Der fliegende Pfarrer: Walter von den Bruck war zwölf Jahre Militärgeistlicher, sechs davon in Portugal. Dass er Flugzeuge steuern konnte und auch andere Piloten ausbildete, brachte ihm bei den Soldaten einen guten Ruf ein.
Die Fliegerei ist keine überirdische Kunst, sondern ein Ergebnis menschlicher technischer Fähigkeiten. Sie bringt auch mich dem Himmel nicht näher, so Walter von den Bruck aus Hellenthal-Dickerscheid, begeisterter Flieger: Dazu bedarf es anderer Verdienste.
Zur Fliegerei verführte ihn eine Kollegin des Aachener Geschwister-Scholl-Gymnasiums, an dem er als Religionslehrer ebenso tätig war wie als Subsidiar an Sankt Michael in Aachen-Burtscheid. Ich war auf Anhieb fasziniert; das Fliegen eröffnete mir eine andere Möglichkeit des Reisens. Reisen war schon für den Theologie-Studenten mit den Stationen Frankfurt, München und Aachen das Hobby schlechthin. So besuchte er als junger Kaplan gleich vier Mal Israel und Jordanien.
Er drückte erneut die Schulbank, um den Pilotenschein zu erhalten. Rund 3000 Mark kostete ihn das. 1982 erhielt er eine Berufung zum Militärpfarrer bei den Marinefliegern in Nordholz bei Cuxhaven. Die Versetzung sehe ich heute noch als glückliche Fügung an.
Er schloss sich der dort bestehenden Flugsportgruppe an, ließ sich zum Fluglehrer ausbilden, um selbst Piloten mit der Kunst des Fliegens vertraut zu machen. Hier fand er genügend Zeit, seinem Hobby nachzugehen. Dazu standen mir aufgrund guter Verbindungen immer zwei- bis viersitzige Flugzeuge der Typen Cessna oder Piper zur Verfügung. Das brachte dem fliegenden Pastor hohe Anerkennung bei den Marinefliegern. Mit ihnen und ihren Familien verbrachte er die Wochenenden und arrangierte Reisen nach Rom, Israel oder Fatima.
Seine Hauptaufgabe lag in der Betreuung der Soldaten. Lebenskundlicher Unterricht hieß es im Tagesprogramm der Soldaten, der sich wesentlich mit ethischen Themen wie Krieg und Frieden befasste. Von den Bruck: Für die Soldaten eine Frage des Gewissens, das viele belastete. Trotz umfassender seelsorgerischer Betreuung konnte er nicht verhindern, dass zwei Soldaten Selbstmord begingen. Dazu kam ein Erlebnis, das ihn auch als Psychologe herausforderte: Beim Spiel mit der Waffe traf ein Soldat einen Kameraden tödlich.
1988 ging für von den Bruck ein Traum in Erfüllung: Er wurde zur Luftwaffenausbildungseinheit nach Beja / Portugal, einem von sechs Auslandsstützpunkten der Bundeswehr, versetzt. Dort lebten die Soldaten drei bis vier Jahre mit ihren Familien, insgesamt rund 800 Bundesbürger. Ihnen standen Kindergärten und Schulen zur Verfügung.
Von den Bruck betreute von dort aus die deutschen Soldaten und ihre Familien im westlichen Mittelmeerraum, auch in Rom, auf Sardinien und Kreta. Die deutschen Stützpunkte in Rom und Kreta besuchte ich einmal pro Jahr, die 500 Landsleute auf Sardinien jedoch jeden Monat. Dorthin flog er nicht selbst, sondern bediente sich der Linienflüge der Fluggesellschaften oder der Deutschen Luftwaffe.
Mit Kater Miko
nach Reifferscheid
Die sechs deutschen Militärgeistlichen im Ausland trafen sich zwei Mal pro Jahr, um Erfahrungen auszutauschen. Bei einem Treffen dieser Gruppe in Bonn lud ihn ein Kollege ein, mit ihm ein Wochenende in der Eifel zu verbringen. Dort lernte von den Bruck Reifferscheid kennen - und lieben. Das führte dazu, dass er nach dem Ende seiner Zeit als Militärseelsorger 1994 die vakante Pfarrstelle in Reifferscheid übernahm.
Er kam jedoch nicht alleine aus Portugal, sondern mit Miko, dem Kater, der ihm dort zugelaufen war. Miko belegte künftig bei allen Sitzungen des Kirchenvorstands oder des Pfarrgemeinderats einen Platz in der Runde, jedoch ohne Stimme.
Die notwendigen Flugstunden (zwölf pro Jahr), um den Flugschein behalten zu können, verschaffte sich von den Bruck auf dem nahe gelegenen Flugplatz Dahlemer Binz. Seine Kenntnis des Mittelmeerraumes und dessen Kultur veranlassten ihn, Bildungsreisen für seine Schäfchen in dieses Gebiet anzubieten. Diese Reisen stellte er deshalb unter ein Motto mit einem historischen oder religiösen Hintergrund. Seine Reisen nach Portugal, seiner zweiten Heimat, sowie in die Ewige Stadt, Rom, kann er kaum noch zählen. Im Herbst dieses Jahres führt die Bildungsreise ins südliche Italien, nach Sizilien. Schmelztiegel des Jahrtausends heißt das Motto der Reise.
2002 offiziell in den Ruhestand versetzt, versieht von den Bruck heute noch seelsorgerische Dienste in der Gemeinde. Im gleichen Jahr gab er die Fliegerei auf. Einmal musste es ja sein, blickt er zurück. Das erlaubt es ihm, der unsere Zeit und Gesellschaft konstruktiv kritisch betrachtet, öfter noch als bisher ein Buch in die Hand zu nehmen.
So beschäftigt er sich zurzeit mit dem bekannten israelischen Schriftsteller Amos Oz und dessen neuem Buch Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Und damit auch mit dem Islam. Dieser Religion ist Toleranz in unserem Sinne fremd. Das hat er auch als Militärpfarrer, die im Rang eines Oberstleutnant stehen, erfahren müssen. Die Militärpfarrer tragen in ihrem Rangabzeichen zusätzlich das Kreuz. Dies war jedoch in einigen islamischen Ländern, insbesondere in Saudi-Arabien, nicht gestattet.