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Interview mit Integrationsrat-ChefWas macht der Gaza-Krieg mit den Zugewanderten?

Lesezeit 5 Minuten
Viele Migranten in NRW ziehen sich laut Tayfun Keltek ins Private zurück – andere gehen auf die Straße: Teilnehmerinnen einer pro-palästinensischen Demonstration in Düsseldorf.

Viele Migranten in NRW ziehen sich laut Tayfun Keltek ins Private zurück – andere gehen auf die Straße: Teilnehmerinnen einer pro-palästinensischen Demonstration in Düsseldorf.

„Viele Migranten haben Angst in NRW“, sagt der Kölner Tayfun Keltek, Chef des Landesintegrationsrates. Ein Gespräch über die Folgen des aktuellen Nahostkonflikts, Islamismus in Deutschland und die Krise der Demokratie.

Herr Keltek, die Begrenzung von Zuwanderung, Antisemitismus und Islamismus sind dominante Themen in dieser an Krisen reichen Zeit. Was bewirkt das in NRW?

Ich mache mir große Sorgen. Aus der Sicht von Zugewanderten, besonders von Menschen muslimischen Glaubens, ist die gesellschaftliche Stimmung inzwischen ähnlich bedrohlich wie in den 1990-er Jahren. Damals kam es zu den schrecklichen rassistisch motivierten Taten in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen.

Wie reagieren Migranten darauf?

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Ich spreche lieber von Menschen mit internationaler Familiengeschichte, und viele von ihnen ziehen jetzt sich ins Private zurück. Ihre Grundhaltung ist: Wir müssen aufpassen und äußern uns lieber nicht öffentlich.

Naja, es gibt Zugewanderte, die sich öffentlich äußern. Sie demonstrieren getrennt nach Geschlechtern, rufen nach einem Kalifat, hetzen gegen Juden und Israel…

Das stimmt, und der Landesintegrationsrat verurteilt Aufrufe zu Gewalt und Extremismus grundsätzlich. Das Problem ist aber, dass hier Äußerungen und Taten einiger weniger Menschen schnell auf alle Menschen islamischen Glaubens übertragen werden, und die Politik das zum Teil auch noch unterstützt. Das ist das Gefährliche. Nach Neonazi-Aufmärschen sagt man natürlich nicht, alle Deutschen seien Nazis. Laut dem Bundesinnenministerium gab es im Jahr 2021 bundesweit insgesamt rund 1600 politisch motivierte Straftaten vor dem Hintergrund einer religiösen oder ausländischen Ideologie. Aus dem rechten Spektrum heraus wurden aber fast 22000 Straftaten erfasst, aus dem linken Spektrum etwa 10000.

Das war 2021. Der Nahostkonflikt befeuert jetzt aber eine andere Entwicklung: Die NRW-Antisemitismusbeauftragte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte Anfang November, in NRW seien in den vier Wochen seit dem Beginn des Hamas-Terrors mehr als 380 antisemitische Vorfälle erfasst worden – fast viermal mehr als im ersten Halbjahr 2023.

Das stimmt. Antisemitismus ist abscheulich. Ich will und kann das nicht entschuldigen. Ich gebe aber gleichzeitig zu bedenken, dass es Menschen aus Palästina in Nordrhein-Westfalen gibt, die um das Leben ihrer Familien bangen. Diese Leute sind derzeit emotional sehr aufgewühlt.

Es gibt auch Jüdinnen und Juden in NRW, die um ihre Familien und um ihre eigene Sicherheit bangen. Auch sie sind emotional sehr aufgewühlt.

Genau. Der Landesintegrationsrat sagt daher, Beifalls- und Unterstützungsbekundungen für Angriffe jeder Art sind fehl am Platz.

Man könnte auch argumentieren, dass die Politik zu lange die Augen verschlossen hat vor religiösem Extremismus, Clan-Kriminalität, Parallelgesellschaften.

Das stimmt nicht. Die allermeisten Menschen mit internationaler Familiengeschichte in NRW sind gut integriert und berufstätig, und es irritiert sie zutiefst, dass sie so oft signalisiert bekommen, sie gehörten nicht dazu, obwohl sie hier geboren und aufgewachsen sind.

Ist es nicht verstörend, dass einige Menschen mit Migrationshintergrund die Demokratie ablehnen, obwohl sie hier geboren sind und die Vorteile einer freien Gesellschaft genießen? Dass sie Autokraten wie Erdogan und Putin verehren?

Das ist in der Tat verstörend. Die überwiegende Mehrheit der Menschen mit internationaler Familiengeschichte in NRW denkt aber nicht so. Die leben ein normales Leben. Und viele von denen, die sich emotional von Deutschland verabschieden und ins Extreme abdriften, tun dies aus einem Gefühl fehlender Wertschätzung heraus. Sie meinen, sie könnten sich im Leben noch so anstrengen, wirklich willkommen seien sie hier aber nie. Das nutzen Verführer wie Erdogan und Putin aus.

NRW-Staatskanzleichef Nathanael Liminski (CDU) knüpft die Zusammenarbeit mit dem Moscheeverband Ditib beim Religionsunterricht an die Bedingung, dass Ditib sich von antisemitischen Aussagen von Präsident Erdogan und dem Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet distanziert. Muss man den Druck auf Ditib erhöhen?

Die Frage ist, ob das was bringt. Wenn der deutsche Staat erwartet, dass sich Ditib von Ankara abnabelt, dann müsste hier der Staat die Finanzierung des Verbandes übernehmen. Gäbe es dieses Angebot, würde das Bewegung in den Verband bringen, vielleicht würden auch frische Kräfte von außen dazu stoßen.


Zur Person

Tayfun Keltek (SPD) engagiert sich seit den 1980er Jahren dafür, dass Migranten in NRW ihre Interessen dort, wo sie wohnen, politisch ausdrücken können. Keltek gründete mit anderen Mitstreitern den Landesintegrationsrat, der zum Start im Jahr 1992 noch „Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte in NRW“ hieß. Er setzt sich für die Stärkung der kommunalen Ausländerbeiräte (heute: Integrationsräte beziehungsweise Integrationsausschüsse) ein und engagiert sich schon seit 1984 in der Leitung des Integrationsrates der Stadt Köln. Keltek, heute 76 Jahre alt, arbeitete in Köln als Sportlehrer. Geboren wurde er in der Türkei. (mk)


Experten warnen vor Generalverdacht gegen Muslime

Viele Muslime in Deutschland haben nach dem 7. Oktober das Gefühl, dass sich die Situation nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA nun für sie wiederhole, sagt Yasemin El-Menouar, Religionsexpertin der Bertelsmann-Stiftung. „Auch damals hat man Druck aufgebaut und von Musliminnen und Muslimen in Deutschland gefordert, sich zu positionieren.“ In der Gesamtbevölkerung gehe der Blick auf die Muslime nun reflexartig auf ihre vermeintlichen Herkunftsländer, als seien sie mitverantwortlich für dortige Ereignisse. „Ich erlebe da eine große Frustration.“ Im aktuellen Nahost-Konflikt sehe sie unter den Muslimen hierzulande viel Mitgefühl und tiefe Verbundenheit mit der Bevölkerung auf beiden Seiten.

Islamverbände hätten den Hamas-Terror mehrfach verurteilt, seien vehement für ein sicheres jüdisches Leben eingetreten und würden doch an den Pranger gestellt, kritisiert auch der Islamwissenschaftler Jörn Thielmann. „Viele Muslime sind deutsche Staatsbürger, sind hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und sollen sich jetzt rechtfertigen für etwas, wofür sie genauso wenig können wie der katholische Herr Müller oder die evangelische Frau Meyer.“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, berichtet, Kinder und Jugendliche aus den muslimischen Communities fühlten sich in den Schulen mitunter stigmatisiert. In Einzelfällen sei ihre Haltung zum Nahostkonflikt und zur Hamas abgefragt worden. Mazyek warnt, gerade bei Jüngeren könne ein Generalverdacht zu besorgniserregender Entfremdung führen. Einige könnten in die Fänge von Extremisten geraten. (dpa)


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