Nach der Befreiung von Cherson nimmt das ukrainische Militär das Hinterland der Krim ins Visier. Was hier passieren könnte – und warum die Zukunft der Ukraine davon abhängt.
Entscheidung in der Süd-UkraineD-Day oder Zermürbungskrieg?

Ukraine-Krieg - Cherson
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Ukrainische Soldaten kreuzen in schnellen Motorbooten vor einem russisch besetzten Küstenabschnitt: Schon kurz nach der Befreiung Chersons machte das Video dieser gewagten Aktion die Runde. Jetzt, mehr als eine Woche später, hat das Südkommando des ukrainischen Militärs erstmals eine Militäroperation auf Kinburn Spit bestätigt, einem bis dato russisch kontrollierten Sandstreifen im gemeinsamen Mündungsgebiet der Flüsse Dnipro und Südlicher Bug. Was ist so wichtig an diesem Landstrich?
Um welches Gebiet geht es?
Wer die deutsche und polnische Ostseeküste kennt, kann sich auch die ukrainischen Küsten gut vorstellen: Geprägt sind sie in großen Teilen durch Randseen (Limane, im Deutschen Bodden oder Haffs), die durch Landzungen von der offenen See getrennt werden. Kinburn ist ursprünglich ein türkischer Name (Kilburun, lange Halbinsel). Diese Halbinsel läuft in der gut fünf Kilometer langen Nehrung Kinburn Spit aus. Das Gebiet trennt den Dnipro-Bug-Liman vom Schwarzen Meer, eine Durchfahrt ist durch die Straße von Otschakiw (auch: Kinburn-Kanal) möglich.
Während die Ukraine seit der Befreiung Chersons das gesamte rechte, westliche Dnipro-Ufer kontrolliert, hängt die Kinburn-Halbinsel mit ihrem Naturschutzgebiet am östlichen Ufer. Kinburn Spit war der am weitesten nach Westen vorgeschobene Teil des russischen Besatzungsgebiets. Von der Kinburn-Halbinsel aus kann Russland das Binnenland unter Feuer nehmen, die Zufahrt zu den Häfen Mykolajiw und Cherson sperren und auch – bei einer Entfernung von nur gut 60 Kilometern Luftlinie – den Hafen Odessa bedrohen.
Was hat die Ukraine am Dnipro vor?
Die ukrainische Militärsprecherin Natalia Homeniuk hat angekündigt, dass man über das weitere Vorgehen Stillschweigen wahrt. Zunächst einmal würde durch eine Rückeroberung von Kinburn die Sicherheit des Binnenlandes und der Küstengewässer erhöht – ähnlich wie seinerzeit, als die Ukrainer die russischen Besatzer von der Schlangeninsel verdrängt hatten. Das Institute for the Study of War (ISW) weist darauf hin, dass Kinburn Spit auch außerhalb der (ungefähr 25 Kilometer tiefen) Reichweite der bisher bekannten russischen Geschützstellungen am Dnipro liegt. Hier könnten weitere ukrainische Einheiten den Dnipro-Mündungsbereich weitaus sicherer überqueren als in der Nähe von Cherson.
Ob daraus ein großer Flussübergang wird, eine Art D-Day am Dnipro, ist unsicher. Das ISW hält das bislang für unwahrscheinlich. Die Ukraine verfügt zwar über schwimmfähige Schützenpanzer, für den Transport von Kampfpanzern und Haubitzen wäre sie aber auf Fähren oder Pontonbrücken angewiesen. Alle Brücken über den Fluss sind zerstört. Allenfalls am Staudamm von Nowa Kachowka wäre es denkbar, eine Behelfskonstruktion zu errichten. Aber hier wäre man wieder durch russische Artillerie gefährdet.
Warum ist der Süden so wichtig?
Nicht zu übersehen ist allerdings: Nach der Befreiung von Cherson geraten die Besatzer auch in der übrigen Südukraine unter Druck. Und hier, im Süden, wird der Krieg entschieden.
So wichtig auch das ukrainische Vordringen im Nordosten, im Bezirk Luhansk, sowie die Verteidigung von Bachmut und der aktuell hart attackierten Stellungen bei Donezk sind: Über das Fortbestehen der Ukraine als wirtschaftlich lebensfähiger Staat entscheidet der Besitz des Südens. Hier liegen die Seehäfen, die wertvollsten Agrarflächen und Industriestandorte wie das Werftenzentrum Mykolajiw und das von Russland ständig attackierte Saporischschja mit seiner Luftfahrtindustrie, wie das besetzte Enerhodar mit seinen Kraftwerken und der – verwaltungsrechtlich schon zum Bezirk Donezk zählende – Stahlgigant Mariupol, von Russland erobert und schwer zerstört.
Welche Alternative hat die Ukraine?
Russische wie ukrainische Quellen spekulieren über kleinere ukrainische Operationen am linken Dnipro-Ufer. Die Russen ziehen Verteidigungslinien. Durch die Einnahme von Cherson ist die ukrainische Artillerie dicht ans für die Besatzer bisher halbwegs sichere Hinterland der Krim herangerückt. Sie beschießt Stellungen in Städten wie Skadowsk und Tschaplynka. Hier wiederholt sich, was monatelang bei Cherson passierte: systematisches Zerstören russischer Kommandoposten, Depots und Nachschublinien.
Nun durch wenige brüchige Versorgungswege ist das Terrain mit dem Rest des russischen Besatzungsgebiets verbunden. Nachschub aus dem Donbass kommt über das Nadelöhr Melitopol – die Ukraine hat hier erst am Dienstag wieder Bahnanlagen angegriffen. Der Nachschub über die Krim funktioniert seit dem Anschlag auf die Brücke von Kertsch nur eingeschränkt. Die Krim selbst muss zu großen Teilen per Fähre und Landungsboot versorgt werden. Basis dieser Landungsboote ist nach Angaben des britischen Militärgeheimdienstes der russische Militärhaften Noworossiysk. Wie stark der gefährdet sein könnte, zeigten zuletzt Explosionen an einer benachbarten Ölanlage. Deren Ursache ist ungeklärt, aber der Verdacht einer ukrainischen Urheberschaft liegt nahe.
Die ukrainischen Aktionen am Dnipro könnten ein anderes Vorhaben unterstützen. Der in Schottland lehrende US-Militärhistoriker Phillips O’Brien hat die Sicht vieler Experten skizziert: ein Angriff wäre im Gebiet Saporischschja möglich. Russland kontrolliert hier einen streckenweise nicht einmal 100 Kilometer breiten Geländestreifen am Asowschen Meer. Bei Melitopol und Berdjansk stoßen die Russen auf bewaffneten Widerstand ukrainischer Partisanen. Russische Militärblogger warnen vor einer ukrainischen Truppenkonzentration bei Orichiw in der Nähe der Gebietshauptstadt Saporischschja, Das könnte für einen geplanten Durchbruchsversuch relativ weit im Westen, beispielsweise in Richtung Melitopol, sprechen. Russland verlegt Truppen in diese Stadt.
O’Brien erwartet keinen schnellen Durchmarsch, sieht aber Chancen für ein Vordringen auch im Winter. Hätte das Erfolg, dann wäre das russische Besatzungsgebiet zerschnitten – und im Hinterland der Krim stünden die russischen Besatzer in einer ähnlich ausweglosen Situation wie zuletzt bei Cherson.
