Am Werthchen führen die Rentner ihre Hunde aus, die Platanen werfen ihre Blätter ab, und die Laach, der alte Rheinarm, dümpelt träge vor sich hin: Herbstzeit in Rheidt. Manfred Dorschler wohnt mit seiner Frau in einer ruhigen Seitenstraße der Ortschaft.
Herr Dorschler, Sie waren 25 Jahre lang die Stimme des Südstadions. Warum haben Sie 2002 aufgehört?
Weil ich fand, dass diese Funktion mal ein Jüngerer übernehmen sollte. Und als wir aus der 2. Bundesliga abgestiegen sind, war der richtige Anlass dafür da. Ganz abgesehen davon war besprochen worden, dass ich stattdessen eine Aufgabe im Management übernehmen sollte, aber davon wollte dann plötzlich niemand mehr etwas wissen.
Sie sind von Fortuna Köln im Streit geschieden?
Nein, ich habe da kein großes Spiel drum gemacht. Ich treffe die Leute noch, und ich bin auch nach wie vor Mitglied.
Wie wird man eigentlich Stadionsprecher?
Bei der Fortuna hat vor mir der Rudi Fähnrich gesprochen, ein Österreicher. Der wollte in Urlaub, als ein Spiel gegen die Hongkong-Auswahl anstand. „Des musst mochen!“, sagte der da zu mir. Und als er aus dem Urlaub wiederkam: „Des mochst jetzt weiter!“ Tja, und dann war ich Stadionsprecher.
Später wechseln wir wegen des Fotos in Dorschlers Arbeitszimmer, dessen Wände komplett mit Karnevalsorden und Fußballwimpeln geschmückt sind. Stolz zeigt er auf einen von 1977 mit chinesischen Schriftzeichen: „Das war mein erster."
Sie haben auch die Stadionsprecher-Legende Hans-Gerd König vom 1. FC Köln kennen gelernt. Wie kam es dazu?
Nun, der Löring und die wechselnden Präsidenten vom FC lagen eigentlich ständig im Clinch. Aber Hans-Gerd König kam seinerzeit immer mal zu den Spielen der Fortuna und saß dann in der Kabine neben mir. So kam es, dass er mir so manchen guten Tipp geben konnte.
Welchen zum Beispiel?
Vor allem, wie man aufgebrachte Fans beruhigt. Wenn also etwa die Bochumer schon vor dem Spiel auf den Absperrgittern rumturnten, habe ich denen Grönemeyer aufgelegt. Der König und ich sind gute Freunde geworden, außer natürlich, wenn Fortuna gegen den FC spielte. Dann haben wir uns neunzig Minuten nicht angesehen. (lacht)
Sprechen kann jeder. Aber was muss man als Stadionsprecher mitbringen?
Zunächst mal muss man natürlich Ahnung von Fußball haben. Man muss Situationen schnell erkennen und einschätzen können. Und man braucht den der jeweiligen Situation angemessenen Wortschatz, um richtig auf die Zuschauer einzugehen.
Erinnern Sie sich an echte Klöpse?
„Waldheim Mannhof“ habe ich mal gesagt. Wenn die Mannheimer kamen, ging es immer hoch her. Das waren Spiele mit viel Emotion, und da passiert dann auch schon mal so ein Versprecher. Das geschah aber Gott sei Dank am Anfang meiner Sprecherkarriere.
2002 haben Sie ein Pokalspiel zwischen Blau-Weiß Brühl und dem Bundesligisten FC Kaiserslautern moderiert. Auch damals brauchten Sie angeblich einiges an Fingerspitzengefühl.
Die Brühler Vertreter tauchten abends um 22 Uhr bei mir auf. Die hatten keinen Sprecher für so eine Gelegenheit, und auch sonst war da nichts vorbereitet - weder Zonenlinien noch Wachdienst. Die hatten nicht mal Bänke für die Ersatzspieler. Ich sage: Freunde, das ist hier ein DFB-Pokalspiel, da kommt gleich ein Profiverein an, und deren Leute sitzen nicht wie bei euch oben auf der Stange. Die brauchen vernünftige Bänke! Aber wir haben das dann so einigermaßen hinbekommen.
Und wie haben Sie die Lauterer Anhänger hinbekommen?
Wenn solche Bundesliga-Fans in die Provinz kommen, tun die halt so, als wären die da zu Hause. Ich habe mir das Benehmen von denen eine Weile angesehen und die erst mal freundlich begrüßt: Schön, dass ihr lustig und fidel hier in Brühl angekommen seid. Und weil Brühl so einen Trubel noch nie erlebt hat, machen wir jetzt mal eine Polonaise durch das Schlossparkstadion.
Kam Ihnen diese Idee spontan?
Ja, und dann habe ich sogar die Polizisten und den Ordnungsdienst noch dazu eingeladen. Die sind dann alle da runter, und ich habe mich kaputtgelacht. Danach war alles ganz entspannt.
Hat man als Stadionsprecher Träume, ähnlich einem Fußballer, der mal in Wembley auflaufen möchte?
Oh ja! Ich hätte gern einmal ein Länderspiel im Maracanã-Stadion in Rio moderiert. Da passen zwar inzwischen keine 180 000 Leute mehr rein, aber locker 140 000.
Können Sie Portugiesisch?
Nein, aber ich habe in Köln auch mal bei Fenerbahçe gegen Galatasaray Istanbul am Mikrofon gesessen. Da war kein einziger Deutscher im Stadion. Aber dann habe ich da einen von Hürriyet angesprochen, von der türkischen Zeitung, und der hat mir während des Spiels alles ins Türkische übersetzt.
Sie sprechen kein Türkisch, aber auch kein Hochdeutsch.
In Bayern sprechen die auch Dialekt. Ich bin eben Kölner, die Sprache ist mir in die Wiege gelegt worden. Die Leute vom DSF haben mir mal eine Winterjacke mit meinem Namen drauf geschenkt, weil ihnen meine rheinische Stimme so gut gefiel. Die habe ich noch unten im Keller, die Jacke.
Sie sind als Kölner Südstädter in den rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis gezogen. Und 2003 wechselten Sie als Stadionsprecher auf die Schäl Sick zur Viktoria.
Ursprünglich habe ich nur bei der aufgestiegenen A-Jugend ausgeholfen. Und als dann der Sprecher der 1. Senioren rausflog, habe ich zuerst gesagt: Das kann ich nicht machen als alter Fortuna-Mann. Aber wie das dann so ist, jetzt sitze ich da schon wieder seit sechs Jahren am Mikrofon.
Hatten Sie keine Gewissensbisse?
Es schrieb zuletzt jemand: Ein Fortuna-Mitglied gibt der Viktoria seine Stimme. Aber er hat keine Probleme damit, weil er leidenschaftlicher Fußballfan ist. Das kommt so hin, ich bin auch bei Viktoria nie Mitglied geworden.
Man liest, in den unteren Klassen werde der Fußball immer härter, Schiris werden von Zuschauern bedroht oder gar verprügelt. Bekommen Sie davon bei der Viktoria etwas mit?
Nein, in der Verbandsliga gibt es das noch nicht. Natürlich kommt es hin und wieder zu Ausschreitungen, aber das liegt eher an der Ruppigkeit mancher Spieler. So einige, oft Ausländer, haben ihr Temperament nicht im Griff. Und die meinen dann auch in der 89. Minute, wenn das Spiel längst entschieden ist, noch ausflippen zu müssen. Bei der Viktoria gibt es auch so zwei, drei Jungs, bei denen man immer Angst haben muss, dass die die 90 Minuten nicht ohne Rote Karte überstehen. Sie befinden sich aber dank Vorstand und Trainer auf dem Weg der Besserung.
Mitte November drohte der Viktoria Köln zum wiederholten Male die Insolvenz. Ein Konkurs mit dem damit verbundenen Abrutschen in die Unterklassigkeit hätte auch Manfred Dorschlers Karriere als Stadionsprecher beendet. Wie stets jedoch konnte die Pleite so gerade eben abgewendet werden.
Sie sind Stadionsprecher, Fortuna-Mitglied und waren lange Präsident Ihres Heimatclubs FC Hertha Rheidt. Haben Sie neben dem Fußball noch Zeit für andere Hobbys?
Ich habe draußen meinen Garten, und meine Frau und ich reisen gern. Wir waren 18 Jahre in Afrika, in Kenia.
Wegen des Straßenfußballs?
Ich mag die Freundlichkeit und Lebensfreude, die diese Leute trotz ihrer Armut ausstrahlen. Im Hotel habe ich da auch immer den Nikolaus gemacht und auf die Art Geld gesammelt. Einmal haben wir jemandem eine Kuh gekauft. Die hat umgerechnet 35 Mark gekostet, aber der Mann gehörte ab dem Moment zu den Reichen in seinem Dorf.