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Chefkoch im PortraitBühne frei für Marcel Bäcker am Carlsgarten

5 min
Marcel Bäcker bekocht im Offenbach am Carlsgarten die Mitarbeiter der Bühnen und andere Gäste.

Marcel Bäcker bekocht im Offenbach am Carlsgarten die Mitarbeiter der Bühnen und andere Gäste.

Der Chefkoch macht im „Offenbach am Carlsgarten“ Schauspieler und Theatergäste glücklich.

12 Meter lang, drei Meter breit und strahlend blau. Wer eine Theatervorstellung im Schauspiel-Interim oder das Gastro-Loft „Offenbach am Carlsgarten“ mitten im ehemaligen Mülheimer Industriegebiet ansteuert, kommt an dem großen Seecontainer vorbei, der wirkt wie kurz abgestellt für den Abtransport. Kaum einer weiß, was sich hinter den stählernen Fassaden verbirgt.

Eine besondere Bühne fürs Genuss-Schauspiel: Im zur Profiküche ausgebauten Koloss vis-à-vis des Restaurants ist das Kochensemble von früh bis spät in Aktion. Das Team mit vier Köchen bereitet im langen, schmalen Raum täglich für Bühnencrews und Gäste vielfältige Speisen zu. Die Uhr haben sie dabei immer im Blick. Um neun Uhr morgens geht es los, bis um 22.30 Uhr die Küche schließt. Frische Luft schnappen zwischendurch Küchenchef Marcel Bäcker & Co. mit einem Schritt durch die kleine, gläserne Seitentür - und schon stehen sie im urbanen Nutzgarten mit vielen Hochbeeten, wo Kräuter, Wildpflanzen, Gemüse und Olivenbäume wachsen.

Das Offenbach am Carlsgarten fungiert auch als Kantine fürs Schauspiel Köln.

Das Offenbach am Carlsgarten fungiert auch als Kantine fürs Schauspiel Köln.

Zwiebeln werden drinnen im Stahlkasten an diesem Tag gerade glasiert, dass es nur so dampft, die Hähnchensteaks für den nächsten Mittagstisch scharf angebraten und gegart, Salat gewaschen, Brokkoli für die Pasta mit geröstetem Speck und Béchamelsauce vorbereitet, Nudeln gekocht. Die Wärme steigt, die Öfen heizen hoch. Die Zeit läuft. Die Mittagspause steht an. Die Leute haben Hunger. Später stärken sich Theatergäste in der Schauspielpause oder lassen den Abend nach der Vorstellung in der früheren Werkshalle ausklingen, die zum Lokal mit bühnenreifer Deko umgestaltet wurde mit Lampions in hohen Regalen, Leuchten aus zerbrochenem Glas und Fotokunst.

„Eine der größten Herausforderungen ist für uns, dass wir immer wenig Zeit haben, die Gäste mit unseren Gerichten glücklich zu machen“, sagt der 37-jährige Küchenchef angesichts der Aufgabenvielfalt. Das Restaurant ist zugleich Betriebskantine für Mitarbeitende der Bühnen der Stadt mit à-la-carte-Service. Dort kehren auch Gäste aus umliegenden Büros, Verlagen und TV-Studios mittags ein, wie Stefan Raab oder Oliver Welke, ehe die Show weitergeht.

Die Küche ist ein langer, schmaler Schlauch, die Gäste haben es immer eilig - Herausforderungen für Chefkoch Marcel Bäcker.

Die Küche ist ein langer, schmaler Schlauch, die Gäste haben es immer eilig - Herausforderungen für Chefkoch Marcel Bäcker.

„Es sind immer wieder mal Prominente da, aber ich bin zu 95 Prozent in der Küche, meist bekommen wir das gar nicht mit “, so der Maître, Familienvater von zwei Kindern (13,11), der in seiner Freizeit gern mal eine Vorstellung im Depot besucht. „Ich mag diesen Ort der Kontraste“: Hier Industriecharme mit Backsteingemäuer, dort Grün zum Gärtnern und drinnen lange Tafeln vor hohen Fensterfronten. Wenn an einem der Grillabende unter freiem Himmel die Sonne über dem Gelände untergeht, dann ist es „einfach wunderschön“.

„Die Mischung macht für mich den besonderen Charme aus “, sagt Bäcker, der seit rund zehn Jahren in den Küchen des Kölner Gastro-Betriebs Mantscheff&Barthelmeß beschäftigt ist. Zum Unternehmen gehören unter anderem das „Bauturm“-Café, „Ludwig“ im Museum Ludwig, „Feynsinn“ sowie das „Offenbach“ samt Kantinenangebot für die Bühnen der Stadt; das Opern-Interim im Staatenhaus wird ebenfalls vom „Offenbach“ beliefert. Nach dem Abi und seiner Kochausbildung in einem Hotel und mehreren Stationen, unter anderem in der „Fetten Kuh“, stieß der Cuisinier zur Gastro-Gruppe mit dem nachhaltigen Konzept und familienfreundlichen Arbeitszeiten. Schon als Jugendlicher packte ihn die Leidenschaft fürs Kochen. „Man bekommt sofort ein Ergebnis und Feedback. Es ist ein sehr unmittelbarer, kreativer Beruf. Aber auch harte Arbeit.“ Künstlerische Freiheit und eine gute Portion Improvisationsfreude gehören für die Akteure am Herd im durchgetakteten Arbeitsalltag dazu.

Mittags kehren die ersten Gäste im „Offenbach am Carlsgarten“ ein.

Mittags kehren die ersten Gäste im „Offenbach am Carlsgarten“ ein.

Er schätzt nicht nur flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege. Er mag auch die Abwechslung und Vielfalt der Gäste jeden Alters. Die Palette der Speisen ist entsprechend breit. Die Bio-Currywurst ist einer der Renner, der Catch of the Day ist stets gefragt, zum Beispiel Seelachs mit Tomatensalsa und Königsberger Klopse. Die wechselnde Speisekarte reicht von Snacks und Salaten bis zu Currys und Risotto mit Boskop, Kräuterseitlingen und Kerbelöl. Vieles ist vegetarisch.

Der Fokus der selbst entwickelten Gerichte liegt auf frischen, regionalen, saisonalen Produkten und modernen Garmethoden (s. Tipp), einiges ist bio. Vieles wird in der ebenfalls in Mülheim ansässigen Versorgungsküche des Gastro-Unternehmens hergestellt, darunter die Pasta und Kuchen, erklärt der Küchendirektor der gesamten Gastro-Gruppe, Nadir Atifi. Der 49-Jährige stieß während seines Wirtschaftsinformatik-Studiums zum Unternehmen mit insgesamt rund 300 Mitarbeitenden. Als er in der Küche nebenher jobbte, fiel sein Talent auf, er sattelte um. Eine Ausbildung und mehrjährige Erfahrung als Chefkoch folgten für den aus Marokko stammenden Betriebswirt.

Bühnenreife Deko im „Offenbach am Carlsgarten“.

Bühnenreife Deko im „Offenbach am Carlsgarten“.

Biofleisch stammt von Höfen aus dem Umland, Gemüse unter anderem von der Alexianer Klostergärtnerei. Auf den Feldern werden auch Kräuter angebaut und wöchentlich frisch geerntet. Von Streuobstwiesen stammen die Früchte für Kompott und Sirup. Alle angegliederten Restaurants werden je nach Bedarf für die unterschiedlichen Speisekarten beliefert.

Auf dem früheren Carlswerkgelände, wo Felten&Guilleaume die ersten transatlantischen Seekabel produzierte, sitzt nun schon im zehnten Jahr am Interim neben den Bühnendepots das „Offenbach am Carlsgarten“. Der Name nimmt Bezug zum Standort am Offenbachplatz, wohin Oper und Schauspiel nach dem Sanierungsmarathon voraussichtlich zur nächsten Spielzeit wieder einziehen sollen - wenn alles läuft wie geplant. „Das Offenbach wird in Mülheim bleiben “, betont Laura Pörsch, Junior-Geschäftsführerin der Gastro-Familie. „Am City-Standort eröffnen wir dann ein weiteres Restaurant.“ Arbeitstitel: „Offenbach am Offenbachplatz.“

Hinweis: „Offenbach am Carlsgarten“, Schanzenstraße 6-20: Montags bis samstags 9 bis 24 Uhr, sonntags ab zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn geöffnet. Montag bis Freitag von 12 bis 15 Uhr „Catch of the Day“ 11,90 Euro. Wechselnde Speisekarte. www.offenbach-am-carlsgarten.de