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Analyse der KriegslageWo bleibt die ukrainische Großoffensive?

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28.05.2023, Ukraine, Bachmut: Ein ukrainischer Soldat feuert einen Granatenwerfer auf russische Stellungen an der Frontlinie in der Nähe von Bachmut. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

An der Frontlinie bei  Bachmut: Ein ukrainischer Soldat feuert einen Granatenwerfer auf russische Stellungen. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa 

Der russische Präsident Wladimir Putin behauptet, die ukrainische Großoffensive habe begonnen, sei aber bereits gescheitert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj widerspricht. Was stimmt denn nun? Ein Überblick zur Lage an der Front.

Wie entwickelt sich die Schlacht um Bachmut?

Von ukrainischer Seite gibt es wenige Informationen über das Kampfgeschehen. Immerhin berichtete ein Militärsprecher am Samstag, man sei bei Bachmut allein am Freitag 1400 Meter vorgerückt. Auch an früheren Tagen gab es Hinweise auf ukrainisches Vorrücken. Ganz neu ist die Tendenz nicht. Letzten Endes geht die seit bald einem Jahr ausgetragene Schlacht um Bachmut in eine neue Runde. Seit Anfang Mai rücken die Ukrainer an den Flanken im Norden und Süden der Stadt vor.

Ihr Ziel ist unverändert: die Invasionstruppen bei Bachmut binden und verhindern, dass sie weiter vordringen. Deshalb der ukrainische Vormarsch auf den Vorort Berchiwka im Norden und damit auf die Fernstraße M03 (Europastraße 40), die in Richtung der Großstädte Slowjansk und Kramatorsk weiterführt. Letzten Endes geht es hier aber um taktische Geländegewinne, nicht um einen großen strategischen Durchbruch tiefer in den Donbass hinein. Der wäre von Bachmut aus schwer möglich. Wie die Schlacht um Bachmut gehen auch die Kämpfe um Kreminna und Bilohoriwka im Norden des Bezirks Luhansk weiter.

Was ist im Süden der Ukraine los?

Die ukrainischen Vorstöße im Süden haben dagegen zu Kämpfen neuer Intensität geführt. Die ukrainischen Truppen haben sowohl an der Grenze der Bezirke Saporischschja und Donezk als auch weiter im Westen des Bezirks Saporischschja Gelände gewonnen. Als besonders erfolgreich hebt der frühere US-Oberkommandierende in Europa, Mark Hertling, einen Vorstoß auf Nowodonezke tief im Westen des Bezirks Donezk hervor. Aber es handelt sich um taktische Gewinne, keine strategischen Durchbrüche. Die Ukraine operiert bisher mit kleinen Einheiten, nicht mit ganzen Brigaden. Wie soll es weitergehen?

Das ukrainische Militär, das bisher sehr sparsam mit Munition verfuhr, geht aufs Ganze.

Ein naheliegendes Ziel im westlichen Teil wäre die Stadt Tokmak, Verkehrsknotenpunkt und mögliches Etappenziel auf dem Weg in die Großstadt Melitopol und weiter zur Krim. Welyka Nowosilka weiter östlich liegt dagegen in der Nähe des schon lange umkämpften Wuhledar. Anders als bei Tokmak, das von einem Ring russischer Gräben und Panzersperren umschlossen ist, sind die von Putins Truppen errichteten Befestigungen hier eher dünn. Und die strategisch wichtigen Hafenstädte Berdjansk und Mariupol sind nahe.

Was will die Ukraine mit ihren Vorstößen erreichen?

Aber ist das nicht alles viel zu offensichtlich? Mit Angriffen in diesen beiden Richtungen mussten die Invasoren doch rechnen. Und wie gesagt, von einem groß angelegten Durchbruchsversuch ist noch nichts zu sehen.

Der australische Militäranalyst Mick Ryan empfiehlt, statt von „Offensive“ oder „Gegenoffensive“ lieber von „Kampagne“ zu sprechen, also von einer Aufeinanderfolge verschiedener Operationen. Dazu gehören zweifellos auch die seit Wochen laufenden schweren ukrainischen Angriffe mit Raketen und Marschflugkörper auf russische Stellungen im Hinterland von Luhansk bis zur Arabat-Nehrung im Nordosten der Krim. Ebenso wie der erkennbar gesteigerte Einsatz ukrainischer Artillerie entlang der gesamten Front. Das ukrainische Militär, das bisher sehr sparsam mit Munition verfuhr, geht aufs Ganze - auch mit so teuren Geschossen wie Himars-Raketen und Storm-Shadow-Marschflugkörpern. Dazu nun seit ein paar Tagen die zunehmende Zahl lokaler Bodenoperationen, Ziele wohl: taktische Geländegewinne, Aufklärung, Zerstörung gegnerischer Waffensysteme, Verunsicherung der Invasoren. Kleine Angriffe können das Nahen größerer Operationen vortäuschen. Hat die Ukraine wirklich einen Vorstoß auf Tokmak vor? Oder führt sie die Russen gezielt in die Irre?

Wie schwer wiegen die ukrainischen Verluste?

So oder so: Wer auch nur in kleinem Umfang angreift, geht ins Risiko. Der US-Analyst Rob Lee zitiert auf Twitter zustimmend die Einschätzung eines Militärs, dass bei Offensivoperationen mit Verlusten von 25 Prozent zu rechnen sei. Nach Daten der renommierten Internetplattform Oryx hat die Ukraine bereits in dieser Phase kleiner, taktischer Angriffe drei Leopard-2-Panzer verloren - davon zwei zerstört - sowie e15 Bradley-Schützenpanzer.

Es zeigt sich die Qualität westlicher Panzer, die ihre Besatzung schützen, auch wenn der Munitionsvorrat explodiert.

Seit Tagen kursiert ein von russischer Seite verbreitetes und auch von westlichen Experten als authentisch bestätigtes Video, das zeigt, wie ein Leopard 2A6 und acht Bradley-Schützenpanzer in ein Minenfeld geraten und vermutlich aus der Luft beschossen werden. Zwei Fahrzeuge, darunter der Leopard, werden offenbar schwer beschädigt.

Der Fall hat heftige Diskussionen ausgelöst. Unter anderem darüber, wie ein ukrainischer Kommandeur Panzersoldaten in eine solche Operation schicken kann, ohne für ausreichende Luftabwehr zu sorgen. Dem hielt der ukrainische Blogger Tatarigami, ein der eigenen Militärführung gegenüber normalerweise sehr kritischer Reserveoffizier, entgegen, dass es schlicht an Gepard-Flakpanzern mangele. Ohnehin, das hat der Wiener Analyst Franz-Stefan Gady gerade wieder hervorgehoben, müssen die Ukrainer derzeit unter Bedingungen kämpfen, wie sie keine Truppe eines Nato-Landes jemals erlebt hat, nämlich ohne vor den Bodenoperationen Luftüberlegenheit herstellen zu können.

Andererseits: Das Video stammt aus der ersten Zeit der Kämpfe im Bezirk Saporischschja. Das Gebiet, in dem es aufgenommen wurde, ist längst in ukrainischer Hand. Frischere und nachvollziehbare Belege ukrainischer Leopard-Verluste hat Russland nicht beibringen können. Ein angeblich von einer russischen Drohne zerstörter Leopard hat den Angriff in Wirklichkeit wohl abgewehrt. Und auch bei dem Vorfall im Bezirk Saporischschja zeigte sich die Qualität westlicher Panzer, die ihre Besatzung schützen, auch wenn der Munitionsvorrat explodiert. Aber die Ukraine wird, wenn sie weiter in die Offensive geht, auch weiter mit schweren Verlusten rechnen müssen. Sie wird keinen schnellen Durchbruch erzielen, sondern versuchen müssen, die Besatzer in langwierigen Kämpfen zu schwächen. „Das wird keine Operation Desert Storm“, schreibt der Militärhistoriker Phillips O’Brien.

09.06.2023, Ukraine, Cherson: Ein überschwemmtes Gebiet. Der Stausee des Dnipro im Süden der Ukraine hat nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms laut Behördenangaben inzwischen mehr als ein Drittel des im Frühjahr angesammelten Hochwassers verloren. Foto: Peter Druk/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Nach der Zerstörung des Staudamms: Ein überschwemmtes Gebiet in Cherson. Der Stausee des Dnipro im Süden der Ukraine hat  inzwischen mehr als ein Drittel des im Frühjahr angesammelten Hochwassers verloren. Foto: Peter Druk/XinHua/dpa

Was bewirkt der Staudammbruch von Nowa Kachowka?

Geophysikalische Messdaten belegen unterdessen, was schon zuvor kaum sinnvoll zu bezweifeln war: Der Dnipro-Staudamm von Nowa Kachowka ist am 6. Juni nicht aufgrund von Schäden durch frühere Kampfhandlungen zusammengebrochen, sondern gesprengt worden. Das norwegische Erdbebenbeobachtungszentrum Norsar registrierte um 2.54 Uhr Ortszeit die Schockwellen der Detonation. Zwar hatte die Ukraine im Zuge ihrer Cherson-Offensive die über den Damm verlaufende Straßen- und Bahnbrücke beschossen, zwar hatten die russischen Besatzer später drei Brückensegmente und die darunter liegenden Wehrtore gesprengt. Aber das erklärt nicht das Schadensbild. Der Damm wurde an seiner Basis auseinandergerissen. Eine solche Sprengung konnte nur vornehmen, wer Zugang zum Damminneren hatte: Putins Tuppen, die ja zur Abwehr ukrainischer Angriffe auch zahlreiche kleinere Talsperren zerstört haben.

Schon lange hatte Kiew den Besatzern vorgeworfen, den Damm vermint zu haben. Aber warum zündeten die Besatzer die Sprengsätze gerade jetzt? Abgesehen von den verheerenden humanitären Folgen - im russisch besetzten Teil des Flutgebiets blieben Opfer tagelang ohne Hilfe, die Zahl der Toten ist nicht abzusehen - und den massiven Schäden, die dieses Kriegsverbrechen für die Wasserversorgung, die Landwirtschaft, die Stromproduktion, die Binnenschifffahrt der Ukraine bedeutet: Der militärische Nutzen dieser monströsen Tat für Russland ist zweifelhaft. Zwar musste das ukrainische Militär wegen der Flutwelle seine Stellungen auf Dnipro-Inseln räumen, ein von den Besatzern gefürchtetes Landungsmanöver ist derzeit ausgeschlossen.

Hatte die Ukraine überhaupt vor, gar am symbolträchtigen 6. Juni eine Neuauflage der Operation Overlord zu versuchen?

Dafür spricht wenig, auch wenn Kiew die russischen Besatzer durch immer neue, schön demonstrativ per Video verbreitete Übungen von Flussübergängen in Angst zu versetzen suchte. Sehr viel näher läge es für Kiew, eine erfolgreiche Landoffensive zu gegebener Zeit durch ein kleineres amphibisches Manöver zu unterstützen. Zum Beispiel, um den Besatzern nach einem Frontdurchbruch im Bezirk Saporischschja von Cherson aus in den Rücken zu fallen und den Krim-Zugang über die Landenge von Perekop zu sperren. Gegen so ein Unternehmen hätte die Flutwelle von Nowa Kachowka eine zwar völkerrechtlich geächtete, aber wirksame Waffe sein können.

Hat ein russischer Kommandeur möglicherweise die Sprengung in Panik vorzeitig ausgelöst?

Gut möglich. Russische Soldaten am Unterlauf des Dnipro wurden offenbar überrascht, Panzersperren und Minenfelder weggeschwemmt. Ende Juni dürfte das Wasser abgelaufen sein. Wenn die ukrainische Offensivkampagne dann so weit fortgeschritten sein sollte, dass eine Flussquerung Sinn hat, verfügen die Besatzer nicht mehr über die früheren Sperranlagen. So könnte das offensichtliche russische Kriegsverbrechen von Nowa Kachowka den Verlauf der Kämpfe beeinflussen - aber anders, als von den mutmaßlichen Urhebern wohl geplant.