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Fortsetzung des Kölner Ring-ZyklusPaul-Georg Dittrich setzt Inszenierung mit postapokalyptischem Flair fort

4 min
DIE WALKÜRE
OPER KÖLN
Premiere am 29. März 2026

MITWIRKENDE
Musikalische Leitung
Marc Albrecht
Inszenierung
Paul-Georg Dittrich
Bühne
Pia Dederichs / Lena Schmid
Kostüme
Mona Ulrich
Licht
Andreas Grüter
Video
Robi Voigt
Videoassistenz
Caroline Weyers
Dramaturgie
Svenja Gottsmann
*Die tagesaktuelle Besetzung entnehmen Sie bitte den jeweiligen Terminen

BESETZUNG
Siegmund
Daniel Johansson
Hunding
Tijl Faveyts
Wotan
Jordan Shanahan
Sieglinde
Astrid Kessler
Brünnhilde
Trine Møller
Fricka
Bettina Ranch
Helmwige
Emily Hindrichs
Gerhilde
Kristi Anna Isene
Ortlinde
Claudia Rohrbach
Waltraute
Regina Richter
Siegrune
Alicia Grünwald
Roßweiße
Johanna Thomsen
Grimgerde
Tina Drole
Schwertleite
Adriana Bastidas-Gamboa
Orchester
Gürzenich-Orchester Köln
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„Die Walküre“ mit (v.l.) Emily Hindrichs, Tina Drole, Alicia Grünwald, Krisi Anna Isene, Trine Møller, Adriana Bastidas-Gamboa, Astrid Kessler, Regina Richter, Claudia Rohrbach und Johanna Thomsen

Mit „Die Walküre“ setzt Paul-Georg Dittrich den neuen „Ring“ der Oper Köln fort und offenbart die Elternschaft als sein zentrales Thema.

„Auf geb’ ich mein Werk; nur eines will ich noch: das Ende, das Ende!“, verkündet Wotan verdrossen. Er hat die Streitereien satt, seine Ehe, die Menschen, die Frauen-Solidarität, den Neid, die Welt, alles. Die meiste Zeit sitzt der Erschöpfte, manchmal tobt er vor Überforderung, wirft Gläser, Laptop, Tisch.

Ein Gefühlschaos also in „Die Walküre“ in der Oper Köln, das der aus den USA stammende Bariton Jordan Shanahan in seinem Rollendebüt als Wotan großartig umsetzt. Er schattiert die Stimmungen und zeigt auch im Vortrag den Göttervater als einen Zerrissenen, Gefühligen, der mehr menschlicher Vater ist als souveräner Gott.

Fortsetzung der Zusammenarbeit

Regisseur Paul-Georg Dittrich und Dirigent Marc Albrecht setzten in „Die Walküre“ gemeinsam ihren 2025 begonnen Kölner Ring-Zyklus fort. Nach dem Märchen-Vorspiel seines „Rheingold“ geht es am ersten Tag des eigentlichen Bühnenfestspiels in eine postapokalyptische Welt.

Hundings Hütte im ersten Aufzug ist eine Baracke ohne Dach, die Bäume nur Gerippe, Farne besiedeln die zernarbte Erde. Die Spielfläche ist stark eingeengt und voller Stolperfallen. Hier also finden Siegmund und Sieglinde zusammen.

Siegmund überzeugt nicht

Nur ist der schwedische Tenor Daniel Johansson als Siegmund eher hölzern und spröde denn heldisch, er überzeugt auch gesanglich nicht mit seinen eher gequälten Wälse-Rufen und einem kühlen „Winterstürme“.

Warum sich die quirlige, mutige Sieglinde (Astrid Kessler) in ihn verliebt, ihm in die Arme springt, für ihn den eigenen Gatten aus dem Haus prügelt, ist kaum nachvollziehbar. Denn nur Kessler bringt in ihrem Vortrag all die Wärme und Gefühlstiefe mit, die das Blut in Wallung bringt.

Referenz: 1940er Jahre

Die Sphäre der Götter im zweiten und dritten Aufzug ist ein Menschenzuchtlabor mit modernster Technik und Retro-Design. Hier ist Göttin Fricka (Bettina Ranch) verbittert wegen ihrer eigenen Kinderlosigkeit, während Wotans Töchter, die Walküren, ein neues Menschengeschlecht züchten. Alle Kinder sind blond und tragen Anstaltsdrillich mit Nummer auf der Brust und dem Logo der Einrichtung auf dem Rücken. Drückt der Gott den Aktivierungsknopf, gehen sie in die Welt. Anstelle von Raben beobachten Wildkameras das Experiment.

Pia Dederichs und Lena Schmid haben im Hintergrund ihrer Bühne einen Mond im Hintergrund als verbindendes Element der beiden Sphären platziert – kleiner Gruß an die „Truman Show“. Nicht nur manches Ausstattungsstück wie Wotans lachsfarbene Satin-Uniform mit Schaftstiefeln, die Kleider mit Tellerröcken oder die Eames-Sessel erinnern an die 1940er-Jahre und referenzieren zusätzlich auf den „Lebensborn“ des Nationalsozialismus (Kostüme: Mona Ulrich).

Bizarre Geburtsszenen

Der zweite Aufzug der „Walküre“ enthüllt die göttlichen Pläne und die inhärenten Mechanismen des gesamten „Ring“. Der Schlüssel zu Paul-Georg Dittrichs Kölner „Ring“-Interpretation ist das Über-Thema Elternschaft und Kinder, hier ist es vorgestellt und bislang stimmig umgesetzt, auch im Rückblick auf das „Rheingold“.

Während des musikalisch und gesanglich famosen Walkürenritts gebären Wotans Töchter in bizarrer Szene ein Baby nach dem anderen. Stark ist an dieser Stelle, wie den ganzen Abend, das Gürzenich-Orchester. Der Orchestergraben, der im Staatenhaus kein Graben ist, geht über die ganze Breite der Bühne und darüber hinaus.

Dirigent Marc Albrecht hat die Bläsergruppen nach Holz und Blech getrennt an den äußeren Rändern platziert, Celli und Bratschen mit in die Mitte gezogen, so dass sich für das Publikum – je nach Sitzplatz – Klangmischungen und Stereo-Effekte ergeben, die für Wagner untypisch sind. Geschenkt, dass in Einzelmomenten die Präzision fehlt – es ist schwer in dieser breiten Aufstellung.

Mit Kraft und Herzenswärme

Brünnhilde schließlich, die Titelpartie, ist hier eine Superheldin im weißen Jumpsuit mit spiegelndem Rundschild. Trine Møller begeistert mit viel Herzenswärme und Kraft in ihren Sopran, kann aber auch reduzieren und schattieren. Wie Wotan singt sie sich durch die Gefühlsskalen, und gerade am Ende geht es hier in die Extreme, bis Vater und Tochter fast zu gut gelaunt voneinander scheiden und sich ein digitales Projektions-Feuer erhebt, während die Walküre in einer Kapsel entschläft.

Wachgeküsst wird sie dann im sanierten Opernhaus am Offenbachplatz, wo Paul-Georg Dittrich seinen Kölner „Ring“ fortsetzt. Die Premiere des Folgetags „Siegfried“ ist für den 4. April 2027 mit Dirigent Felix Bender angekündigt. Daniel Johansson, Trine Møller und Jordan Shanahan sind wieder als Solisten gebucht. Aber, Achtung, es heißt im vierten Teil im Schicksals-Lied der Nornen: „Ein rächender Fluch nagt meiner Fäden Geflecht. Weißt du, was daraus wird?“

300 Minuten (inkl. zwei Pausen). Wieder am 1., 17. und 30.4.: 18 Uhr, 4.4. und 3.5.: 17 Uhr sowie 6. und 19.4.: 16 Uhr.