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Arbeiten bis 70
Wenn es so einfach wäre

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Zwei Rentner sitzen auf einer Bank.

Zwei Rentner sitzen auf einer Bank. 

Steigt das Renteneintrittsalter? Eine aufgeregte Debatte hilft nicht, sagt Rundschau-Chefredakteur Jens Meifert.

Vor vier Wochen hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Rente ganz nebenbei zur Basisabsicherung herabgestuft und damit einen Sturm der Empörung ausgelöst. Nun steht die Zahl 70 als Renteneintrittsalter im Raum – und die Aufregung ist wieder groß. Damit droht die überfällige Rentenreform schon früh in die falsche Richtung zu geraten – und das aus gleich mehreren Gründen.

Zu bedenken sind zunächst einige nüchterne Fakten: Vor rund 35 Jahren kamen noch 2,7 Beitragszahler auf einen Rentner, inzwischen sind es nur noch rund zwei. Bis 2050 wird prognostiziert, dass einem Rentner nur noch 1,3 Beitragszahler gegenüberstehen. Die Bezugsdauer der Rente ist in den vergangenen 25 Jahren um rund fünf Jahre bei Männern und knapp vier Jahre bei Frauen gewachsen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Zumal der Bund im vergangenen Jahr bereits 120 Milliarden Euro in die Rentenkasse zuschießen musste, das ist ein Viertel aller Ausgaben des Bundes.

Viele werden nicht so lange arbeiten können

Dennoch werden viele Menschen gar nicht in der Lage sein, bis 70 zu arbeiten. Schon gar nicht die, die harte körperliche Arbeit verrichten. Da wiederholt sich die Debatte der letzten Hochstufung des Renteneintrittssalters. Zur Wahrheit gehört auch: Andere können das schon – und wollen es vielfach sogar. Und ihr Wissen wird vielerorts weiter gebraucht. Viel spricht also dafür, die Lebensarbeitszeit zugrunde zu legen für den Renteneintritt und nicht das Lebensalter. Und dies sollte nach Möglichkeit flexibel gesteuert sein: Wer als Akademiker später anfängt zu arbeiten, kann auch später aufhören als jemand, der direkt nach der Schule in den Job einsteigt.

Schon heute gibt es übrigens die Möglichkeit, länger als gesetzlich vorgeschrieben zu arbeiten. Noch ein Problem: Eine Rente mit 70 würde auf absehbare Zeit gar nicht helfen. Wenn es so einfach wäre. Erst ab Anfang der 30er Jahre wird die Rente mit 67 für alle gültig werden. Eine weitere stufenweise Anhebung verschiebt zusätzliche Einkünfte bis tief in die nächsten Jahrzehnte. Der Kostendruck wird aber schon früher viel zu hoch sein.

Abgesehen davon braucht es dafür eine Wirtschafts- und Arbeitswelt, in der Menschen bis in dieses hohe Alter auch eine Beschäftigung finden. Ansonsten ist eine Anhebung des Renteneintrittsalters nur ein anderes Wort für Rentenkürzung. Die Regierung tut gut daran, die Rentenreform umfassender anzugehen und nicht mit Zahlen zu jonglieren.

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