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Karneval in KölnEin Tag mit den Helligen Knäächten un Mägden

5 min
Die Helligen Knächte un Mägde auf der Bühne des Ostermann-Saals.

Die Helligen Knächte un Mägde auf der Bühne des Ostermann-Saals.

Die „Helligen“ sind die älteste Tanzgruppe im Kölner Karneval - und begeistern sich noch heute für die über 200 Jahre alte Tradition.

Ordentlich gebügelt und gesteift sind die weißen Schürzen der Helligen Mägde am Auftrittssamstag im Pfarrhaus Sankt Severin. „Das Waschen und Bügeln ist Teil unseres Ehrenamtes“, erklärt Anica Cüpper und übergibt den weißen harten Stoff an ihre Mägde-Kollegin Kira, die sogleich anfängt, kleine Sicherheitsnadeln an Anicas Kleid zu befestigen. Drei junge Frauen wuseln nun um die zweite Vorsitzende der Traditionstanzgruppe „Helllige Knäächte un Mägde“ herum. Das dreieckige Tuch wird viermal umgeschlagen und gut am Rückenteil des Kleides befestigt. Vorne, vor der Brust zusammenlaufend, werden die Zipfel unter der blau, rot, weißen Blume zusammengesteckt. Anna-Lena befestigt noch die Ansteckpins an Anicas Tracht, während Kira, eine der Jung-Mägde, bei der korrekten Schleifenbindung unterstützt.

Die Trachten spiegeln die Kleidung der Mägde von vor 200 Jahren wider.

Die Trachten spiegeln die Kleidung der Mägde von vor 200 Jahren wider.

Noch einmal zurechtgezubbelt und Anica ist bereit für den nächsten Auftritt. Die „Helligen“ sind seit 1823 fest im Kölner Karneval verwurzelt und gelten als älteste Traditionstanzgruppe, die auch Teil des Rosenmontagszugs ist. Die Gruppe entstand vor 200 Jahren aus Knechten und Mägden der Kölner „Bauerbänke“, die bei Prozessionen Heiligenfiguren trugen. Die Tracht in Rot, Schwarz und Weiß spiegelt auch heute noch die Kleidung der Knechte und Mägde von vor 200 Jahren wider. Innerhalb der Tanzgruppe erfüllen die Mitglieder unterschiedliche Rollen, darunter der Bauernschütz (Daniel Basalla, 35), der Fähnrich (Fabian Pfau) und das Jeckenbäänten (Fabio Schwamborn).

Hellige Knäächte un Mägde: Nicht nur tanzen, sondern Geschichten erzählen

An diesem Samstagnachmittag ist das Pfarrhaus Sankt Severin in der Südstadt der erste Stopp an einem langen Auftrittstag. Einige der jecken Teilnehmenden der Sitzung im Pfarrhaus stehen bereits auf Tischen und Bänken, während die Helligen in die kleine Halle einmarschieren. Mit breitem Grinsen im Gesicht und offensichtlichem Spaß an der Sache, tanzt sich die erste Tanzgruppe des Kölner Karnevals in die Herzen des Publikums.

Teamwork: Die Tänzerinnen und Tänzer unterstützen sich bei der Vorbereitung der Trachten

Teamwork: Die Tänzerinnen und Tänzer unterstützen sich bei der Vorbereitung der Trachten.

Daniel Basalla hat die Position des Bauernschütz inne und begleitet die Gruppe hauptsächlich mit seiner Stimme. Denn die Gruppe tanzt nicht nur, sie erzählt auch eine Geschichte. Mit seinem Stab in der Hand begrüßt er die Menge und schon geht es los. Den „Sessionstanz“ gestaltet die Gruppe in jedem Jahr neu, während der Ursprung der weiteren Tänze teilweise  Jahrzehnte zurückliegt. In dieser Session erzählt die Gruppe die Geschichte von Familie Schmitz, die sich vor kurzen, spontanen Besuchen an einem Sonntag kaum retten kann. Auch einen Tanz zu Ehren von Willi Ostermann, der in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden wäre, performt die Gruppe. 

Daniel singt mit kräftiger Stimme, die Tänzerinnen und Tänzer setzen das Erzählte in ihrer Performance um. Für Daniel ist die größte Motivation, Teil der Helligen Knächten un Mägde zu sein, die Liebe zur Tradition des Kölner Karnevals. Dass sein Verein im Jahr 1823, gemeinsam mit den Roten Funken, der erste Verein war, der beim ersten Rosenmontagszug mitgefahren ist, erfüllt ihn mit Stolz. „Wir tragen auch ein Stück weit zum Erhalt der Kölner Stadtgeschichte bei.“

Jule Piel ist die erste singende Frau der „Helligen“.

Jule Piel ist die erste singende Frau der „Helligen“.

Nach ihrem Auftritt in der Südstadt muss alles schnell gehen, die Gruppe steigt in den Reisebus und fährt den zweiten Stopp des Abends an. In Troisdorf ist die Halle größer, die Bühne breiter und das Publikum etwas zurückhaltender. „Es ist überall ein wenig anders“, weiß Jule, „aber es macht immer gleich viel Spaß.“

Die erste singende Frau bei den „Helligen“

Jule Piel ist seit acht Jahren Teil des Vereins und tanzt als Magd mit in der Gruppe. Besonders die Mischung aus Schauspiel und Tanz habe ihr bei den „Helligen“ gut gefallen: „Schon als kleines Mädchen stand ich staunend am Rand des Rosenmontagszugs und habe die Funkemariechen tanzen sehen.“ Jetzt, viele Jahre später, lebt die 26-Jährige ihren Kleine-Mädchen-Traum. Mit 18 ist sie dem Verein beigetreten, nachdem sie bereits ihren Bruder bei Auftritten der Helligen Knäächte und Mägde beobachten durfte. Dieses Jahr ist ein ganz besonderes für sie, denn als erste Frau in der 203-jährigen Geschichte des Vereins steht sie mit Mikrofon auf der Bühne und singt gemeinsam mit dem Bauernschütz vor jeckem Publikum. Für Jule auch ein Schritt in Richtung gleichberechtigte Zukunft: „Ich fühle mich sehr geehrt.“ Für sie auch ein Beweis, dass Tradition nicht unbedingt konservativ sein muss und ihr Verein mit der Zeit geht: „Wir haben das gemeinsam als Gruppe entschieden.“

Die Knäächte und Mägde trainieren ab Sommer zweimal in der Woche, manchmal sogar öfter, und sind ab Sessions-Start im November bis Februar monatelang Auftritt für Auftritt gemeinsam unterwegs. Das schweißt zusammen, findet Jule. Diese Gemeinschaft ist auch der Grund, weshalb sie so viel Zeit und Leidenschaft in das Ehrenamt geben kann: „Wir sind eine Familie, ich tanze zum Teil mit meinen besten Freundinnen, aber wir nehmen auch alle Neuen immer sehr herzlich auf.“

Die Freundschaft, die die Gruppe als Gemeinschaft zusammenhält, wird vor allem in den Busfahrten zwischen den Auftritten am Samstag deutlich. Immer wieder wird Essen durchgereicht, es wird aufeinander geachtet und auch der Spaß steht in der Pause an erster Stelle. Die Musikbox dröhnt zwischen den bunten Discolichtern die Lieblingsfeier-Hits der Gruppe durch die Sitzreihen und das ein oder andere Sektglas darf zum Erhalt der heiteren Stimmung nicht fehlen.

Als die Gruppe den vorletzten Stopp im Ostermann-Saal in den Sartory-Sälen erreicht, sind seit dem Treffen am Morgen bereits  fast zwölf Stunden vergangen. Den Spaß am Tanzen hat die Gruppe aber noch längst nicht verloren.