet die Fälle von älteren und jüngeren Erkrankten?
Die Suizidrate ist bei Depressionen im höheren Alter nochmal deutlich höher. Beispielsweise ist die Suizidrate bei älteren Männern über 70 Jahren circa 20-fach höher als bei jungen Frauen. Im Gegensatz zu jungen Erkrankten haben Menschen mit Depressionen im hohen Alter häufig auch Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen und zusätzlich körperliche Symptome wie Übelkeit, Schmerzen oder Schwindel.
Welche Hoffnung gibt es für Betroffene?
Die Depression im höheren Lebensalter ist eine sehr gut behandelbare Erkrankung. Viele Patientinnen und Patienten werden wieder vollständig gesund. Der Erfolg der Therapie hängt davon ab, wie spezifisch genug die Behandlung erfolgt. Je früher und wirksamer die Therapie durchgeführt wird, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Betroffenen auch wieder vollkommen gesund werden. Erste Symptome, auf die man achten sollte, sind z.B. Schlafstörungen und Appetitlosigkeit.
Wie viele Menschen in Deutschland sind betroffen?
Die aktuellen Studien zeigen Häufigkeiten von 10 bis 30 Prozent, je nach Altersgruppe und Geschlecht. Und in bestimmten Umgebungen wie in Seniorenheimen sind die Häufigkeiten deutlich höher. Sie liegen ungefähr bei 40 bis 50 Prozent. Das sind aber nur die diagnostizierten Fälle. Die Dunkelziffer ist sicherlich deutlich höher.
Was ist der Grund für die hohe Dunkelziffer?
Mit ihren Symptomen wenden sich die Betroffenen meistens zuerst an den Hausarzt. Dort wird die Altersdepression oft nicht direkt erkannt oder als körperliche Erkrankung fehlinterpretiert. Aber auch wenn sie vom Hausarzt erkannt wird, bedeutet das leider noch nicht, dass die Menschen sich in fachärztliche Behandlung begeben und die Erkrankung spezifisch behandelt wird.
Warum?
Manchen Betroffenen fällt es schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie sich zum Beispiel schämen oder Angst vor einer Stigmatisierung haben. Auch fehlt es oft an Aufklärung darüber, dass die Erkrankung gut behandelbar ist. Wir brauchen zudem viel mehr Anlaufstellen und Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene und spezielle Weiterbildungsmöglichkeiten für das Fachpersonal.
Mit welchen Vorurteilen werden Betroffene konfrontiert?
Das Altern ist in unserer Gesellschaft leider immer noch sehr negativ behaftet und wird vor allem mit Einschränkungen und Defiziten in Verbindung gebracht. Wenn dann noch eine Depression auftritt, werden viele Betroffene kaum unterstützt. Es herrscht immer noch die Vorstellung, dass man nichts mehr tun könne für die Betroffenen oder es sich nicht mehr lohnt die Betroffenen zu unterstützen. Dabei ist in jedem Alter eine Behandlung möglich und lohnenswert.
Wie behandeln Sie in Ihrer Ambulanz?
Je nach Schweregrad und individuellen Ursachen können wir empfehlen, ob eine medikamentöse, überwiegend psychotherapeutische Behandlung oder die Kombination aus beidem das Richtige ist. Bei einigen Patienten ist die Symptomatik so stark ausgeprägt, dass sie stationär behandelt werden müssen. Andere können bei uns ambulant weiterbehandelt werden. Darüber hinaus wissen wir, dass zusätzliche Maßnahmen wie Bewegungs- oder Ergotherapie hilfreich sind. Auch das Herstellen eines sozialen Netzwerks durch Selbsthilfegruppen, eine ehrenamtliche Tätigkeit oder die Teilnahme an einem Seniorentreff können helfen. An diese Stellen können wir vermitteln.
Warum braucht es Angebote, die sich spezifisch mit der Altersdepression befassen?
Wir müssen altersspezifische Veränderungen sowohl in der medikamentösen Behandlung als auch in der Psychotherapie berücksichtigen. Durch veränderte Nieren- und Leberfunktion werden Antidepressiva anders verstoffwechselt. Auch nehmen ältere Patienten oft wegen anderer körperlicher Krankheiten Arzneimittel ein, die zu Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten führen können. Die Psychotherapie sollte an altersspezifische Themen wie den Verlust sozialer Netzwerke und Strukturen, Umgang mit körperlichen Krankheiten, Immobilität, Angst vor dem Sterben und der Frage nach der Sinnstiftung angepasst werden. Depressionen im höheren Alter können grundsätzlich mit Suizidgedanken einher gehen, deshalb brauchen wir eine frühe und spezifische Behandlung der Betroffenen.
Was können Auslöser für eine Altersdepression sein?
Die Auslöser können sehr vielschichtig sein. Es ist meist eine Kombination aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Wir wissen, dass manche Menschen eine genetische Veranlagung haben und die Depression in ihrer Familie gehäuft auftritt. Hinzu kommen meist noch psychosoziale Faktoren wie Verlusterfahrungen, akute berufliche Stressoren oder der Wegfall der Berufstätigkeit und den damit verbundenen Alltagsstrukturen, sozialen Kontakten und der Sinnstiftung. Einsamkeit ist auch ein wichtiger auslösender Faktor, ebenso wie finanzielle Schwierigkeiten oder familiäre Konflikte.
Welche Geschichten bringen Ihre Patientinnen und Patienten mit?
Die Erkrankung trifft Menschen aller sozialen Schichten, aller Berufe, mit verschiedenen Lebensumständen und familiären Hintergründen. Deshalb sind die Geschichten auch sehr vielfältig. Aber was die meisten eint, ist ein Gefühl der Einsamkeit durch den Verlust sozialer Strukturen und die Frage nach der Sinnstiftung in dem neuen Lebensabschnitt. Manchmal wird auch auf das eigene Leben zurückgeblickt und die Frage gestellt, ob die richtigen Entscheidungen getroffen wurden und z.B. genug Zeit für die wesentlichen Dinge wie Familie und Freunde da war.
Wie gehen Sie mit solchen Gedanken der Betroffenen um?
Als erstes geht es darum, das Vergangene zu akzeptieren. Wir versuchen zu vermitteln, dass es auch im Alter möglich ist neue Dinge zu erleben, sich neue Ziele zu setzen und neue soziale Strukturen aufzubauen. Oft geht das nicht auf die gleiche Art wie in jungen Jahren, aber das muss ja nicht schlecht sein.
Wie kann ich eine Altersdepression vorbeugen?
Da die Altersdepression auch biologische Ursachen haben kann, ist ein gesunder Lebensstil sicherlich ein protektiver Faktor. Nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt entwickeln etwa 25 Prozent der Menschen eine Depression, was auch auf körperliche Ursachen zurückzuführen ist. Deshalb können Maßnahmen wie regelmäßige Bewegung, eine gesunde Ernährung und der Verzicht auf Rauchen und Alkohol vorbeugend sein. Zudem können soziale Kontakte schützen. Dabei ist weniger die Anzahl, sondern vielmehr die Qualität der einzelnen Beziehungen wichtig. Außerdem ist es ein schützender Faktor, wenn bereits Ressourcen in Form von Hobbys und Aktivitäten bestehen, die in schwierigen Phasen aktiviert werden können.
