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Zeitgenössische MusikAnselm Cybinski bereitet sich auf Festival in Witten vor

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Kulturredakteur Anselm Cybinski

Kulturredakteur Anselm Cybinski

Anselm Cybinski ist seit November WDR-3-Redakteur für zeitgenössische Musik. 

Sie haben als Berufsmusiker im Osnabrücker Symphonieorchester gearbeitet, wechselten ins Musikmanagement und sind seit November Redakteur für zeitgenössische Musik beim WDR. Was wollen Sie für Impulse setzen?

Neue Musik, wie sie hier speziell in der langen Ära meines Vorvorgängers Harry Vogt gepflegt wurde, gilt es in ihrer Tradition fortzusetzen. Aber darüber hinaus gibt es nun auch die stark kommunikative Aufgabe, wenn man sich heute mit dieser Musik beschäftigt. Als erstes muss ich schauen, wie diese die Menschen erreichen kann, welche Schwellenängste abgebaut werden müssen und wie sich Interesse wecken lässt. „Misstraue den eigenen Vorurteilen“, sage ich immer.

Hatte die zeitgenössische Musik eigentlich nicht immer schon einen schweren Stand?

Es hat über Jahrzehnte die Haltung gegeben „lasset alle Hoffnung fahren, zu verstehen, was da geschieht, wenn ihr nicht die und die Voraussetzungen mitbringt“. Selbst wenn da was dran sein sollte, müssen wir dafür sorgen, dass die zeitgenössische Musik den Menschen nicht wie eine extrem mit Stacheldraht umgebene Partikularkunst vorkommt.

Mit den „Wittener Tagen für Neue Kammermusik“ haben Sie ein Festival geerbt, für das Ihr Vorgänger Patrick Hahn bereits ganz aktuelle Bezüge geschaffen hat. Was gibt es Neues?

Es gab nur noch gefühlte zehn Prozent zu ergänzen. Das Programm ist fantastisch und meine Aufgabe besteht darin, das Rahmengerüst für die Tage vom 24. bis 26. April zu finden: „Die Gegenwart. Unentrinnbar“. Wo immer wir hinschauen bei den neuen Kompositionen für Witten sind virulente politische Fragestellungen präsent und spürbar.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir haben den russischen Komponisten Dmitri Kourliandski, der sich 2022 bei Antikriegsdemonstrationen engagiert hat. Dabei geriet er mit seiner Familie sofort in Gefahr. Sie gingen nach Paris, er hatte zwei Jahre eine Schreibblockade. In seinen „Partially restored Landscapes“ für Streichquartett, verwendet er Namen, die von Zahlensendern generiert wurden, die der Geheimdienste verwendet. Er geht der Frage nach, was sich hinter den Namen verbergen könnte, wenn sie zu empirischen Personen würden. Sind das Leute auf der Täterseite, oder möglicherweise Menschen, die unter dem Terror leiden? Ein anderes Beispiel: Die israelische Komponistin Chaya Czernowin. In Ihrem Werk „The Redheaded Man“ greift sie die absurde Kurzprosa des Dichters Daniil Charms auf, der 1942 in einem Leningrader Gefängnis verhungerte. Das Ensemble hand werk schauspielert, rezitiert und wechselt zwischen Elektronik und live gespielter Musik.

Das ist ein Kölner Ensemble. Was für eine kreative Atmosphäre haben Sie hier in der Stadt vorgefunden. Gehen Sie auf Streifzüge?

Man muss jetzt nicht immer wahnsinnig suchen. Mein Vorgänger sagte schon, dass die Dinge zu einem kommen. Aber natürlich gehe ich auch zu den Musikern und Komponisten hin. Vergangene Woche war ich in einem Konzert in der Kunststation Sankt Peter. Es war wahnsinnig kalt. Und trotzdem haben gut 100 Zuhörende zwei Stunden dem exzellenten "Érma-Ensemble" zugehört. Unter Leitung von Yorgos Ziavras inszenierte es ein „Kabinett der Sinne“ mit Werken von Unsuk Chin, Rebecca Saunders oder Jonathan Harvey. Die Musiker finanzieren sich „sehr innovativ“. Die Leute in der freien Szene sind wirkliche Idealisten.

Denen Ihr Sender ein Forum gibt.

Die Neue Musik existiert weiterhin im WDR. Das ist eine sehr positive Nachricht, die überall in der Branche mit großer Freude wahrgenommen wird. In grenzenloser Eitelkeit kann ich auch sagen, dass unheimlich viele Leute mir signalisieren, wie schön sie es finden, dass ich jetzt da bin. Ich war auch ein bisschen ein Überraschungskandidat, schließlich komme ich nicht aus dem inneren Kreis der Neuen Musik. Was kein Nachteil sein muss…

Das Festival „Acht Brücken“ wurde gestrichen. Kann der WDR da womöglich eine Lücke füllen?

Das Festival wird es in irgendeiner Form wieder geben. Ob es noch den Namen, den Umfang und die Form haben wird, müssen andere erklären. Am 8. Mai 2027 sind wir mit einer Uraufführung dabei, die Marie Jacquot als Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters dirigieren wird.

Im Orchester sitzen viele Fürsprecher für die Neue Musik.

Das Orchester ist das beste der Welt für dieses Repertoire, das kann man ohne falschen Lokalpatriotismus sagen. Jetzt noch mehr als noch vor 30 Jahren, da gab es noch die Angst der Musiker vor der Vergewaltigung ihres Instruments. Heute bestimmt eine große Offenheit und intellektuelle Neugier das Bild. Neulich waren die Kolleginnen und Kollegen aus dem Orchestervorstand da und betonten, für wie wichtig sie das zeitgenössische Repertoire halten. Aber sie wünschen sich eine stärkere Verbindung zeitgenössischer Musik mit dem Repertoire. Das Neue soll raus aus der isolierten Zone, in der fast nur Grundlagenforschung stattfindet. Sie verstehen es als wichtige Raison d'être für ihr eigenes Tun als Rundfunksinfonieorchester.