Soziologinnen der Uni Köln haben über 140 Mitglieder von Karnevalsgesellschaften in der Region befragt.
Jecke im Fokus der WissenschaftStudie bestätigt positive Wirkung von Karnevalsvereinen auf die Seele

Nicht nur Depressionen kann ehrenamtliches Engagement in einem Karnevalsverein vorbeugen, wie die Studie nahelegt.
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Jeck sein ist gut für die Seele – zumindest als Mitglied in einem Karnevalsverein. Das ist durch die „Jeckenstudie“ von Prof. Dr. Lea Ellwardt von der Uni Köln nun auch wissenschaftlich bewiesen. In einem dreijährigen Forschungsprojekt haben sie und ihr Team über 140 Mitglieder von Karnevalsgesellschaften zu ihren sozialen Beziehungen im Verein befragt. Die Forschenden wollten herausfinden, inwiefern sich die Vereinsaktivitäten positiv auf das soziale Wohlbefinden auswirken, insbesondere bei Personen in der zweiten Lebenshälfte. Ein Großteil der Ergebnisse liegt nun vor – und bestätigt, was viele Jecke wahrscheinlich schon lange wussten.
„Die Menschen pflegen in den Karnevalsvereinen über viele Jahre wichtige Sozialkontakte, die überwiegend als positiv wahrgenommen werden“, erklärt Ellwardt eine der Erkenntnisse. „Dieses Gefühl von Zugehörigkeit ist für das subjektive Wohlbefinden natürlich toll. Aus anderen Studien wissen wir, dass Menschen mit stetigen positiven Sozialkontakten weniger anfällig für psychische Erkrankungen sind. Dieser Zusammenhang lässt uns vermuten, dass eine aktive Mitgliedschaft im Karnevalsverein Angststörungen und Depressionen vorbeugen kann.“
Unverhofft passt die Studie gut zum aktuellen Sessionsmotto „Alaaf – Mer dun et för Kölle!“, das Ehrenämter im Karneval würdigen will. Denn befragt wurden nur Personen, die nicht nur zum Feiern dabei sind, sondern sich regelmäßig und ehrenamtlich einbringen. „Das Engagement bietet Struktur und vermittelt das Gefühl, gebraucht zu werden. Insbesondere Personen in der Rente können so Fähigkeiten zur Geltung kommen lassen, die sonst nicht mehr von ihnen gefordert sind“, sagt Ellwardt.
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Das Team der „Jeckenstudie“: Dr. Paula Steinhoff (v.l.), Prof. Dr. Lea Ellwardt und Dr. Amelie Reiner.
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Ob Organisation von Events oder Betreuung der Kindertanzgruppe: Von dem Engagement der Jecken war die Wissenschaftlerin teils sehr beeindruckt. „Ich habe mit einem Präsidenten einer kleineren Gesellschaft gesprochen, der ein bis zwei Tage in der Woche für den Verein aufwendet.“
Auch den Körper kann die ehrenamtliche Arbeit laut der Studie positiv beeinflussen. „Das ist natürlich nicht auf das Ess- und Trinkverhalten im Karneval bezogen“, sagt die Soziologin lachend. „Das Engagement ist vor allem bei älteren Menschen schlichtweg der Grund, das Haus zu verlassen.“ Und das ist bekanntermaßen gut für das Herz-Kreislauf-System.
Für die „Jeckstudie“ hat das Team, zu dem auch Dr. Amelie Reiner und Dr. Paula Steinhoff gehören, nicht nur Daten über einen Online-Fragebogen erhoben, sondern auch ausführliche Interviews geführt. Untersucht wurden kleine Vereine in Köln und dem Umland, mit jeweils etwa 50 Mitgliedern. Die Befragten waren insgesamt im Alter von 23 bis 86 Jahren.
Gefördert wird die Studie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – in der Wissenschaftswelt eine große Sache. Das hat das Team teils der Strahlkraft des Kölner Karnevals zu verdanken. „Auf Konferenzen wurde das Thema immer sehr interessiert aufgenommen“, sagt Ellwardt. „Das Thema Ehrenamt und Vereine ist in der Sozialwissenschaft fest verankert. Aber dass man speziell den Karnevalskontext auswählt, ist neu.“
Beim Karneval kann jeder mitmachen
Karnevalsvereine eigneten sich perfekt für die Studie. Gesucht wurde ein Ort der sozialen Begegnungen, der relativ voraussetzungslos ist. Und in den Vereinen müssen Mitglieder nichts Bestimmtes können, kein gewisses Fitness-Level haben, oder einer politischen Richtung oder Religion angehören. Außerdem werden keine Altersgruppen ausgeschlossen. So ist es möglich, dass ganze Familien in den Karnevalsgesellschaften aktiv sind, wie das Team in den Befragungen bemerkte. „Die Vereine sind ein zusätzlicher Ort, an dem man seine Liebsten wiedersieht und ein gemeinsames Interesse pflegt. Das schweißt zusammen.“
Die befragten Personen waren durchschnittlich seit 15 Jahren Mitglieder in ihrem Verein. Ellwardt staunte nicht schlecht, als sie hörte, wie treu die Jecken ihren Gesellschaften sind. „Uns wurde berichtet, dass es wenige Kündigungen von Mitgliedschaften gibt. Wenn man umzieht, tritt man einfach zusätzlich in Vereine ein. Einige der Befragten hatten vier oder fünf Mitgliedschaften.“
Ein Eintritt findet aber nicht aus Liebe zum Fastelovend statt, wie die Wissenschaftlerinnen erfuhren. „Viele sagten, dass es bei dem Beitritt nicht um den Karneval an sich ging, sondern darum, Kontakte aus der unmittelbaren Umgebung kennenzulernen. So lassen sich auch Kontakte pflegen, die nicht zum engen Kreis gehören.“
Ellwardt selbst ist übrigens keine Karnevalistin, sie kommt ursprünglich aus Dresden und lebt „seit elf schönen Jahren“ in Köln. Auch ihre Kolleginnen seien nicht jeck. „Und das ist gut, weil wir so objektiv auf unser Forschungsobjekt schauen können“, sagt die Soziologin und schmunzelt.

