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Zum 150. GeburtstagSo prägte Konrad Adenauer seine Heimatstadt Köln

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Konrad Adenauer bei der Eröffnung der Mülheimer Brücke

Konrad Adenauer bei der Eröffnung der Mülheimer Brücke

Der Kölner Oberbürgermeister und erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, wäre heute 150 Jahre alt geworden. Dr. Ulrich S. Soénius wirft für die Rundschau einen Blick darauf, wie Adenauer Köln prägte.

Wäre Konrad Adenauer ein gekrönter Herrscher gewesen – man hätte ihn ohne Zögern „Konrad den Großen“ genannt. So begründete Mario Kramp den Titel der Ausstellung, die das Kölnische Stadtmuseum 2017 anlässlich der 100. Wiederkehr des Amtsantritts des Kölner Oberbürgermeisters präsentierte.

Für solche Beinamen sind Historiker zuständig, aber auch für die Einordnung in die jeweilige Zeit. Die war für den Oberbürgermeister günstig und ungünstig zugleich. In den fünfzehneinhalb Jahren seiner Amtszeit – von Oktober 1917 bis März 1933 – waren die Herausforderungen groß, mit denen sich der „erste Bürger Kölns“ beschäftigen musste: Erster Weltkrieg, Revolution, Besatzung, Inflation, kommunale Verschuldung, Weltwirtschaftskrise, starke politische Extreme, Beginn der nationalsozialistischen Diktatur und schließlich die Amtsenthebung.Wie konnte ein Politiker diese Krisen aushalten und nicht resignieren?

Starker Wille und harte Disziplin

Gleichzeitig bestand die Möglichkeit der Gestaltung der Stadt und der Veränderung von Lebensverhältnissen. Die Übernahme der Verantwortung für eine Verwaltung in einer angestrengten persönlichen Lebenssituation – die erste Ehefrau war im Oktober 1916 verstorben, er war Alleinerziehender von drei Kindern und hatte im März 1917 einen schweren Autounfall mit Krankenhausaufenthalt und Rehabilitation erleben müssen – zeugt von einem starken Willen und harter Disziplin gegen sich selbst, vor allem aber von dem innigen Verhältnis von Verwaltungschef und Heimatstadt. Denn ohne „Konrad dem Kölner“ wäre diese Lebensleistung nicht zu erklären.

Konrad Adenauer bei der Grundsteinlegung für die Ford-Werke.

Konrad Adenauer bei der Grundsteinlegung für die Ford-Werke.

Seit 1906 war Adenauer Beigeordneter, drei Jahre später Erster Beigeordneter und damit Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Dies war seit 1907 Max Wallraf, Onkel von Adenauers erster Frau, der aber nach Berlin strebte. Adenauer kannte also die Verwaltung, als er 1917 von der Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde, und die Stadtverordneten kannten ihn. Sein Enkel gleichen Namens erklärte einhundert Jahre später, dass es in seiner Natur gelegen habe, nicht Stellvertreter zu bleiben, sondern die Spitze anzustreben.

Die mächtige Stellung, die der Oberbürgermeister qua Gesetz hatte, war ihm bekannt und er war gewillt sie auszufüllen. Dies erklärt vielleicht die autoritäre Art, wie er dieses Amt führte. Anders wäre es nicht gegangen angesichts der Krisen, die es zu bewältigen galt. Mit einer gehörigen Portion Pragmatismus und einer geschickten Art des Taktierens erzielte Adenauer Erfolge wie kein anderer Kölner Oberbürgermeister.

Ihm kam zugute, dass Probleme gelöst werden mussten und es Zeitfenster für neue Akzente gab. Nicht alles, was die Marke Adenauer trägt, stammte von ihm. Aber er ermöglichte Umsetzungen. Die Entscheidung für die Anlage eines Industriegebietes im Norden mit Hafenanschluss fiel lange vor seinem Amtsantritt. Aber als es um den Baubeginn des Niehler Hafens nach dem Ersten Weltkrieg bei unsicherer Finanzierung ging, war es Adenauer, der seine Verwaltung antrieb. Unmittelbare Folge war die Ansiedlung der Ford-Werke.

Adenauer wägte ab, mit welchen Ereignissen er die Öffentlichkeit beeindrucken konnte und mit welchen nicht. Der Niehler Hafen war angesichts der Kosten umstritten und es ging nur schleppend voran – also gab es im Sommer 1925 keine Einweihung mit dem Oberbürgermeister. Die Eröffnung der kreuzungsfreien Kraftwagenstraße von Köln nach Bonn, die später als erste Autobahn Deutschlands gefeiert wurde, ließ er sich 1932 jedoch nicht nehmen, obwohl es eine Idee des Landeshauptmanns der Rheinprovinz, Johannes Horion, war.

Unbestritten war Adenauers initiierende Rolle bei Projekten, die heute noch die Stadt prägen. Vieles davon wäre ohne Adenauer unvorstellbar. In den meisten Fällen setzte er sich gegen Bedenken vor allem finanzpolitischer Art durch. Adenauer kannte sehr genau die Kommunalfinanzen, ließ sich aber nicht von Investitionen abschrecken. Geschickt rechnete er den Stadtverordneten Projekte vor, so dass sie am Ende von seinen Vorschlägen überzeugt waren.

Groß denken als Prinzip

Eines seiner Prestigeobjekte war 1919 die Gründung der Universität aus drei bereits bestehenden Vorgängerinstitutionen. Als es aufgrund des enormen Erfolgs der städtischen Uni um einen Neubau im Inneren Grüngürtel ging, redete Adenauer die Kosten klein und verglich sie mit Investitionen am bisherigen Standort in der Südstadt. Bei der Gründung der Messegesellschaft holte er 1922 die Wirtschaft mit an den Gesellschaftertisch, ließ sich aber das Zepter nicht aus der Hand nehmen. Der Erfolg der ersten Messe 1924 und vor allem der großen Medienausstellung 1928, der „PRESSA“, gab ihm recht.

Als die Idee aufkam, angesichts der Rheinlandfrage dessen angeblich 1000-jährige Zugehörigkeit zum Reich mit einer großen Jubiläumsausstellung zu feiern, griff Adenauer für Köln zu. 1925 sahen 1,4 Millionen Menschen die Präsentation rheinischer Geschichte: Das war Adenauer Ansporn genug, ein Rheinisches Museum zu gründen – natürlich in Köln. Das alles kostete Geld, aber Adenauer war kein Hasardeur. „Konrad der Große“ konnte vor allem eins: Groß denken!

Der legendäre Beschluss zum Bau der Mülheimer Brücke mit Stimmen der Kommunisten war stadtkölnische Wirtschaftsförderung – die Stahlseile für die Hängebrücke kamen von Felten & Guilleaume. Das war keine Korruption und wahrscheinlich nicht mal Klüngel, sondern Arbeitsplatzsicherung. Die Förderung des Flughafens Butzweilerhof diente der Verbindung zur Welt – nach Berlin war Köln der zweitgrößte internationale Flughafens Deutschlands! Die Anlage des Inneren wie des Äußeren Grüngürtels und des Sportparks in Müngersdorf war vorausschauende Gesundheitsvorsorge – Natur und Bewegung beugen Krankheiten vor. Dabei ging es Adenauer nicht um persönliche Vorlieben – er war kein Sportler –, sondern um das Wohl der Bürgerinnen und Bürger.

Pragmatismus verbunden mit Mut

Was lernen wir von „Konrad dem Großen“? Obwohl damals andere Rahmenbedingungen galten: vor allem Pragmatismus verbunden mit einer Portion Mut und Risikobereitschaft. Klar – vieles hätte schiefgehen können, aber Wege einzuschlagen, um schon an der ersten Schranke umzukehren, führen nicht ans Ziel. Der Bau einer Brücke ist heute viel komplizierter und mit vielerlei Vorschriften verbunden, von denen manche sinnvoll sind – andere aber nicht. Also bedarf es dringend einer Politik des Ermöglichens, nicht des Verhinderns.

Adenauer war kein Sozialpolitiker, aber er dachte sozial und hatte stets das Wohl der damaligen 770 000 Einwohner vor Augen. Er arbeitete nicht für die Geschichtsbücher, sondern bewältigte die Herausforderungen seiner Zeit. Und wir lernen, dass Verantwortung klare Strukturen braucht. Damals wählte der Oberbürgermeister seine Beigeordneten aus – gemeinsam erfolgreich sein, war die Devise. Nicht zuletzt: Groß denken kann für die Menschen in der Stadt viele Vorteile bringen. Denken wir also wie „Konrad der Kölner“!