Vom aggressiven Werkzeug zur poetischen Metapher: Das Arp Museum zeigt 45 Meisterwerke des verstorbenen Nagel-Künstlers Günther Uecker. Eine eindringliche Retrospektive über Verletzlichkeit und Widerstand in bewegten Zeiten.
Abschied von einem RevolutionärUeckers Nagel-Kunst ist im Arp-Museum zu sehen

Attacke mit dem Hammer: Auch Nähmaschinen und Fernseher wurden von Günther Uecker „verziert“.
Copyright: Meike Böschemeyer
Rhythmisches Hämmern. Nagel um Nagel, den der Künstler in den Boden haut, nähert er sich einem Gebäude, das sich sehr schnell als der klassizistische Bau des Bahnhofs Rolandseck zu erkennen gibt. Nagel um Nagel arbeitet sich Günther Uecker die Treppe hinauf. Was macht er dort?
Es ist das Jahr 1964, in dem ein Film Ueckers Aktion festhält. Sieben Jahre ist es her, dass Uecker den Nagel, mit dem er zuvor Perforationen und Löcher hinterließ, mit dem er Raster in die noch feuchte Farbe zog, zum Hauptakteur seiner Kunst macht, auch zum Markenzeichen.
Kunst und Aggression: Ueckers revolutionäre Techniken
Uecker überzieht ein Klavier mit Nägeln, traktiert damit Tische, Stühle und Fernseher. Es ist ein zunächst aggressiver Akt, der die Welt der Dinge schließlich mit einem gleichsam wogenden Feld von Nägeln überzieht, die in verschiedenen Winkeln eingeschlagen wurden.
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Düsseldorf: Der Künstler und Maler Günther Uecker sitzt lachend in seinem Atelier. Uecker starb am 10.06.2025 im Alter von 95 Jahren.
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Die Welt, die wir kennen, wird zugewuchert, überformt, verändert. „Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit da Widerstand erzeugt wird, sodass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben“, schreibt Uecker zur Treppenaktion und einer weiteren Aktion, die er „Nagelfeldzug“ nennt.
Alles wird zur Leinwand: Ueckers unkonventionelle Materialien
Vor Ueckers Nagel ist nichts sicher: Brille und Würstchendose, Spiegel, Kleidung, Papier, sogar Autoreifen und die Motorhaube eines Citroën CX müssen Nagelattacken erdulden. Allein ein Ei und der Künstler selber überstehen den Angriff: Das Ei entzieht sich kullernd, vom Künstler werden nur die Schlappen auf dem Boden fixiert, er selber entschlüpft in die Freiheit.
Der „Nagelfeldzug“ ist im Klima der nahenden Turbulenzen der 1968er Konsumkritik und Memento über die Fragilität der Welt in einem, poetisches Statement und aggressives Manifest gegen die Fetische der satten Bürgergesellschaft.
Bahnhof Rolandseck: Vom Abriss zur Künstleroase
1964, als Uecker nagelnd die Welt zu verändern versucht, entdeckt der Künstler mit seinem Freund Johannes Wasmuth auf einem der vielen Streifzüge durch die Region den ruinösen Bahnhof Rolandseck, der zwar eine große Vergangenheit vorzuweisen, damals aber keine Zukunft mehr hatte. Der Abriss war geplant.
Wasmuth schafft die Rettung, Uecker, seine Zero-Kollegen Otto Piene und Heinz Mack sowie Gerhard Richter und Sigmar Polke lassen sich von Wasmuths Vision eines Künstlerbahnhofs ebenso mitreißen wie der Pantomime Marcel Marceau, Musiker wie Stefan Askenase, Yehudi Menuhin und Martha Argerich. 1965 zimmert Uecker seinem Freund ein „Bett zum aufwachen“ mit je einem Nagelrelief am Kopfende und am Baldachin-Himmel.
„Die Verletzlichkeit der Welt“: Eine Hommage an Günther Uecker
Das Bett ist der erste Hingucker der großartigen Ausstellung „Günther Uecker Die Verletzlichkeit der Welt“, mit der das aus Wasmuths Vision eines Künstlerbahnhofs hervorgegangene Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen den im Sommer 2025 im Alter von 95 Jahren gestorbenen Freund des Hauses und des Patrons Wasmuth gefeiert wird.
Eine sehr gelungene Hommage, mit der Jutta Mattern in ihrer letzten Ausstellung für das Arp-Museum ein toller Brückenschlag von den lokalen Bezügen und Verflechtungen zu einer komprimierten Werkschau gelingt. 45 Arbeiten zeigen viele Aspekte aus einem Oeuvre, das mehr als 60 Jahre umfasst.
Die Schau führt von den ersten Nagelspuren auf feuchter Farbe zur 1957 einsetzenden Erkundung der Welt mit dem Nagel Ueckers übernagelte Objekte dominieren die Schau. Gerade in den kinetischen Arbeiten offenbart sich Ueckers feine Ironie und Poesie. Der Clou ist der Nagel auf einem Drehteller, auf dem ein Tuch liegt: Dreht sich der Teller fliegt das Tuch, und dann wird aus dem simplen Ding die „New York Tänzerin“ (1962).
Ueckers politische Dimension: Kunst als Engagement
Der Titel unter einen Bild mit zwölf brachial aus einem Nagelfeld herausgebrochenen Sternen (2000) lässt den sensiblen Feingeist erkennen: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können (Friedrich Nietzsche)“.
Dass Uecker Zeit seines Lebens ein politischer Mensch war, unterstreichen unter anderem die Textilarbeiten für China wie der riesige „Brief an Peking“ (1994), der die Einhaltung der Menschenrechte einfordert.
Am Ende der gelungenen Ausstellung sorgt Ueckers, erstmals im New Yorker Guggenheim gezeigte „Sandmühle“ von 1964 für kontemplative Einsichten. Schnüre ziehen ihre konzentrischen Bahnen auf einer kreisrunden Sandfläche. Ein radikal selbstloses Werk, über das Max Imdahl schrieb: „Der Held der Szene ist nicht der Künstler, sondern der Beschauer in seiner Relation zum Werk, und zwar in nachdenklicher Betroffenheit vor dem, was er sieht als Person.“

