Produzent Dieter Dierks wird 80Als Michael Jackson nach Pulheim-Stommeln kam

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Dieter Dierks und die Scorpions

Von den Scorpions bekam Dieter Dierks einen Lorbeerkranz.

In seinem Musikstudio gaben sich Pop- und vor allem Rockstars die Klinke in die Hand. Vor seinem 80. Geburtstag erinnert sich Dieter Dierks an lustige Geschichten. 

Um es direkt vorwegzunehmen: Was für ein Typ! Die Rede ist von Dieter Dierks, dem „besten Heavy-Metal-Produzenten der Welt“. So jedenfalls nannte vor Jahren einmal das US-Musikmagazin „Rolling Stone“ den quirligen Blondschopf aus Pulheim-Stommeln. Unbestritten sind seine beruflichen Erfolge als Musikproduzent. Die Liste derjenigen, die unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollten, liest sich wie das Who-is-who der globalen Rock- und Popgeschichte der letzten fünf Jahrzehnte. Und dass Dierks daher eine Menge ungewöhnlicher Geschichten über Tina Turner, die Scorpions oder Michael Jackson zu erzählen hat, versteht sich von selbst.

Fit vor dem 80. Geburtstag

Zum Gespräch mit der Rundschau kommt Dieter Dierks mit seinem schwarzen Mini Cooper auf den Hof vor seinem Studio gefahren. Er wirkt so jung geblieben, so leichtfüßig. Kein Gedanke, dass er am kommenden Donnerstag seinen 80. Geburtstag feiert.

Über eine Marmortreppe erreicht man am Ende eines langen Flurs sein Büro. In dem hängen unzählige Goldene Schallplatten. Und mittig an der Wand platziert: ein riesiges Foto von Herbert Grönemeyer. Schwarz-weiß in goldenem Rahmen. Die Platten „Ö“ und „Luxus“ entstanden unter anderem in Stommeln. Ehrfürchtig möchte man sein. Dierks allerdings lässt das gar nicht erst zu, weil seine Herzlichkeit jedweden Ansatz von Nervosität im Keim erstickt.

Dieter Dierks mit Ike Turner

Dieter Dierks mit Ike Turner

Und dann legt er los mit seinen Anekdoten. Aber nicht affektiert oder sonst wie gekünstelt. Sondern in sich ruhend und ganz bei sich. Na klar, die Scorpions sind ihm besonders nahe. Wenn er „Wind of Change“ im Radio höre, schlage sein Herz schon ein bisschen höher, gibt er unverhohlen zu.

Denn: Produziert hat er diesen Scorpions-Klassiker nicht. „Diesen Hit hätte ich gerne noch zu meinem Repertoire hinzugefügt“, schießt es wie aus der Pistole aus ihm heraus. Dabei schaut er etwas wehmütig nach draußen. 1973 entdeckte er die Jungs aus Hannover auf einem Konzert in Essen vor gerade mal 50 Zuschauern, bei ihm nahmen sie in den 70ern und 80ern ihre Alben auf. 1988 schließlich beendete er das Arbeitsverhältnis mit ihnen.

Streit mit Scorpions-Sänger

Dann aber fängt er sich wieder und lacht. Weil er an Klaus denken muss. Gemeint ist Klaus Meine, der Sänger der Scorpions. Mit dem habe er des Öfteren während der ein oder anderen Produktion Stirn an Stirn gestanden. Ganz schön hitzig sei es manchmal zugegangen, erinnert Dierks sich. Bei den Aufnahmen für „Still Lovin’ You“ beispielsweise sei Klaus zuweilen an ihm verzweifelt: „Wie soll ich deine Erwartungen bloß erfüllen?“, habe Klaus ihn einmal angeschrien und den Raum verlassen.

Als Musikproduzent müsse man eben nicht nur produzieren, sondern zuweilen auch mal provozieren und das Beste aus den Künstlern herauskitzeln, sinniert einer, der es wissen muss. Am nächsten Tag nämlich sei Klaus auf direktem Wege ins Studio gegangen, habe sich das Mikro geschnappt und die Scorpions mit den beiden Anfangsversen „Time, it needs time / To win back your love again“ unsterblich gemacht.

Geheimbesuch im Dorf

Für ein paar Sekunden wird es andächtig still. Unangenehm ist das nicht, aber erst die Erinnerung an den „King of Pop“ durchbricht schließlich diesen Moment des Durchatmens. So richtig glauben kann man es nicht, wenn Dierks von seiner Begegnung mit Michael Jackson in Stommeln spricht: „Natürlich musste ich Michaels Besuch hier im Dorf geheim halten. Alles andere wäre unverantwortlich gewesen.“ Der eine Perfektionist Jackson war damals, 1996, extra zum anderen Perfektionisten Dierks in das beschauliche Örtchen nahe Köln gereist, um für den Song „Ghosts“ bestimmte Gesangsspuren und Drum-Programmierungen aufzunehmen.

Besser geht Geschichtsunterricht mitsamt tief-persönlichen Einblicken in die Rock-und Popwelt der letzten 50 Jahre nicht. Dem eigenen Staunen kommt man kaum hinterher. Schon heute haben die meisten Erzählungen eines der erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten Legenden-Charakter. Zweifelsohne. Und viele dieser Legenden werden einem im Gedächtnis bleiben.

Tina Turner und die Mama

Im Herzen jedoch bleibt das: Dieters Mutter sprach kein Wort Englisch. Tina Turner sprach kein Wort Deutsch. Eines Morgens konnte er die beiden im Frühstücksraum des Studios beobachten. Sie kicherten, lachten und sprachen wie zwei Freundinnen miteinander. Diesen Moment und seine Mutter, so Dieter, werde er für immer bei sich tragen.

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