Köln – Biggi steht in einem Haufen Pädsäppel. Auch Pferde müssen noch mal kurz vorher. Ein bisschen nervös sind jetzt alle. „Aufstellen!“, ruft jemand. Wir folgen brav. Es kann losgehen. Aber wo ist Dorothee? „Die ist auf´m Dixi-Klo!“ Ohne Posaune geht nix bei „Blos mer jet“, der Bumskapell aus Rath, die an diesem Tag den größten Auftritt ihrer Karriere hat: Zum ersten Mal im Rosenmontagszug - und das direkt vor dem Festwagen mit den Bläck Fööss! Und ausgerechnet dann lassen sie einen Rundschau-Redakteur dabei sein.
Um 14.41 Uhr steht auch Dorothee in Reih und Glied. Und jetzt geht´s - nein, nicht los. „Wer spielt von euch heute ohne Noten?“ Der Flötist aus dem Tambourkorps, das uns im Zoch begleitet, grinst und hält ein kleines Heftchen hoch, das er auf dem Asphalt gefunden hat. Dorothee ist kreidebleich. „Ach, da sind se ja. Die muss ich eben verloren haben. . .“ Am Chlodwigplatz macht sich ein Clown über uns lustig: „Ich glaub´, die können gar nicht spielen. Die tragen nur die Instrumente.“ Selten so gelacht.
Wenige Minuten später ist es endlich so weit: Wir durchschreiten das Severinstor, und Biggy haut ihren Trommelknüppel aufs Fell. Jetzt weed op de Trumm jeklopp! Maggie und ich knallen die Becken gegeneinander. „Klatsch! Klatsch! Klatsch-klatsch-klatsch!“ Das fühlt sich gut an. Verdammt gut. „Blos mer jet, alaaf!“ Die Jecken in der Severinstraße jubeln uns zu. Es ist der Beginn eines sieben Kilometer langen Triumphmarschs, wie sich zeigen wird. Biggi grinst ein bisschen verlegen und macht weiter: Buff! Buff! Buff-buff-buff!
He spillt die Blos mer jet un Bums Kapell / Bei uns kann jeder spille, wat hä well / Un dann singk jeder met uns die Leeder / Die mer nit verjesse han / Un immer widder all die Leeder /Die mer deef em Hätze han.
Früher hieß die Gruppe „Fründe“, weil es der naheliegendste Name war. Einer gemeinsamen Freundin wollte man eine Blaskapelle für deren Polterabend schenken. Bei dem einen Auftritt sollte es nicht bleiben. „Wir waren so etwa zehn Leute, drei davon spielten Blechblasinstrumente, der Rest machte Krach“, erinnert sich Dorothee. Doch es war Musik, die mitten ins kölsche Herz traf und Dorothees Mann begeisterte: Bömmel Lückerath und seine Kollegen der Bläck Fööss verewigten die Gruppe in dem Karnevalshit „Blos mer jet un Bums Kapell“.
Für einen Neuling in der Kapelle ist es von Vorteil, dass an diesem Tag nicht mehr als vier Titel gespielt werden. Je öfter Polterovend en d'r Elsaßstroß ist oder der Dom in Kölle gelassen wird, desto sicherer werden meine Beckenschläge. An der Löwengasse applaudiert uns ein Profi: Ecki Pieper, Frontmann der Stunksitzungs-Band „Köbes Underground“. Biggi hat es nicht mitbekommen. Unbeirrt drischt sie auf ihre Trumm. Die Frau hat solch ein Taktgefühl, dass sie sich während des Spielens sogar eine Fluppe lässig anstecken kann, ohne der Samba Schaden zuzufügen.
Das war nicht immer so: Was hatten wir vor kurzem noch Probleme mit der „Locke“! So wird der Übergang zum nächsten Stück genannt, das von der anderen Kapelle gespielt wird. Die Locke soll die Musiker also zum nächsten Lied „locken“. Das kann klappen, muss aber nicht. Unsere Partner, die Herren vom Tambourkorps, hatten bei einer Probe im evangelischen Gemeindehaus in Rath so hämisch gegrinst, dass Biggi sich fast vergessen hätte: „Die halten sich für was Besseres!“
All das ist jetzt vergessen. Die Locke frohlockt, dass es ein Traum ist. Von rechts und links fliegen uns Bützjer zu, und als wir die Tribüne der Stattgarde Colonia Ahoj passieren, schallt uns ein gewaltiger Chor entgegen: „Wir woll´n euch wiederhören, wir woll´n euch wiederhören. . .“
Im Hintergrund ist der Dom zu sehen. „Herrlich“, sagt Biggi leise, auch Maggie wird warm ums Herz. So ähnlich muss es sich anfühlen, als Fußballer mit der Meisterschale in den Händen durch seine Stadt zu ziehen. Es ist ein einziger Rausch. Klatsch! Klatsch! klatsch-klatsch-klatsch!
Der Triumphzug endet plötzlich. So unvorbereitet, wie er begonnen hat, ist kurz hinter der Mohrenstraße Schluss. Dorothee, Biggi und die anderen liegen sich in den Armen. Am Abend wollen sie in Rath gemeinsam essen gehen. Es wird viel zu erzählen geben.
