Kölner ZooSo gedeihen die jungen Tiger und Löwen – ein Blick in zwei Kinderstuben

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Tigerjunge

Sehen noch ganz harmlos aus: Die beiden Armurtiger sind im April im Zoo zur Welt gekommen.

Im Kölner Zoo ziehen zwei Löwenmütter und eine Tigerin ihren erst wenige Wochen alten Nachwuchs groß. Löwin Gina und Amurtigerin Katinka beweisen dabei beeindruckende mütterliche Instinkte.

Drei kleine, vor 19 Wochen geborene Löwen und zwei sieben Wochen alte Tigerkätzchen wachsen im Zoo ganz langsam zu imposanten Raubkatzen heran. Die im Rudel lebenden Asiatischen Löwen und die Einzelgänger Amurtiger unterscheiden sich in vielem. Und haben zugleich verblüffend viel gemeinsam – ein Blick in zwei Kinderstuben.

Die ersten Lebenswochen in großer Gefahr

Löwenmütter ziehen sich zur Geburt und für die folgenden Wochen von ihrem Rudel zurück, Tigerinnen sind per se Einzelgänger. Löwen suchen sich oft ein dichtes Dornengebüsch als Schutz für ihre Neugeborenen, Tigerinnen bringen ihre Jungen in Höhlen oder im Schutz des Unterholzes zur Welt. Beide Raubkatzen müssen nach spätestens einer Woche wieder jagen, damit sie genug Milch für ihre Jungen haben und sind dann bis zu zwei Tage nicht bei ihnen. Deshalb überleben etwa in Afrika mehr als 60 Prozent der bei ihrer Geburt nur 1,5 Kilogramm leichten Löwenjungen die ersten Wochen nicht, viele werden von Tüpfelhyänen,   Leoparden oder Pavianen gefressen. Die größten Feinde des Tigernachwuchses sind Wölfe und Braunbären.

Der Löwenpapa mit seinem Nachwuchs.

Der Löwenpapa mit seinem Nachwuchs.

Im Zoo bekommen die Mütter täglich Fleisch. „Löwin Gina hat ordentlich   zugelegt, obwohl sie ihre Jungen säugt“, erzählt Kurator Alexander Sliwa schmunzelnd. „ Und Katinka gibt ihren Pflegern und Pflegerinnen unmissverständlich zu verstehen, dass sie noch mehr Fleisch möchte. Sie faucht, schlägt gegen das Gitter und bleibt dort so lange stehen, bis Nachschub kommt.“

Niemals mehr als eine Woche am selben Ort

In der Natur tragen die Katzenmütter ihren hilflosen Nachwuchs jede Woche in ein neues Versteck, um ihn zu schützen. Wenn sie riechen, dass sich Raubtiere genähert haben, geschieht das auch ganz spontan. Dieses instinktive Verhalten ist der Grund dafür, dass die Raubkatzen in den ersten acht Wochen überhaupt nicht gestört werden dürfen. „Fühlen sie sich nicht sicher, besteht die Gefahr, dass sie ihren Nachwuchs töten, weil sie glauben, dass sie ihn aufgrund der Unsicherheit verlieren könnten“, so Sliwa. Deshalb werden Gina und Katinka so weit wie möglich von ihrer Wurfhöhle entfernt gefüttert.

Für die Sauberkeit in ihren Wurfboxen sorgen sie selber: Kot und Urin der Winzlinge lecken sie auf, denn ein starker Geruch könnte Fressfeinde anlocken. Anders als Tigerin Katinka trägt Gina ihre Jungen nicht am Nackenfell sondern stupst sie mit den Pfoten in die gewünschte Richtung. „Das Trageverhalten ist eigentlich angeboren“, sagt Sliwa. „Warum Gina es anders macht, wissen wir nicht.“

Tiger-Mutter Katinka liegt mit ihren beiden Jungen in ihrem Gehege im Kölner Zoo

Tiger-Mutter Katinka liegt mit ihren beiden Jungen in ihrem Gehege im Kölner Zoo

Das Familienleben könnte verschiedener nicht sein

Löwenpapa Navin ist seinen Jungen zugetan. „Er hat Kontakt zu ihnen gesucht, als sie mit neun Wochen zum ersten Mal ins Vorgehege durften und nimmt bislang alles gelassen hin, was sie mit ihm anstellen. Auch in der Natur haben die Löwenväter regelmäßig Kontakt mit ihren Jungen. Tiger Sergan dagegen hat sich schon Mutter Katinka gegenüber teils aggressiv verhalten. „Solange sie empfangsbereit war, ging alles gut. Aber danach mussten wir die beiden wieder trennen. Die Jungen zu ihm zu lassen, wäre zu gefährlich. Wenn auf derAußenanlage etwas schief gehen würde, könnten wir nichts für die Kleinen tun“, so Sliwa.

Fünf kleine Wunderkinder für den Zoo

„Katinka ist mit 13 Jahren schon eine relativ alte Mutter. Ihre Chance, trächtig zu werden, lag nur noch bei zwölf Prozent“, sagt Sliwa. „Aber unser ganzes Team hat sich eine Riesenmühe gegeben, hat ihr Verhalten genau beobachtete und immer wieder den richtigen Moment abgepasst, die beiden Tiger zusammenzulassen.“ Katinka hatte schon einmal zwei Junge in einem anderen Zoo – aber das war vor neun Jahren. Die fast zehnjährige Gina ist zum ersten Mal Mutter geworden und hat trotzdem gleich drei ihrer zunächst vier Jungen durchgebracht. „Beide   machen das hervorragend! Das freut uns alle unheimlich“, sagt Sliwa.

Drei Löwenbabys im Kölner Zoo

Die Löwenbabys im Kölner Zoo

Wenn die Zoo-Tierärztin kommt…

...dann hat sie es beim Löwennachwuchs deutlich leichter. „Die drei habe sich bei der zweiten Impfung in ihr Schicksal ergeben und nicht groß rumgezappelt “, erinnert sich Sliwa. „Wurmpaste, Impfung und einmal schnell auf die Waage.“ Das werde bei den Tigern ganz anders aussehen, ist sich Zoo-Tierärztin Sandra Marcordes sicher. „Tiger zeigen viel stärker, dass sie Raubtiere sind, sie fauchen, kratzen und beißen.“ Damit alles schnell geht und sich niemand verletzt, werden die   Jungen mit einem Netz eingefangen und erst dann hochgenommen. In knapp zwei Wochen steht bei den   kleinen Tigern die erste Impfung an, vier Wochen später dann die zweite.

Genetisch wertvoller Nachwuchs bei bedrohten Arten

Lediglich 130 Asiatische Löwen gibt es in europäischen Zoos. Sie alle gehen auf   20 bis 30 Tieren in einem kleinen Reservat im Bundesstaat Gujarat im westlichen Indien vor 100 Jahren zurück — sie waren die letzten ihrer Art. Weil alle Asiatischen Löwen, die es heute weltweit gibt, auf diese wenigen Tiere   zurückgehen ist die genetische Basis klein und es kommt es häufig zu Fehlbildungen. Von den wenigen in den vergangenen vier Jahren in europäischen Zoos geborenen Löwenjungen haben auch deshalb nur einen handvoll überlebt.

„In diesem und im letzten Jahr gab es mehrere Würfe mit Jungtieren, die die kritische Phase überstanden haben“, freut sich Sliwa, der den Zuchtprogrammen in der Katzenspezialistengruppe der Europäische Assoziation für Zoo und Aquarien (EAZA)   und so auch der für Asiatische Löwen und Amurtiger vorsitzt.

Genetisch sehr wertvoll sind auch die beiden kleinen Tiger. Ihre Mutter wurde in Moskau geboren, ihre Eltern waren Wildfänge aus dem Ursprungsgebiet. „Weil sich die EAZA dem Embargo gegen Russland angeschlossen hat, tauschen wir keine Tiere mehr aus. Das ist für ein Erhaltungszuchtprogramm, das auf eine breite genetische Basis setzen muss, eine starke Einschränkung. Deshalb freuen wir uns sehr über die beiden Jungtiere“, so Sliwa.

Deren Geschlecht wird – wie bei den Löwen — erst bei der ersten Impfung erfasst, um die Aufzuchtsituation nicht zu stören. In Europäischen Zoos gibt es 240 Amurtiger.

Köln ist für den Nachwuchs nur eine Heimat auf Zeit

Eineinhalb bis drei Jahre lang können sich die Tierfreunde an den heranwachsenden Raubkatzen erfreuen. Mit einsetzender Geschlechtsreife müssen sie abgegeben werden, um Konflikte und Inzucht zu vermeiden. „Das entspricht auch der sozialen Entwicklung beider Arten im Freiland“, so Sliwa. „Allerdings müssen für alle Tiere Zoos gefunden werden, die Platz und Kapazitäten haben, und das ist nicht immer ganz einfach.“

Bis dahin wachsen die Jungtiere in Köln zu stattlichen Raubkatzen heran, vertilgen dann vier bis sechs Kilo Fleisch am Knochen täglich außer an den Fastentagen, denn auch im Freiland fressen sie nicht jeden Tag. Ausgewachsene Asiatische Löwen sind 140 und 165 Kilo schwer, Amurtiger Sergan wiegt 213 Kilo.

Und jetzt nichts wie raus ins Freie!

Das ließ sich der jetzt fast fünf Monate alte Nachwuchs nicht zweimal sagen. Seit sechs Wochen stromern die drei jetzt schon gut 20 Kilo schweren Racker durch das Gelände, und   falls einer von ihnen aus Versehen ins Wasser fällt, kommt er auch wieder raus. Sehr gerne ins Wasser gehen die Amurtiger; das gilt auch für die noch fünf bis sechs Kilo leichten Mini-Tiger, die erst nach der zweiten Impfung mit 13 Wochen ins Freie dürfen. „Sie lieben Wasser und sind im Zoo deutlich aktiver als die Löwen “, so Kurator Sliwa.

Richtig schnell werden die drei kleinen Löwen allerdings, wenn die Tierpfleger und -pflegerinnen in ihr Areal kommen, um die abgenagten Knochen und Kot zu entfernen. Dann flitzen sie ins Bambusgebüsch, um sich zu verstecken. „Die Elterntiere waren im Stallgebäude hinter verschlossenen Türen, aber die Kleinen wollten da keinesfalls mit rein. Deshalb haben wir das ausnahmsweise so gemacht“, erzählt Sliwa schmunzelnd. „Jetzt fängt das Tierpfleger-Team an, den Löwenjungen beizubringen, dass sie einmal am  Tag einzeln in ihre Futterboxen gehen sollen. Das ist ein echtes Geduldsspiel!“

Die kleinen Tiger dagegen fangen gerade an mit Welt-Entdecken. Sie krabbeln und tapsen jeden Tag ein bisschen länger und mutiger durch ihren Aufzuchtbereich – unter den wachsamen Augen ihrer Mutter, der Amurtigerin Katinka.

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