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„Kumpel, Priester, Psychiater“Wie ein Köbes seinen Brauhaus-Job erlebt

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Köbes Rafael Sauer im Brauhaus Früh „Em Golde Kappes“ in Nippes

Köbes Rafael Sauer vom Früh-Brauhaus „Em Golde Kappes“ in Nippes

Rafael Sauer ist Köbes im Brauhaus „Em Golde Kappes“ in Nippes. Hier erzählt er, warum er den Job so gerne macht – und wie er sich verändert hat.

Wenn die Gastro dich einmal hat, ist das wie ein Magnet. Die lässt dich nicht mehr los. Ich mache das jetzt seit ich 22 Jahre alt bin, und für mich war von Anfang an klar: Das ist kein Beruf, das ist eine Berufung. Man muss das wirklich mit Herz und Seele machen.

Das Schöne als Köbes ist: Du musst dich nicht verstellen. Du kommst zur Arbeit, ziehst dich um und präsentierst den Köbes. Du trägst dann die kölsche Kultur in die Welt hinaus. Dabei bist du ja nicht nur Köbes, du bist für die Gäste auch ein Kumpel, ein Psychiater, ein Priester. Ich mache das jeden Tag gerne wieder, weil kein Tag wie der andere ist. Du nimmst einfach komplett am Leben der anderen teil. Du kriegst die Geschichten mit, du kriegst die Probleme mit und stehst selber gerade unter Druck, weil das Brauhaus voll ist. Das ist einfach geil.

Diesen Job nimmst du aber auch mit nach Hause. Nach Spätdiensten kann ich nicht direkt einschlafen – ich bin auf Adrenalin. Ich dusche, setze mich auf den Balkon, trinke ein Bierchen und rauche eine Zigarette. Da lasse ich alles Revue passieren. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis ich runterkomme. Dann mache ich noch die Flimmerkiste an und gehe schlafen. Nach 30 Jahren ist das immer noch so. Du kannst den Job nicht einfach abhaken.

Rafael Sauer vor seinem Arbeitsplatz, dem Brauhaus Früh „Em Golde Kappes“ in Nippes. Als sogenannter Oberköbes dient er auch als Bindeglied zwischen Restaurantleiter und der gesamten Köbes-Mannschaft, zusätzlich zu seinen gewohnten Köbes-Pflichten.

Rafael Sauer vor seinem Arbeitsplatz, dem Brauhaus Früh "Em Golde Kappes" in Nippes. Als sogenannter Oberköbes dient er auch als Bindeglied zwischen Restaurantleiter und der gesamten Köbes-Mannschaft, zusätzlich zu seinen normalen Köbes-Pflichten.

Vor einigen Jahren hatte ich ein altes Mütterchen am Tisch 15, immer alleine, ihr Mann war verstorben. Später kam eine andere Frau an die Tür, auch Witwe, und sagte mir, sie traue sich nicht mehr ins Brauhaus, was sollten denn die anderen denken. Ich habe sie dann überredet, ihren Mut zusammenzunehmen, und habe sie genau an Tisch 15 gesetzt. Daraus ist eine Freundschaft zwischen den beiden Damen entstanden. Sie sind nachher zusammen in den Urlaub gefahren. Durch diese Verbindung hatten sie noch ein schönes Leben. Das ist die Aufgabe eines Köbes.

Aber ja, die Zeiten ändern sich leider. Früher durfte der Köbes ein bisschen deftiger sein, als er heute sein darf. Die Erwartungshaltung – vor allem bei internationalen Gästen – ist eine andere geworden. Es ziehen auch immer mehr Leute nach Köln, die nicht aus Köln stammen, die mit unserer kölschen Mentalität nicht klarkommen.

Was sich am Job eines Kölner Köbes verändert hat

Früher konntest du zu einer Frau „Liebelein“ oder „Schätzelein“ sagen, und das war von Herzen gemeint. Oder „schöne Fiffi“ – „Fleischmütz“ für jemanden mit Glatze. Ich konnte wirklich sagen: „Halt den Ball flach, Fleischmütz, ich komme gleich.“ Wenn du das heute bringst – nein. Diese Sprüche, die vor 30, 20 Jahren stattgefunden haben, würde heute keiner mehr verstehen. Gerade bei den Touristen hätten wir eine E-Mail nach der anderen und könnten uns mit 30 Kollegen damit beschäftigen, die ganzen E-Mails und Rezensionen zu beantworten, die dann in die verkehrte Richtung gehen.

Bei Rezensionen ist es immer traurig, dass heutzutage jeder schnell mit seinem Handy eine schreibt, weil der Herr Müller-Schmitz-Meier mal fünf Minuten länger auf sein Essen oder Getränk gewartet hat – bei einem vollen Laden. Aber wenn er dann mal einen superschönen Tag bei uns im Brauhaus verbracht hat, dann macht sich keiner die Mühe, eine Rezension zu schreiben und zu sagen, wie toll das Team oder generell alles war. Das macht schon was mit einem.

Köbes ist ein wunderbarer Beruf, aber ich habe die Befürchtung, dass er so langsam ausstirbt. Keiner traut sich mehr in die Gastronomie. Geborene Köbesse und Urgesteine werden natürlich immer weniger. Die Arbeitszeit ist der Hauptpunkt. Du arbeitest dann, wenn die anderen frei haben. Viele wollen nur noch vier Tage arbeiten, aber das funktioniert nur schwer.

Ich werde so lange wie möglich als Köbes arbeiten. Nochmal in eine andere Branche umzusatteln, kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, mit 67 noch hier mit dem Kranz rumzulaufen – es sei denn, die Firma Früh organisiert mir einen Rollator.

Aufgezeichnet von Steven Hartig