Harte Zeiten für Mieter in Köln: Die Zahl der Wohnungskündigungen wegen Eigenbedarf steigt. Der Mieterverein prangert überhöhte Mieten und Stillstand beim Wohnungsbau an.
Mieterverein prangert anMehr Wohnungen in Köln wegen Eigenbedarf gekündigt

Altbauwohnungen in Köln.
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2000 Euro Kaltmiete im Monat für eine 64-Quadratmeter-Wohnung in der Kohlenstraße in Ehrenfeld. 1200 Euro für ein 23-Quadratmeter-Apartment in der Stolberger Straße in Braunsfeld. Es sind Annoncen wie diese, die Franz-Xaver Corneth die Zornesröte ins Gesicht treiben. „Das ist Gier. Das ist unverschämt“, bricht es aus dem Vorstandsvorsitzenden des Mietervereins Köln heraus. Wer solche Mieten von mehr als 30 Euro pro Quadratmeter kassieren wolle, nutze die wachsende Wohnungsnot in Köln hemmungslos aus. „Das sind furchtbare Zustände.“
Alleinerziehende fänden keine Wohnung mehr, viele junge Menschen könnten sich das Studieren in Köln nicht mehr leisten. „Bei Wohnungsnot gibt es keine Chancengleichheit. Die ist weg“, betont Corneth bei der traditionellen Pressekonferenz des Mietervereins zum Jahresbeginn. Es gebe 12.000 Wohnungslose in Köln, Tendenz steigend. Hinzu kämen rund 5000 Obdachlose. Die Stadt tue viel zu wenig, um den Wohnungsbau anzukurbeln, teils habe die Verwaltung Bauprojekte sogar „aktiv verhindert“, kritisiert Corneth.
Mieterverein: Wohnungsbaukosten mit „Hamburger Standard“ senken
Zu Verzögerungen komme es aber auch, weil Architekten „schlampig“ arbeiten und ihre Bauanträge unvollständig einreichen würden. Auch die Bauindustrie trage eine Mitschuld an der Wohnungsmisere, denn sie weigere sich, günstigere Baustoffe zu verwenden. „Die wollen so weiterbauen wie immer. Das ist zu teuer.“
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Wer mehr Wohnungen haben wolle, müsse die Baustandards hinterfragen – vereinfachtes Bauen nach dem Hamburger Modell könne die Baukosten um bis zu 2000 Euro brutto pro Quadratmeter senken. „Es muss auch nicht jedes Haus behindertengerecht sein. So viele Behinderte haben wir Gott sei Dank nicht“, so Corneth.

Grafik zum Wohnungsbau in Köln
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2024 waren in Köln nur 1819 Wohnungen fertiggestellt worden (siehe Grafik), die Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor. Damit hinke die Stadt meilenweit hinter dem Bedarf her, unterstreicht der Geschäftsführer des Mietervereins, Hans Jörg Depel. Köln sei eine wachsende Stadt und benötige laut seriöser Studien 70.000 neue Wohnungen bis 2040. Doch Köln verliere immer mehr Sozialwohnungen und bei den größeren Bauprojekten sei kein Fortschritt zu verzeichnen. Über den geplanten neuen Stadtteil Kreuzfeld rede man schon seit den 1960er-Jahren.
Im Schnitt pro Tag 2,4 Kündigungen wegen Eigenbedarfs in Köln
Ein Thema, das in Köln zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind Kündigungen von Wohnungen wegen Eigenbedarfs. Im vergangenen Jahr habe der Mieterverein 1750 von Kündigungen betroffene Mitglieder beraten, erläutert Co-Geschäftsführerin Sarah Primus. Bei der Hälfte davon – also in rund 875 Fällen – sei Eigenbedarf als Grund genannt worden. Im Schnitt macht das 2,4 Eigenbedarfskündigungen pro Tag – und das sind nur die Fälle, von denen der Mieterverein Kenntnis erhält.
Die Zahl der Eigenbedarfskündigungen in Köln hat laut Depel in den vergangenen fünf Jahren um ein Viertel zugenommen. Mitunter werde Mietern mit der Begründung Eigenbedarf gekündigt, nachdem sie sich gegen eine Mieterhöhung oder eine Nebenkostenabrechnung gewehrt hätten. „Das hat ein Geschmäckle.“ Corneth hält rund ein Drittel der Eigenbedarfskündigungen für „nicht rechtens“.
Mieterverein kritisiert starke Erhöhung der Nebenkosten in Köln
Kritik übt der Mieterverein auch an den stark gestiegenen Nebenkosten in Köln durch die Erhöhung der Grundsteuer und der Gebühren für Abfall, Straßenreinigung und Abwasser zum 1. Januar. „Völlig unzumutbar, wenn man alles zusammennimmt“, meint Corneth. Schuld daran sei aber nicht der neue Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD). Die schwierige Haushaltslage sei bereits „vor den Wahlen hergestellt worden, weil man alle Wünsche der da Herrschenden erfüllt hat“.
Forderungen aus der Politik, die Stadt Köln solle konsequenter gegen überhöhte Mieten und Mietwucher vorgehen, begrüßt der Mieterverein. Allerdings sei das ein schwieriges Thema, denn nach derzeitiger Gesetzeslage lasse sich Mietpreisüberhöhung und Mietpreiswucher nur schwer nachweisen, so Depel. „Wir brauchen eine Änderung der Vorschriften auf Bundesebene.“
Doch CDU-Mitglied Corneth sieht für eine Neuregelung des Paragraphen 5, Wirtschaftsstrafgesetz, im Sinne der Mieter vorerst schwarz. Solange sein Parteifreund Jan-Marco Luczak aus Berlin, Vorsitzender der CDU-Arbeitsgruppe Wohnen im Bundestag, dafür zuständig sei, habe er „keine Hoffnung, dass das geändert wird“. Luczak sei ein „ausschließlicher Vertreter der börsennotierten Wohnungswirtschaft“.

