Abo

Neue Perspektiven auf alte BilderMuseum Ludwig entzaubert den Mythos des wilden Westens

3 min
Acosia Red Elk im Museum Ludwig vor den Werken von Marie Watt.

Acosia Red Elk im Museum Ludwig vor den Werken von Marie Watt. 

Die Ausstellung im Museum Ludwig kombiniert indigene Kunst und historische Fotos, um Mythen des wilden Westens zu korrigieren.

So kennt man Postkarten, die aus dem Urlaub verschickt werden, oder auch Instagram-Selfies: Die Kulisse erstrahlt in makelloser, von der Anwesenheit anderer Menschen ungetrübter Schönheit. Das war auch schon im 19. Jahrhundert so, als Fotos von den Landschaftsphänomenen der USA gemacht wurden. Aus den Negativen entstanden später nachkolorierte Fotochrome, die Touristen kauften, als Postkarten in alle Welt verschickten oder zu Hause ins Fotoalbum klebten.

Das Museum Ludwig erwarb vor einiger Zeit ein großes Konvolut solcher Fotochrome ihres Zeichens Darstellungen einer unberührten Natur. Das dem natürlich nicht so war, zeigt das Haus nun mit der elften Ausgabe seiner Reihe „Hier und Jetzt“. Der Titel „De/Collecting Memories from Turtle Island“ ist dabei nur schwer zu übersetzen. Es geht darum, gesammelte Erinnerungen in einen neuen Kontext zu setzen, wobei Turtle Island die Bezeichung einiger indigener Gruppen für den amerikanischen Kontinent ist. Diesen neuen Kontext schaffen die Kuratorinnen Miriam Szwast und Santi Grunewald auf zwei Wegen.

Unterdrückte Informationen hinzugefügt

Zum einen versehen sie die Fotos mit entscheidenden, bislang fehldenden Informationen: Auf dem Gebiet welcher Stämme entstand das Bild? Wie sind die Bezeichnungen, die diese Menschen den Felsformationen, Wasserfällen oder Seen gaben? Und die neuen Bildtexte erzählen von Landraub, von Vertreibung, ja von Genozid. Diese Bilder befeuerten einst die Mythen vom wilden, weil unbewohnten Westen, die das Museum nun entzaubert.

Hinzukommen Arbeiten von zwei indigenen Künstlerinnen: Marie Watt und Wendy Red Star. Letzere inszeniert sich selber in ironischen Fotos vor einer bisweilen übertrieben arrangierten Kulisse und treibt damit Klischees auf die Spitze.

Marie Watt, und darüber ist Ludwig-Direktor Yilmaz Dziewior besonders stolz, hat mit „Thirteen Moons“ extra eine Arbeit für „Hier und Jetzt“ kreiert. Benannt nach den dreizehn Monden, in die sich ein Jahr aufteilt, hängen Skulpturen von der Decke. Gefertig sind sie aus sogenannten „Jingles“, Schellen, die an Kleidungsstücken befestigt sind, die wiederum traditionell beim „Jingle Dance“, einem Heilungsritual, getragen werden.

Hin zur Dreidimensionalität

Wie ein solcher Tanz aussieht und vor allem klingt, führt bei der Pressekonferenz (und auch bei der heutigen Eröffnung) Acosia Red Elk eindrucksvoll vor: In schnellen, gesprungenen Schritten, meist das Gewicht auf den Zehenspitzen und dem Ballen wirbelt sie zwischen „dreizehn Monden“ umher. Nach der Eröffnung können sich die Besucher zumindest ein Video der Performance anschauen.

Marie Watt, die sehr viel mit Textilien gearbeitet hatte, hörte bei einer Ausstellung in Denver zum ersten Mal von den „Jingle Dances“ und den „Jingle Dresses“ und beschloss, die Schellen in ihre nächste Arbeit zu integrieren. „Doch damit sie auch klingen können“, erzählt sie, habe sie Werke „weg von der Wand“ und in eine Dreidimensionalität bringen müssen. „Mit den Schellen zu arbeiten, hat meine Kunst interaktiver gemacht“. Denn es ist ausdrücklich erlaubt, die „Thirteen Moons“ anzufassen und zu hören. Um mit den Ohren die Menschen wahrzunehmen, die auf den Fotochrome nicht zu sehen sind.

Museum Ludwig, bis 8.11., Di bis So, 10- 18 Uhr.