Rheinmetall-Chef Papperger hat über technologisch vermeintlich anspruchslosen ukrainische Drohnen gespöttelt. Aber damit setzt die Ukraine die russischen Angreifer unter Druck – auf kurze und auf lange Distanzen.
Russisch-ukrainischer KriegWenn Hausfrauen Drohnen basteln

Rauchwolken über Primorsk: Die Satellitenaufnahme vom 23. März zeigt die Folgen eines ukrainischen Drohnenangriffs.
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Hohn und Spott für Rheinmetall-Chef Armin Papperger: Eine russische Militärkolonne an der Südfront habe festgestellt, „dass es bei den ukrainischen Drohnen, die von Lego spielenden Hausfrauen hergestellt wurden, keinerlei echte Innovation gab“. Das schreibt der ukrainische Militärjournalist Illia Ponomarenko zum Video eines ukrainischen Drohnenangriffs bei Robotyne im Bezirk Saporischschja, der eine Gruppe russischer Panzerfahrzeuge zerstörte. Papperger hatte dem US-Magazin „The Atlantic“ gesagt, der größte ukrainische Drohnenhersteller seien Hausfrauen, die mit 3D-Druckern in der Küche Drohnenteile herstellten: „Das ist keine Innovation.“ Es sei wie Legospielen.
Wie verläuft die russische Frühjahrsoffensive?
Aus welcher ukrainischen Küche auch immer die Drohnen stammten: Das Video aus Saporischschja belegt die immensen Schwierigkeiten, auf die die russischen Aggressoren zurzeit in der Ukraine stoßen. Seit Ende Februar rollt die russische Frühjahrsoffensive unter anderem mit dem Ziel, den Rest des Donbass – vor allem den Festungsgürtel mit den Städten Slowjansk und Kramatorsk – zu erobern. Trotz einzelner taktischer Erfolge (zum Beispiel bei Lyman im Bezirk Donezk) kommen die Angreifer bisher kaum voran. Auch auf die Bezirkshaupstadt Saporischschja möchte Russland vorrücken.
In diesen Zusammenhang gehört der gescheiterte Vorstoß bei Robotyne. Im Gegenteil: Im Nordosten – bei Kupjansk im Bezirk Charkiw – haben die Ukrainer die Angreifer deutlich zurückgedrängt. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Südosten der Front, im Grenzgebiet der Bezirke Donezk, Dnipropetrowsk und Saporischschja. Nördlich der russisch besetzten Stadt Huljajpole liegt Pokrowske am Fluss Wowtscha, und aus dieser Region heraus haben die Ukrainer die russische Armee zehn bis 15 Kilometer tief zurückgedrängt. Seit Ende Februar machen die Ukrainer hier immer weitere Geländegewinne. Einen kleinen ukrainischen Vorstoß gibt es auch direkt auf Huljajpole zu.
Was bewirken die ukrainischen Gegenangriffe?
Diese Gegenangriffe haben für die Ukraine einen doppelten Nutzen. Erstens: Sie helfen dabei, die russische Offensive auszubremsen. Moskaus Generäle können sich den Schauplatz der Kämpfe nicht mehr aussuchen, sondern müssen Truppen verlegen, um die ukrainischen Vorstöße abfangen zu können – und bei Pokrowske schaffen sie das zurzeit nicht einmal. Zweitens: Sollte es der ukrainischen Armee gelingen, hier weiter vorzudringen, dann erwischt sie einen neuralgischen Punkt der russischen Militärlogistik.
Denn von kleineren russischen Eroberungen im Bezirk Sumy und bei Wowtschansk östlich von Charkiw abgesehen besteht das russisch besetzte Gebiet aus zwei großen Flügeln. Im Nordosten hält Russland große Teile des Donbass, im Süden Teile der Bezirke Saporischschja und Cherson. Hier verläuft die Front parallel zu den Küsten von Asowschem und Schwarzem Meer, das besetzte Gebiet ist über Brücken und die Landenge von Perekop mit der schon seit 2014 okkupierten Krim verbunden. Die Region um Huljajpole ist sozusagen das Gelenk, das beide Flügel verbindet. Jeder Kilometer, den die Ukraine hier zurückerobert, erhöht auch die Tiefe, in der ukrainische Drohnen einwirken können. Und gefährdet damit russische Nachschublieferungen von Osten her in den langen Gebietsstreifen entlang der Küsten. Ein alternativer Versorgungsweg verläuft über die Krim, und auch den nimmt die Ukraine ins Visier. Mitte März griff sie zwei Eisenbahnfähren an, mit denen die russischen Angreifer Treibstoff und Munition zur Krim befördern. Die Brücke von Kertsch wird für solche Transporte aus Sicherheitsgründen nicht mehr genutzt. Der Zustand dieser von der Ukraine wiederholt angegriffenen Brücke ist ohnehin unklar.
Was passiert mit der russischen Ölindustrie?
Die von Papperger bespöttelten vermeintlichen Hausfrauen-Drohnen für den Einsatz auf dem Schlachtfeld stellen nur einen Ausschnitt aus dem großen Programm selbst entwickelter ukrainischer Drohnen und Marschflugkörper dar. Am anderen Ende der Reichweitenskala liegen Fernwaffen wie die Drohne AN-196 Ljutyj (das bedeutet „wütend“) oder der gelegentlich eingesetzte Marschflugkörper FP-5 „Flamingo“. Die Wirkung derartiger Flugkörper hat Russland in den letzten Tagen schmerzhaft zu spüren bekommen. Mehrfach, zuletzt in der Nacht zum Sonntag, griff die Ukraine den Ölhafen Ust-Luga nahe St. Petersburg an der Ostsee an. Auch der Ostsee-Hafen Primorsk wurde attackiert, ferner die Raffinerien Kiritschi bei St. Petersburg und Jarowslawl an der Wolga sowie Chemiewerke.
Über die Ostseehäfen läuft der überwiegende Teil der russischen Ölexporte. Zuletzt hatte Russland indirekt vom Krieg der USA und Israels gegen den Iran profitiert: Die deutlich gestiegenen Öl- und Gaspreise halfen Russland, die massiven Probleme zu lösen, die der seit mehr als vier Jahren anhaltende Krieg für den Staatshaushalt nach sich zieht. Je stärker die Ukraine die Ölverladung behindert, desto stärker schwindet dieser Vorteil dahin. Die Schäden an russischen Raffinerien haben überdies dazu geführt, dass Moskau vom 1. April an den Export von Benzin untersagt hat.
Wie ist die öffentliche Wirkung?
Kriege, das wusste schon Carl von Clausewitz, haben das Ziel, den Willen des Gegners zu brechen. Der russische Präsident Wladimir Putin hat es bisher nicht geschafft, das bei den Ukrainern zu erreichen. Mehr Erfolg hatte er mit dem Versuch, bei westlichen Unterstützern der Ukraine den Eindruck zu vermitteln, das angegriffene Land sei hoffnungslos unterlegen. Gegen Russland habe die Ukraine keine Chance, tönte beispielsweise US-Präsident Donald Trump im August 2025. Und offenbar setzt er die Regierung in Kiew derzeit erneut unter Druck, sie solle die noch freien Teile des Donbass kampflos räumen lassen.
In diesem Propagandawettlauf hat die Ukraine zuletzt einiges gutgemacht. Zum einen wird die Stimmung in Russland selbst erkennbar nervös. Um Proteste zu unterdrücken, schränkt die russische Regierung den Internetzugang stark ein. Margarita Simonjan, die Chefredakteurin des russischen Staatsfernsehens, stimmte ihre Landsleute am Sonntagabend darauf ein, dass Kriege zum Aufbau großer Imperien Jahrzehnte, ja Jahrhunderte dauern könnten. Und der russische Kriegsblogger Pawel Kuchmirow präsentierte Fotos des trotz Angriffen weitgehend intakten Hafens Odessa und des brennenden Ust-Luga: „Bitte nicht verwechseln.“ Ein anderer nationalistischer Blogger, Ilja Remeslo, landete in einer psychiatrischen Klinik, nachdem er gefordert hatte, Putin als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen. Solche publizistischen Auflösungserscheinungen können Putin und seinen Leuten nicht gleichgültig sein: Das Regime ist darauf angewiesen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung sein Handeln wenn nicht begrüßt, so doch zumindest schweigend hinnimmt.
Zum anderen weiß die Ukraine ihre Drohnen-Expertise international zu vermarkten. Mitten im Iran-Krieg reiste Präsident Wolodymyr Selenskyj an den Persischen Golf und schloss Abkommen zur Rüstungskooperation mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Katar. Ein Husarenstück: Eigentlich gereicht dieser Krieg der Ukraine zum Nachteil. Von der Ölpreisentwicklung abgesehen verschwenden die USA hier teure Luftverteidigungssysteme, die die europäischen Partner gerne für die Ukraine kaufen würden. Und am Ende ist es ein irrwitziges Unterfangen, iranische Billigdrohnen mit Luftabwehrraketen ausschalten zu wollen. Trump und sein Verbündeter Benjamin Netanjahu hatten die Drohnengefahr offensichtlich unterschätzt – die Ukraine kann mit selbstentwickelten Abfangdrohnen helfen.
Das vermeintlich hoffnungslos unterlegene Opfer Russlands stellt sich als globaler Sicherheitspartner dar: ein genialer PR-Coup unabhängig davon, wie bedeutend die Kooperationsabkommen wirklich sein werden. Und seit Pappergers Spöttelei ist das Internet voller Memes strahlender Ukrainerinnen, die Drohnen basteln. Die Firma Rheinmetall versicherte eilig, sie habe größten Respekt vor den Ukrainerinnen und Ukrainern. Übrigens hätte Illia Ponomarenko gern gewusst, was die bei Robotyne in die Falle gegangene russische Kolonne von den vermeintlichen ukrainischen Lego-Spielereien hält. Aber: „Aus unbekannten Gründen war sie für weitere Kommentare nicht erreichbar.“
