Professionelle Sprecherinnen und Sprecher sind im Streit mit dem Streaming-Anbieter Netflix.
Sprecher-Streit bei NetflixBerührende statt künstliche Stimmen

Ein junger Mann sieht sich bei dem Anbieter "Netflix" Serien an.
Copyright: Britta Pedersen/dpa
Filme und Serien aus dem Ausland sind zuweilen besonders spannend. Streaming-Anbieter wie Netflix bieten zudem die Möglichkeit, sich die Zeit selbst auszusuchen, wann man etwas angucken möchte. Die meisten Angebote sind auch nicht nur im beispielsweise englischsprachigen Original oder mit Untertiteln zu sehen, sondern mit perfekt synchronisierten Stimmen auf Deutsch.
Nun aber gibt es Streit zwischen professionellen Sprecherinnen und Sprechern und Netflix. Viele weigern sich derzeit, für das Unternehmen zu arbeiten, weil sie die Bedingungen zur Nutzung von „Künstlicher Intelligenz“ (KI) ablehnen. Der Kölner David M. Schulze ist einer von ihnen.
„Synchronsprecher ist für mich ein Traumberuf, weil ich unglaublich fantastische Dinge spielen darf“, erzählt Schulze über seinen Job. Und genau darum geht es: Bei der Synchronisation wird nicht einfach der Text übersetzt und eingesprochen. Die Lippen der Schauspieler sollten sich trotz der anderen Sprache möglichst mit jeder Silbe exakt bewegen, Atmosphären, Stimmungen und Bewegungen müssen authentisch nachempfunden werden. Wenn Schulze in einem Studio sitzt, muss er sich deshalb intensiv in die jeweilige Situation einfühlen. Die Grundlage dafür hat er mit einer professionellen Schauspielausbildung gelegt, danach hat er an Theatern gearbeitet.
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Synchronisation ist Teamarbeit
„Da ist man aber monatelang auf dieselbe Rolle festgelegt, spielt sie an jedem Abend“, erklärt Schulze: „Synchronsprechen dagegen bedeutet rasante Abwechslung, ich darf unterschiedlichste Rollen sprechen. Umso schöner das Film-Original ist, umso facettenreicher wird für mich der jeweilige Job.“ Figuren in den deutschsprachigen Kulturraum zu transferieren, ist das Ziel einer gelungenen Synchronisation. Damit das gelingt, bearbeiten zunächst spezialisierte Drehbuch-Autoren den Film, erst dann sind die Sprecher dran.
„Das ist Teamarbeit, wenn gemeinsam auch mit Aufnahme und Mischung ein Werk entsteht“, erzählt Schulze: „Im besten Fall merkt das Publikum gar nichts von unserer Arbeit, weil man beim Anschauen eines Films meint, dass dort deutsch gesprochen wird. Wenn etwas jedoch schlecht synchronisiert ist, liegt das meist daran, dass nicht genug Zeit und Geld in ein Projekt geflossen ist.“ Generative KI werde diesen Umstand noch schlimmer machen, meint der Sprecher.
Rund 80 Prozent derjenigen, die sonst deutsche Filme und Serien für Netflix synchronisieren, sollen derzeit im Ausstand sein, heißt es vom Verband deutscher Sprecherinnen und Sprecher. Seit 1997 organisiert die Berufsvertretung in der Bundesrepublik professionell tätige, freiberufliche Kolleginnen und Kollegen der Branche. Nach eigenen Angaben hat der Verband rund 600 Mitglieder. Der Kölner David M. Schulze ist dort stellvertretender Bundesvorsitzender.
Umfassende Rechte-Abtretung
Die Freiberuflichkeit ist ein wichtiger Aspekt der Auseinandersetzung zwischen den Sprechern und Netflix. Diejenigen, die die Synchronisation übernehmen, sind nicht angestellt, sondern selbstständig und werden für den Einsatz bei einem Projekt bezahlt.
Laut Vertragslage will Netflix erreichen, dass die so erlangten digitalen Daten der Stimme in KI-Systeme eingespeist werden dürfen. „Netflix besteht auf einer umfassenden Rechte-Abtretung“, präzisiert David M. Schulze: „Für eine Nutzung zu KI-Trainingszwecken ist aus deren Sicht also keine Lizenz mehr nötig.“
Dabei habe ein Gericht im Prozess zwischen Open AI und Gema gerade erst entschieden, dass eine solche Lizenz bei der Speicherung von Daten erforderlich ist. „Als Berufsverband setzen wir uns dafür ein, dass Künstlerinnen und Künstler eine echte Wahl haben, wenn sie ihre Leistung Unternehmen zur Verfügung stellen, welche Nutzungen sie ausschließen – und zwar unabhängig davon, ob sie einen Job dann bekommen oder nicht“, sagt Vize-Vorsitzender Schulze.
Schutz der eigenen Daten
Wer freiwillig einer KI-Nutzung zustimme, müsse das natürlich zusätzlich angemessen honoriert bekommen, betont der Profisprecher. Schließlich sei das keine künstlerische Verwertung, sondern ein völlig eigenständiger Vorgang, der mit dem Beruf nichts zu tun habe: „Die Daten, die durch meine künstlerische Arbeit als Synchronsprecher erzeugt werden, sind sogar sensibler als mein Geburtsdatum oder meine E-Mail-Adresse. Das Missbrauchspotenzial ist alleine aufgrund der Beschaffenheit dieser Daten groß.“

David M. Schulze, Vize-Vorsitzender des Sprecherverbands.
Copyright: privat
Jedes Unternehmen müsse eigentlich Datenschutz-Vorschriften beachten, also ein berechtigtes Interesse an der Speicherung haben und transparent damit umgehen. Das sei bei KI-Sprachmodellen gar nicht möglich: „Was dort einmal eingespeist wurde, kann nicht mehr zurückgeholt werden und es ist nicht nachvollziehbar, was damit gemacht wird.“ Und für möglichen Missbrauch wollten KI-Anbieter keine Haftung übernehmen.
Dass viele seiner Kolleginnen und Kollegen die Zusammenarbeit mit Netflix derzeit verweigern, sieht er als positives, aber auch dramatisches Signal: „Die Umsatzeinbußen, wenn man nicht für Netflix arbeitet, sind enorm, da bluten einige richtig, das macht niemand aus Spaß, die Situation ist ernst.“ Schließlich habe Netflix auf dem Synchron-Markt Deutschland einen Marktanteil von geschätzt 30 Prozent, so Schulze: „Der Konzern scheint sich gerade anzuschauen, wie lange wir das durchhalten, uns gegen diese Bedingungen zu wehren.“
Netflix weist Kritik zurück
Für Netflix selbst betont ein Sprecher auf Anfrage, dass deutschsprachige Synchronisation für das Unternehmen „von zentraler Bedeutung“ sei. Seit vielen Jahren investiere man gezielt in die deutsche Synchronbranche und die beteiligten Kreativen.
Die aktuellen Diskussionen und Reaktionen würden selbstverständlich ernst genommen, auch wenn sie aus Sicht von Netflix überraschend seien – insbesondere vor dem Hintergrund der Vereinbarungen, die Netflix im vergangenen Sommer proaktiv gemeinsam mit dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) zu KI getroffen habe, um den Schutz von Sprecherinnen und Sprechern ausdrücklich zu stärken.
Dazu gehöre unter anderem die klare Vorgabe, dass die Nutzung einer mittels KI generierten digitalen Nachbildung einer Stimme nur mit ausdrücklicher (und gesonderter) Zustimmung der betroffenen Schauspieler und Schauspielerinnen erfolgen darf. Ziel sei es, die langjährige Partnerschaft, die Netflix sehr wichtig sei, fortzuführen.
Rechtsgutachten für Verband
Der Kölner Sprecher David M. Schulze sieht das weiterhin kritisch. Sein Verband hat in diesen Tagen ein Rechtsgutachten vorgelegt, dass nahelegt, zentrale Klauseln des Vertrags sind von Netflix seien unwirksam oder rechtswidrig. Weitere Klauseln würden das Machtgefälle zwischen Netflix und den Sprechern manifestieren, weshalb von einer Unterzeichnung abzuraten sei. Auf die Zusage, dass die Nutzung der eigenen Stimme für KI-Produktionen nicht ohne Einverständnis geschehe, will sich der Verband offenbar nicht verlassen.
Bei anderen Streaming-Anbietern gebe unterdessen meist noch Vertragsformulierungen aus dem „Vor-KI-Zeitalter“, die sind nicht so weit gefasst seien, ordnet Schulze ein. Sein Berufsverband habe zudem eine umfassende KI-Ausschlussklausel formuliert, die im Hörbuch-, Hörspiel- und Games-Bereich an vielen Stellen bereits zum Standardvertragswerk gehöre: „Diese sollte auch für die Branche der Film-Synchronsprecher angewendet werden. Das Recht entwickelt sich leider sehr langsam, weil alles sehr neu ist. Wir sind da ziemlich auf uns allein gestellt.“
Menschengemachte Synchronisation werde jedenfalls weiterhin gebraucht, „weil sie berührt“, sagt Schulze: „Bei der Ernährung kann man sich ja auch zwischen Industriemist und Biogemüse entscheiden.“ Die Beweggründe für sein Engagement gegen KI in der Synchronisation fasst er pointiert zusammen: „Wir versuchen ehrenamtlich das zu retten, was andere hauptberuflich kaputtmachen.“
