Beim Bornheimer Ortsgespräch führten Gastgeber Dominik Pinsdorf und Ricarda Lang einen kurzweiligen, oft amüsanten Talk.
„Söder ist ein Phänomen für mich“Grünen-Politikerin Ricarda Lang beim Bornheimer Ortsgespräch

Ein spannendes Gespräch führte Dominik Pinsdorf mit Ricarda Lang.
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Das gab es bislang bei einem Bornheimer Ortsgespräch noch nicht: Als Gastgeber Dominik Pinsdorf nach anderthalb Stunden die Grünen-Politikerin Ricarda Lang verabschiedete, gab es stehende Ovationen, was die 32-Jährige sichtlich überraschte und rührte.
Nach dem Gespräch mit Pinsdorf war noch lange nicht Schluss. Viele Besucher standen Schlange, um ein Selfie oder ein Foto mit Lang zu bekommen oder sich ihr mit dem Soziologen Steffen Mau zusammen geschriebenes Buch „Der große Umbruch“ (2025) signieren zu lassen.
Ein Döner mit Markus Söder?
Zuvor erlebten die mehr als 220 Besucher im bis auf den letzten Platz belegten Sitzungssaal des Bornheimer Rathauses einen überaus kurzweiligen, oft amüsanten und manchmal auch nachdenklichen Talk mit der Bundestagsabgeordneten, die gemeinsam mit Omid Nouripour von Februar 2022 bis November 2024 Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen war. Nach dem Zusammenbruch der Berliner Ampel-Koalition traten Nouripour und Lang von ihren Posten zurück. Lang gab auch zahlreiche persönliche Einblicke und antworte offen und frei auf die Fragen Pinsdorfs, mit dem sie sich zuvor auf das „Du“ geeinigt hatte.
Pinsdorf wollte eingangs wissen, was Lang lieber machen würde, einen Zahnarzttermin für Bundeskanzler Friedrich Merz organisieren oder den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder zu einem Döner einzuladen? Augenzwinkernd entschied sie sich für Söder („Ich traue Merz zu, dass er sich einen Zahnarzttermin selber organisieren kann“), allerdings würde Lang, die sich vegan ernährt, ihn davon überzeugen wollen, mit ihm eine Falafel essen zu gehen.
Mit den genannten konservativen Kontrahenten ging Lang harsch ins Gericht. Über Merz sagte sie: „Man kann ein Land nicht zusammenführen, wenn man alles negativ definiert und nur betont, was nicht gut ist und wer nicht dazugehört. Wenn er für einen Tag ein Grüner wäre, würde er hoffentlich merken, dass man Menschen mögen muss, wenn man Politik macht.“
Ministerposten unter Cem Özdemir „sehr unwahrscheinlich“
Und wenn Markus Söder ein Grüner wäre? „Söder ist ein Phänomen für mich. Ich kann sehr gut damit leben, wenn Leute eine andere politische Haltung habe, wenn ich ihnen abnehme, dass es ihre persönliche Haltung ist. Ich habe mal gesagt, dass Söders Meinung das Haltbarkeitsdatum von Joghurt hat. Woraufhin mir ein Unionskollege aus dem Norden sagte, du kannst Söder nicht mit einem Joghurt vergleichen, das ist ein deutsches Traditionsprodukt, das auch schon mal fünf Wochen im Kühlschrank hält. Das sagt doch schon alles.“
Was wir heute Abend erleben, ist gelebte Demokratie. Wir müssen auch klarmachen, dass Demokratie kein Pizza-Lieferservice ist, sondern dass es auch dazu gehört, dass die Bürger dieses Land mitgestalten.
Lang wuchs in Baden-Württemberg auf, heute lebt sie mit ihrem Mann in Berlin. Die Frage nach einem Ministerposten unter dem gerade neu gewählten Ministerpräsidenten ihres Landes, Cem Özdemir, tat sie knapp mit den Worten „sehr unwahrscheinlich“ ab.
Die Zuhörer erfuhren, dass sie in Nürtingen auf dieselbe Schule gegangen war wie Entertainer Harald Schmidt. Ihre Mutter arbeitete als Sozialarbeiterin, verlor, als Lang 18 war, ihre Arbeit in einem Frauenhaus und war danach einige Zeit arbeitslos. Ihr Vater war der Bildhauer Eckhart Dietz, ihre Mutter zog die Tochter alleine auf: „Ich hatte das Glück, sehr schön und sehr behütet aufwachsen zu können.“ Unmittelbar habe Politik in ihrem Elternhaus keine Rolle gespielt. Zu den Grünen sei sie gekommen, weil dort im Gegensatz zur örtlichen SPD nicht nur ältere Herren, sondern auch mehre jüngere Frauen waren: „Da hatte ich das Gefühl, dass ich hier ganz schnell mitmischen und etwas bewegen kann.“ Die Linke wäre für sie auch in Frage gekommen, allerdings spielte die Partei in Baden-Württemberg keine große Rolle.
Ricarda Lang setzt Studium der Rechtswissenschaften fort
Apropos Die Linke. Im Vorfeld zum Ortsgespräch sei Pinsdorf gefragt worden, ob Ricarda Lang nicht die Schwester von Heidi Reichinnek, der Bundesfaktionsvorsitzenden der Linken, sei? Lang verstand die Anspielung natürlich: „Als ich meinen Haarstil geändert habe und mir einen Pony habe schneiden lassen, haben einige Journalisten geschrieben ich kopiere den Stil von Heidi Reichinnek. Ich glaube aber, Frauen tragen schon viel länger einen Pony, ich schätze Heidi sehr, wir haben ein freundschaftliches Verhältnis.“ Was sie mit der 37-jährigen Linken-Politikerin verbinde, sei vor allem das schnelle Reden, zudem seien sie beide „Swifties“, also Fans von Taylor Swift.
Aktuell setzt Lang gerade ihr Studium der Rechtswissenschaften fort, das sie wegen ihrer politischen Karriere unterbrochen hatte, was ihr in der Öffentlichkeit oft viel Kritik eingebracht habe, weil sie ohne Berufsabschluss in die Politik gegangen sei: „Das war für mich immer eine Leerstelle in meinem Lebenslauf, die ich jetzt fülle.“ Offen sprach Lang auch über persönliche Angriffe und Ängste, etwa über die Anfeindungen wegen ihres damaligen Übergewichts: „Sie sehen aus wie ein Pommes-Panzer, Sie kann man doch nicht ernst nehmen“, bekam sie damals zu hören. Wenn sie in Fernseh-Talkshows gesessen habe, lief im Kopf immer der Gedanke mit, welches Wort, welcher Satz wird von den Medien aufgegriffen? Was machen die politischen Gegner daraus? Was passiert auf Social Media?: „Dadurch sind viele Politiker angstgesteuert.“
„Den Menschen im Land wieder mehr zutrauen“
Natürlich sprach Lang mit Pinsdorf auch über aktuelle politische Themen, etwa den Umgang mit der AfD und der wachsenden Politikverdrossenheit. Dass Menschen, die AfD wählen, könne sie nicht nachvollziehen: „Die Partei hat nichts zu bieten für die Leute, die sie wählen sollen.“
Selbstkritisch räumte sie ein, dass die Vertreter der demokratischen Parteien stärker zusammenhalten sollten und den Bürgern gegenüber ehrlicher sein müssten: „Wir müssen mit ihnen reden, wir dürfen nicht vor ihnen resignieren. Was wir heute Abend erleben, ist gelebte Demokratie. Wir müssen auch klarmachen, dass Demokratie kein Pizza-Lieferservice ist, sondern dass es auch dazu gehört, dass die Bürger dieses Land mitgestalten. Wenn wir wollen, dass die Menschen uns wieder mehr vertrauen, dann müssen wir endlich damit anfangen, dass wir den Menschen im Land wieder mehr zutrauen.“
Klar positionierte sich die Öko-Politikerin auch gegen die aktuelle große Koalition, bei der Klimaschutz kaum auf der Agenda steht. Für Lang ein großer Fehler: „Wenn wir uns festketten an alten fossilen Energien und Technologien, werden wir in der Welt irgendwann künftig keine große Rolle mehr spielen. Die Politik denkt viel zu kurzfristig.“
Klimaschutz kaum auf der Agenda
Sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus geopolitischen Gründen, sei es daher wichtig auf erneuerbare Energien zu setzen. Selbst in Ländern wie China, wo Umweltschutz kein großes Thema sei, setze die Regierung auf diese Technologien: „Wenn wir bei diesem Wettrennen nicht am Rand stehen wollen, müssen wir Gas, oder besser gesagt, Sonne und Wind geben. Über Sonne und Wind sind auch noch keine Kriege geführt worden, wohl aber über Öl und Gas.“
Aus dem Publikum wurde sie von einer Lehrerin gefragt, wie es gelingen könne, mehr Jugendliche für die Politik und Demokratie zu begeistern? Lang forderte, Eltern und Lehrer mit ins Boot zu holen und Demokratieförderprogramme nicht zu streichen: „Sonst verlieren wir unsere Jugendlichen an die Elon Musks und werfen sie den sozialen Medien zum Fraß hin.“
Maria Koch, Lokalpolitikerin der Bornheimer Grünen, wollte wissen, was man tun könne, um die finanzielle Situation der Kommunen zu verbessern? Bezogen auf das Sondervermögen der schwarz-roten Koalition plädierte Lang dafür, dass dieses Geld bei den Kommunen ankommen müsse, denn dort entscheide sich die demokratische Zukunft. Sie plädierte auch für das Bestellerprinzip, wer Leistungen bestellt, der müsse auch bezahlen, etwa den Rechtsanspruch auf einen Kita- oder OGS-Platz.
Das 37. Bornheimer Ortsgespräch findet statt am Freitag, 27. März, 19 Uhr im Rathaus Bornheim-Roisdorf, Rathausstraße 2. Zu Gast ist der TV-Moderator Sven Kroll (unter anderem „Hier und heute“, WDR). Der Eintritt ist frei. Vorherige Anmeldung unter E-Mail: dominik.pinsdorf@gmx.de
