Karneval in KölnDie Rückkehr der Großfiguren im Rosenmontagszug

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Großfiguren

Erschaffen wurden die Großfiguren von Künstler Werner Blum und seiner Frau Halina Labusga

Der Kölner Rosenmontagszug ist der Höhepunkt des Karnevals, im Jubiläumsjahr ist der Aufwand so groß wie nie. Passend zu den Dimensionen werden nun die Großfiguren wiederbelebt.

Der kopflose Funk kostet Werner Blum einige Nerven. Mühsam zieht der Künstler einen Gurt durch das hohle Haupt des körperlosen Karnevalisten, seine Lebensgefährtin Halina Labusga hält derweil den Arm des Stadtsoldaten in der Hand und fädelt mit großer Geduld eine Schnur durch die Bekleidung. „Manchmal denke ich, was haben wir uns damit angetan. Es gibt keine Erfahrungswerte, wir wissen nie, wie lange etwas dauert“, erklärt Blum seinen steigenden Stresspegel. Die Köpfe von fünf Großfiguren liegen auf dem Boden einer kleinen Halle der Sporthochschule. Und vor der Tür warten schon die Studierenden des Instituts für Tanz- und Bewegungskultur.

Rosenmontag in Köln: Renaissance der Großfiguren zum Jubiläum

Zum Jubiläum des Kölner Karnevals wird der Rosenmontagszug die Renaissance der Großfiguren einleiten. Bis zu 4,50 Meter ragen die bunten Riesen in die Höhe, doch die Bauweise ist nicht zu vergleichen mit den unförmigen Pappfiguren, die es einst im Zug gab. Ein Schlosser hat den Torso aus leichtem Fieberdraht geformt, der Kopf aus Epoxidharz und Glasfaser wiegt zwei, die Gesamtkonstruktion zwölf Kilogramm. Das mit leichtem Zeltstoff bespannte Gestell schnallen sich die Trägerinnen und Träger wie einen Rucksack auf die Schulter, ein Hüftgurt federt das Gewicht ein wenig ab. „Der Rosenmontagszug soll so richtig krachen in diesem Jahr. Die Figuren werden ein Mega-Hingucker sein“, ist sich Zugleiter Holger Kirsch sicher.

Der Rosenmontagszug soll so richtig krachen in diesem Jahr. Die Figuren werden ein Mega-Hingucker sein.
Holger Kirsch, Zugleiter

Natürlich feiert sich der Kölner Karneval gerade in diesem Jahr auch selbst, die Großfiguren werden größtenteils die Farben der Traditionskorps tragen, die Riesen sind allesamt Männer, keine Frau ist dabei. Nach 200 Jahren ist allein hierdurch schon einiges gesagt über den Zustand dieses Brauchtumsfests, das so tief in dieser Stadt verwurzelt ist wie vielleicht sonst nur die Kirche.

Die Großfiguren in der Entstehung

Die Großfiguren in der Entstehung

Der organisierte Karneval ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine sehr maskuline Angelegenheit. In den Korps sind die Mariechen traditionell die einzige Frau. Und für die Dominanz der Korps stehen in dieser Session die ebenfalls jubilierenden Roten Funken, die das Kölner Dreigestirn stellen dürfen und ihr 200-jähriges Bestehen das gesamte Jahr über mit 72 Veranstaltungen zelebrieren. Der Millionenetat dieses Korps ist deutlich höher als der des Festkomitees Kölner Karneval.

Erstmals zieht der Rosenmontagszug durchs Rechtsrheinische

Der Kölner Karneval ist das Größte – neben der künstlerischen und handwerklichen Qualität geht auch dieses Signal von den Großfiguren aus. Zweifler mögen einwenden, das es sich immer noch um Karneval handelt, eine zeitlich eingeschränkte Nebensache. „Im organisierten Karneval ist Köln die Champions League.

Was Außenwirkung und Organisationsgrad angeht, kann ansonsten noch Venedig mithalten“, sagt Erich Ströbel. Im Vorstand des Kölner Festkomitees kümmert er sich um „Karnevalsverbände und Kulturgut“, nebenbei hat er das Ehrenamt des Geschäftsführers der Närrischen Europäischen Gemeinschaft (NEG) übernommen, die gerade erst ein Büro im Hause des Kölner Festkomitees am Maarweg im Stadtteil Braunsfeld bezogen hat. Kommendes Jahr wird Köln den Titel Närrisch-Europäische Kulturstadt tragen dürfen.

Getragen und bewegt werden die Figuren von Studierenden des Instituts für Tanz und Bewegung der Sporthochschule Köln.

Getragen und bewegt werden die Figuren von Studierenden des Instituts für Tanz und Bewegung der Sporthochschule Köln.

Der Rosenmontagszug soll nun Höhepunkt der Feierlichkeiten werden, erstmals wird der närrische Bandwurm auch durchs Rechtsrheinische ziehen. Auf der Deutzer Brücke sollen mit Dom und Altstadt-Panorama als Kulisse Bilder für die Ewigkeit entstehen. Mit neun Kilometern ist der Zugweg so lang wie noch nie. Vor 200 Jahren war „Held Carneval“ bei der Premiere des reformierten Festes einmal um den Neumarkt gezogen.

Vom Hänneschen-Zug zur Friedesdemo

Wie professionell der Kölner Karneval aufgestellt ist, ließ sich in den vergangenen beiden Jahren beobachten, als erst die Pandemie und dann der Kriegsausbruch in der Ukraine das Fest zum Erliegen brachten. Zunächst ließ das Festkomitee im Jahr 2021 in Zusammenarbeit mit dem Hänneschen-Theater einen Miniatur-Zug bauen, voriges Jahr wurde der Rosenmontagszug in atemberaubender Geschwindigkeit in die bundesweit größte Friedensdemonstration umgewandelt, während die Karnevalisten in anderen Hochburgen resignierten.

Bis zu 4,50 Meter Größe erreichen die Figuren.

Bis zu 4,50 Meter Größe erreichen die Figuren.

Nun ist der Karneval zurück. Erst in den Sälen, jetzt auch auf der Straße. Die Großfiguren werden im Zug um eine doppelstöckige Geburtstagstorte staksen. „Die Figuren zu bändigen, ist eine echte Herausforderung“, sagt Werner Blum, der Designer, dessen Hauptbeschäftigung meist der Bau von Persiflagewagen ist. Arme und Beine der Figuren lassen sich mit Skistöcken bewegen. Die Aufgabe von Marco Grawunder und seinen Studierenden der Sporthochschule wird es sein, die Figuren zum Leben zu erwecken. „Wie winken wir? Wie klatschen wir ab? Das werden wir üben. Die Interaktion muss funktionieren“, sagt Grawunder im Ton eines Regisseurs, der ein riesiges Improvisationstheater zu leiten hat.

Zehn Figuren sind im Rosenmontag mit dabei

Im Sommer entstand die Idee, die Tradition der Großfiguren wiederzubeleben. Werner Blum ließ einen Prototyp anfertigen, nun werden zehn Figuren im Zug zu sehen sein. „Die Nachfrage bei den Vereinen war noch größer, aber für dieses Jahr haben wir nicht mehr hinbekommen“, sagt Kirsch. Kommendes Jahr soll sich das ändern. Nun liegen Köpfe auf dem Hallenboden und warten darauf, Arme, Beine und Körper kennenzulernen. Nicht nur die Künstler arbeiten am Anschlag, auch bei Kirsch käme in diesen Tagen niemand auf die Idee, dass er hauptberuflich Architekt ist. „Ich arbeite derzeit deutlich weniger in meinem Beruf als für den Rosenmontagszug“, sagt er.

Halina Labusga bei der Arbeit an den Figuren.

Halina Labusga bei der Arbeit an den Figuren.

Politiker und Prominente werden im Kölner Rosenmontagszug zu sehen sein. 70 Gruppen gehören dazu, etwa 12 500 Teilnehmende werden durch die Straßen ziehen. „Auch hier war das Interesse größer“ sagt Kirsch. Doch das Dreigestirn, vor allem aber die rund 200 Pferde, sollen im Hellen ankommen. Wenn der Wagen von Prinz Boris I. als letztes durch die Severinstorburg rollt, werden die Großfiguren längst wieder ihre Köpfe verloren haben und aufs nächste Jahr warten.


Der Kölner Karneval inZahlen

600 Millionen Euro Umsatz werden Jahr für Jahr im Kölner Karneval generiert – vom Kostümkauf, über Sitzungen bis zur Taxifahrt. Dies hat die Boston Consulting Group gemeinsam mit der Rheinischen Fachhochschule Köln zuletzt im Jahr 2018 untersucht. Innerhalb von zehn Jahren kam der Karneval demnach auf eine Umsatzsteigerung von rund 30 Prozent. Der Karneval sichere rund 6500 Arbeitsplätze in der Region – Hotelgewerbe und Kostümbranche gehörten demnach zu den größten Profiteuren. Die Auswirkungen der Pandemie und der allgemeinen Teuerungen haben auch den Karneval getroffen. Das Festkomitee hat die vergangenen beiden Geschäftsjahre jeweils mit einem Minus im hohen sechsstelligen Bereich abgeschlossen.

650 Karnevalssitzungen gibt es in etwa in Köln. Experten vermuten, dass die Vereine im kommenden Jahr auf rund 50 Sitzungen verzichten werden. Denn schon i dieser Session waren längst nicht alle Säle ausverkauft. Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn sprach unlängst in dieser Zeitung von einer „Evolution des Karnevals“ und prognostizierte: „ Alles wird auf den Prüfstand gestellt. Was sich als gut herausstellt, wird bleiben.“

257 Millionen Euro werden in der Karnevalszeit allein in der Gastronomie umgesetzt. In den Hotels der Region werden laut Untersuchung 835 000 Übernachtungen gebucht. Auch bei den Sitzungen gab es vor Pandemie und Krise ein großes Umsatzplus. (tho)

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