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Rheinische PioniereAugust Bebel war der „Kaiser der Arbeiter“ im Rheinland

8 min
August Bebel mit seiner Familie

August Bebel mit seiner Familie

Sie waren die ersten Start-up-Gründer und Influencer: Menschen, die im Rheinland wirkten und deren Ideen bis heute faszinieren. Unsere Serie stellt die „Rheinischen Pioniere“ und ihre Erfolgsgeheimnisse vor.

Ein Junge aus Deutz, aus ärmsten Verhältnissen, Vollwaise mit 13 Jahren: August Bebel wurde nicht zum Anführer und Pionier geboren, erkämpfte sich jedoch seinen Weg zu politischem Ruhm und zu seinem Ruf als „Kaiser der Arbeiter“. Ohne ihn wäre die Sozialdemokratie nicht das, was sie im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts geworden ist. Zwar war Bebel nur gebürtiger Rheinländer – den Großteil seines Lebens verbrachte er in Leipzig und Berlin – dennoch erinnert auch heute noch in Deutz eine Gedenktafel an ihn. Bebel ordnete sich der chauvinistischen Kultur des Kaiserreichs nicht unter und wurde bald als charismatischer Kopf der Arbeiterbewegung und der SPD anerkannt. Zudem setzte er sich für Menschlichkeit und Gleichberechtigung ein.

Was ist über seine Herkunft bekannt?

Ferdinand August Bebel wurde am 22. Februar 1840 in den Kasematten der Festung Deutz als Sohn des Unteroffiziers Johann Gottlieb Bebel und dessen Frau Wilhelmine geboren. Bebel schrieb später in seinen Memoiren, das erste Licht der Welt sei für ihn „das trübe Licht einer zinnernen Öllampe“ gewesen, in einer Stube, die Schlaf-, Wohnzimmer und Küche zugleich war. Nach dem frühen Tod des Vaters heiratete die Mutter dessen Zwillingsbruder, einen Aufseher in der „Korrektionsanstalt“ Brauweiler, wo Bebel Zeuge der unmenschlichen Behandlung der Insassen wurde. Nur zwei Jahre später verstarb auch der Stiefvater, und Wilhelmine Bebel zog mit ihren Kindern in ihre Heimatstadt Wetzlar. Die Mutter schlug sich mühselig mit Heimarbeit durch, während August die Armenschule besuchte. Der begabte Junge erhielt Sonderunterricht in Mathematik. 1853 starb auch die Mutter an Tuberkulose – mit dreizehn Jahren war Bebel Vollwaise. Ganz auf sich allein gestellt, musste er seine Pläne für ein Bergbaustudium schnell aufgeben. Von 1854 bis 1857 lernte der blasse und schmale Junge stattdessen in Wetzlar das Drechslerhandwerk.

Was war die Grundlage für seinen Erfolg?

Nach seiner Walz durch Süddeutschland und Österreich landete August Bebel 1860 eher zufällig in Leipzig, einer Stadt, die dank Messe und Buchdruck boomte und in welcher er bald Arbeit als Drechsler fand. Die Stadt war damals ein Zentrum des Arbeitervereinswesens, um Bildung und Lebensbedingungen der Beschäftigten zu verbessern. Im Februar 1861 wurde der „Gewerbliche Bildungsverein“ in Leipzig in Anwesenheit des 21-jährigen August Bebel gegründet. Ein Jahr später war der wortgewandte Drechslergeselle zweiter Vorsitzender, und von 1865 bis 1872 dann erster Vorsitzender. Der Verein forderte besseres Essen, geringere Arbeitszeiten und eine Bezahlung nach geschaffter Stückzahl für die Arbeiterschaft.

Bebel schaffte bald den Sprung vom Gesellen zum Meister und eröffnete 1864 seine eigene Werkstatt. Ideen zur völligen Gleichstellung der Arbeiter stand er zunächst skeptisch gegenüber, da er die Arbeiterschaft für nicht reif für das gleiche Wahlrecht hielt. Bereits im Mai 1863 gründete Ferdinand Lasalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) als erste deutsche Arbeiterpartei. Als Reaktion darauf schlossen sich im Juni in Frankfurt Vertreter von Arbeitervereinen zum Vereinstag Deutscher Arbeitervereine (VDAV) zusammen. Bebel wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Der junge Bebel war zwar Gegner des bürgerlichen Lassalle, den er persönlich wie politisch nicht schätzte, begann aber dessen Schriften zu studieren und sich dem Marxismus anzunähern.

Wie gelang der Durchbruch?

Begünstigt durch die Begegnung mit Wilhelm Liebknecht, der ihm ab 1865 die Ideen von Marx und Engels näherbrachte, wandte sich Bebel vom bürgerlichen Liberalismus ab und dem Sozialismus zu. Er war davon überzeugt, dass der politische und soziale Kampf der Arbeiter eine Einheit sei, und dass der preußische Chauvinismus eine Gefahr darstelle. Die von Liebknecht und Bebel im August 1866 gegründete Sächsische Volkspartei sollte eine preußische Vorherrschaft im Norddeutschen Bund verhindern. Im selben Jahr heiratete Bebel die Modistin Julie Otto, welche er 1863 im Bildungsverein kennengelernt hatte. Die politisch interessierte Frau, welche 1866 Tochter Friederike zur Welt brachte, unterstützte ihn bei seiner öffentlichen Arbeit, da er weiterhin ein mühsames berufliches Leben führte.

Auf die eheliche Vereinigung folgte 1869 das Bündnis der Sozialdemokratie: Am 8. August schlossen sich auf dem Parteitag von Eisenach der VDAV, ehemalige Mitglieder des ADAV und die Sächsische Volkspartei unter Bebels Vorsitz zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) zusammen. Bebel kümmerte sich um Einigungsverhandlungen und Organisation. Die neuen Forderungen wurden schnell klar: An die Stelle des Privateigentums sollte die genossenschaftliche Produktionsweise treten, und statt einer Klassenherrschaft würde eine „vernünftige demokratische Gesellschaft“ angestrebt. Nur zwei Jahre später wurde Bebel SDAP-Abgeordneter im Reichstag, dem er rund 40 Jahre angehören sollte. Trotz seiner Mitgliedschaft in der Internationalen teilte Bebel viele der radikalen Positionen von Marx und Engels nicht, und im Gegensatz zu Liebknecht sah er im Reichstag auch ein Instrument zur Verbesserung der Lage der Arbeiter. Dennoch kam er aufgrund seiner politischen Aktivitäten vor Gericht und wurde in Leipzig zu drei Wochen Gefängnis verurteilt.

Gab es Widerstände?

In den Folgejahren traf Bebel der Zorn der preußischen Regierung mit voller Wucht: Als Anti-Militarist lehnte er den Deutsch-Französischen Krieg ab. Gemeinsam mit Liebknecht stimmte er im Reichstag gegen die Kriegskredite und kritisierte die Annexion von Elsass-Lothringen. Für die im Siegespathos befindliche Staatsmacht war dies ein Unding: Er wurde – ebenso wie Liebknecht – 1872 im „Leipziger Hochverratsprozess“ zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, Bebel erhielt zudem weitere neun Monate wegen Majestätsbeleidigung. Er und Liebknecht wurden allerdings zu politischen Märtyrern, und die sozialdemokratische Bewegung gewann weiter an Zulauf. 1875 kam es im Rahmen des Gothaer Programms zur Vereinigung von SDAP und ADAV und der daraus hervorgehenden Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) – ein weiterer Meilenstein in Bebels Biografie. Die preußische Regierung ging ab sofort mit polizeilicher Repression vor. Der Höhepunkt war 1878 erreicht, als Reichskanzler Bismarck zwei Attentatsversuche auf Kaiser Wilhelm ausnutzte, um das „Sozialistengesetz“ einzuführen. In der Folge waren sozialdemokratische Vereine und Veröffentlichungen verboten, nur die Reichstagsfraktion der SAP konnte noch legal tätig sein. Bebel verbrachte fortan fast fünf Jahre im Gefängnis, unter anderem wegen Majestätsbeleidigung und „Geheimbündelei“.

Was gab ihm Kraft? Welche Charaktereigenschaft stach hervor?

Trotz eher schmächtiger Statur war Bebel ein stimmgewaltiger, begnadeter Rhetoriker und zog die Menschen in seinen Bann, die Arbeiter strömten zu seinen Auftritten. In vielen Arbeiterwohnungen hing sein Abbild neben dem des Kaisers. Im Privaten galt er als liebenswürdiger, bescheidener Zeitgenosse – in der Öffentlichkeit konnte er wie ein Vulkan ausbrechen, sobald er Unrecht erkannte. Seine Partei führte er als strenger Patriarch, gleichzeitig unterstützte er verfolgte Genossen nach Kräften. Zuhause kümmerte er sich gerne um Haus und Garten, insgesamt war er weltlichen Genüssen und einem gehobenen Lebensstil nicht abgeneigt. Sein Honorar nutzte er 1897 dazu, in der Schweiz eine Villa mit 14 Zimmern, Badehaus und Bootssteg am Zürichsee zu erwerben. Im politischen Alltag Berlins kam dieser Luxus jedoch nicht gut an – Bebel entschied sich daraufhin, die Villa wieder abzustoßen.

Was ist aus seinen Ideen geworden?

Von seinen Idealen trennte er sich jedoch nie: Bismarck gelang es nicht, Bebel und die Sozialdemokratie dauerhaft zu unterdrücken. Bei den Reichstagswahlen im Februar 1890 erhielt die Partei – nun offiziell als SPD – die meisten Stimmen, was sich aufgrund der Wahlkreiseinteilung jedoch nicht in der Zahl der Mandate niederschlug. Immerhin lief im gleichen Jahr das Sozialistengesetz aus, da Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi eine Aussöhnung mit der Arbeiterschaft anstrebte.

Bebel wurde 1892 zu einem der beiden Vorsitzenden der SPD gewählt. Bis zu seinem Tod gehörte er dem Deutschen Reichstag an. Als „Zählkandidat“ stand er auch mehrfach in Köln zur Wahl – in der katholisch geprägten Metropole war jedoch die Zentrumspartei regelmäßiger Wahlsieger. Das erste SPD-Programm trug deutlich seine Handschrift: Man forderte die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für alle Frauen und Männer, mehr Gleichberechtigung, die Einführung eines Acht-Stunden-Tages sowie ein Arbeitsverbot für Kinder unter 14 Jahren. Die Hoffnung Bebels, eine klare parlamentarische Mehrheit zu erreichen, erfüllte sich jedoch nicht. Insbesondere die Landbevölkerung konnte die SPD nicht für sich gewinnen.

In seiner politischen Ausrichtung zeigte er sich meist seiner Zeit voraus: Den Antisemitismus lehnte er als reaktionär ab, verurteilte die Entsendung deutscher Truppen zum Boxeraufstand in China und den Völkermord an den Herero in Namibia. 1893 hielt Bebel auf dem SPD-Parteitag in Köln eine vielbeachtete Rede gegen den Judenhass. Sein wohl größter Beitrag war die Veröffentlichung „Die Frau und der Sozialismus“, in welcher er sich für die Gleichberechtigung einsetzte. Das Buch wurde zum Bestseller und ebnete den Weg für mehr Partizipation von Frauen. Andererseits grenzte er sich von der bürgerlichen Mitte bewusst ab, um die Arbeiterschaft zu überzeugen, und wählte dafür teils drastische Worte, wie 1903 in Dresden: „Ich will der Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und Staatsordnung bleiben, …, und sie, wenn ich kann, beseitigen.“

Was bleibt von ihm?

1912 wurde die SPD mit fast 35 Prozent stärkste Fraktion. Dennoch schaffte man es nicht, die Kriegstreiberei aufzuhalten. Zudem fehlte es Bebel an Glauben, seine Partei könne etwas daran ändern. Auch lehnte er 1908 eine Anfrage britischer Sozialisten ab, gemeinsam gegen die Flottenrüstung aufzutreten. Auf der anderen Seite war er im Hintergrund aktiv: Kurz vor Ausbruch des Weltkriegs stand er in geheimer Verbindung zur britischen Regierung, um diese vor den Rüstungsplänen Preußens zu warnen. Den deutschen Angriff auf die Nachbarländer konnte dies jedoch nicht verhindern.

Am 13. August 1913 verstarb der herzkranke Bebel während eines Kuraufenthalts in Passugg, drei Jahre nach dem Tod seiner Frau Julie. 15.000 Menschen folgten am 17. August Bebels Sarg durch Zürich. Er hinterließ Tochter Friederike und dem einzigen Enkelkind 300.000 Mark. Bebel war ein „mit allen Wassern der kapitalistischen Geldanlage gewaschener Arbeiterführer“, schreibt der Historiker Jürgen Schmidt. In Köln erinnert eine Gedenktafel in der Kasemattenstraße an den Mitbegründer der Sozialdemokratie, zudem der Bebelplatz in Deutz. Die Forderung nach einem August-Bebel-Denkmal für die politische Opposition des Kaiserreichs in Köln blieb bislang unerfüllt.


Aus dem Lebenslauf von August Bebel

  1. 840 Geburt in Deutz – 22. Februar
  2. 1854-1860 Drechslerlehre und Wanderjahre,
  3. 1861 Mitglied des Gewerblichen Bildungsvereins
  4. 1863 Teilnahme am ersten Vereinstag Deutscher Arbeitervereine
  5. 1866 Heirat mit Julie Otto, Gründung der Sächsischen Volkspartei mit Wilhelm Liebknecht
  6. 1867 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Arbeitervereine
  7. 1869 Gründung der SDAP in Eisenach
  8. 1871 Mitglied des Deutschen Reichstags (bis 1913)
  9. 1872 Verurteilung zu zwei Jahren Festungshaft nach Anklage auf Hochverrat
  10. 1875 Zusammenschluss von SDAP und ADAV in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei
  11. 1879Veröffentlichung von „Die Frau und der Sozialismus“
  12. 1892 Wahl zum Parteivorsitzenden der SPD
  13. 1913 Tod am 13. August in Passugg (CH)