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„Stayin' Alive“ in entscheidenden SekundenLaien-Reanimation wird zum Schuljahr 2026/2027 Pflicht

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Leen und Carolin (l.) gehören zum Schulsanitätsteam des Gymnasium Alfter und zeigen, wie Herzdruckmassage funktioniert.

Leen und Carolin (l.) gehören zum Schulsanitätsteam des Gymnasium Alfter und zeigen, wie Herzdruckmassage funktioniert.

Laien-Reanimation wird in Nordrhein-Westfalen zum Schuljahr 2026/2027 Pflicht – So laufen die Vorbereitungen an den Schulen in der Region.

Mehr als 10.000 Menschenleben könnten jedes Jahr in Deutschland gerettet werden, wenn bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sofort mit der Reanimation begonnen würde. Diese Zahl gibt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit an. Ob im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz oder in den eigenen vier Wänden: Jeder könne zum Lebensretter werden, ist Ministerpräsident Hendrik Wüst überzeugt. Wie das geht, will gelernt sein – und zwar schon in der Schule.

Ab dem Schuljahr 2026/2027 sollen Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I deshalb Laienreanimation üben, nach dem Schema „Prüfen – Rufen – Drücken“. Dass Reanimationsunterricht an NRW-Schulen verpflichtend wird, teilte das Ministerium für Schule und Bildung im Juli 2025 mit. Die Rundschau hat nachgefragt, wie es um die Vorbereitungen steht.

Jede Schule bekommt 10 Dummys

Die Vorbereitungen liefen „gut“, heißt es aus dem nordrhein-westfälischen Schulministerium. Zum 1. August sei eine Geschäftsstelle bei der Bezirksregierung Köln eingerichtet worden, im September habe man landesweit mit den ersten Schulungen von Lehrkräften begonnen. Alle rund 2100 Schulen mit Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen sollen spätestens im Laufe des Schuljahres 2026/2027 über zehn Reanimationsphantome – also Dummys, an denen das Wiederbeleben geübt werden kann – sowie zwei geschulte Lehrkräfte verfügen, die den Reanimationsunterricht an ihrer Schule abhalten werden.

Rund 8100 Dummys befänden sich bereits im Bestand der Schulen, teilte ein Sprecher des Schulministeriums auf Anfrage mit: „Die zusätzlich benötigten Phantome werden vom Land sowie von Projektpartnern finanziert oder bereitgestellt.“ Die Ausstattung der Schulen habe bereits begonnen und werde voraussichtlich im Laufe des Schuljahres 2026/27 abgeschlossen.

Lehrkräfte sind als Multiplikatoren

Zwei Lehrkräfte pro Schule erhalten eine Schulung und können auf Lehrvideos und Unterrichtsmaterialien zurückgreifen, um wiederum Schülerinnen und Schüler darin zu unterrichten. Einmal in den Klassen 7, 8 oder 9 soll jede Schülerin und jeder Schüler 90 Minuten Reanimationsunterricht erhalten. So lernen sie, im medizinischen Notfall richtig zu handeln. Ministerpräsident Wüst: „Solche Kompetenzen weiterzugeben, ist Teil unseres Bildungs- und Erziehungsauftrags.“ Schulministerin Dorothee Feller hebt hervor: „Wir wollen, dass ‚Prüfen – Rufen – Drücken‘ so selbstverständlich wird wie Fahrradfahren.“

Dabei arbeite das Schulministerium mit zahlreichen Partnern zusammen: Die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe, der Deutscher Rat für Wiederbelebung, das Deutsche Rote Kreuz, die Unfallkasse NRW sowie viele mehr würden fachliche und personelle Unterstützung leisten, die Stiftungen ADAC-, Björn-Steiger- und die Deutsche Herzstiftung unterstützten das Projekt finanziell. Professor Dr. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, erklärte: „Dass die Wiederbelebung jetzt ein fester Bestandteil des Schulunterrichts in Nordrhein-Westfalen wird, ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Laien-Reanimationsquote in der Bevölkerung.“ Und wie laufen die Vorbereitungen an Schulen im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis?

Wachtberg

Im Mai 2025 habe das Ministerium eine Abfrage per Mail geschickt, ob die Hans-Dietrich-Genscher-Schule in Wachtberg bereits Reanimationsphantome besitze. Seitdem habe Schulleiter Hendrik Heimbach allerdings nichts mehr gehört. Er begrüße, dass Schülerinnen und Schüler Laienreanimation lernen sollen: „Das ist sinnvoll und gut.“

Er sowie das gesamte Kollegium nähmen regelmäßig an Erste Hilfe-Kursen teil. Auch mit dem Schulsanitätsdienst sei die Hauptschule gut aufgestellt: Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 10 wechseln sich bei den fest eingeteilten Diensten ab. Der verpflichtende Reanimationsunterricht fordere aber auch Zeit und Personal, weiß Heimbach. Sowohl in der Umsetzung als auch in der Vorbereitung.

Rheinbach

Seit der Ankündigung durch das Schulministerium im Juli 2025, dass der Reanimationsunterricht verpflichtend wird, hat auch Stefan Schwarzer, Schulleiter des Städtischen Gymnasiums Rheinbach, keine weiteren Informationen erhalten. Das Ministerium habe das bestimmt gut im Griff, vermutet er: „Wir sind wohl einfach noch nicht dran.“ Bis zum Schuljahr 2026/2027 sei noch Zeit, für Schwarzer also kein Grund, nervös zu werden. „Das ist ein gutes Projekt“, ist Schwarzer überzeugt.

Die 90 Minuten Reanimationsunterricht in den Lehrplan zu integrieren, werde am Städtischen Gymnasium ganz einfach, versichert Schwarze: „Im Rahmen eines Projekttages zum Beispiel.“ Nun wartet er auf die Information, wann Lehrkräfte seiner Schule geschult werden. Einen möglichen Kandidaten hat er dafür bereits im Kopf: „Vermutlich wird das die Lehrkraft sein, die auch für den Schulsanitätsdienst zuständig ist.“ Darüber, keine weiteren Interessenten zu finden, macht Schwarzer sich keine Sorgen: „Das Kollegium ist so engagiert.“

Das ist ein gutes Projekt. Die vom Land vorgesehenen 90 Minuten Reanimationsunterricht können bei uns zum Beispiel mit im Rahmen eines Projekttages in den Lehrplan integriert werden.
Stefan Schwarzer, Städt. Gymnasium Rheinbach

Das Vorhaben, Schülerinnen und Schüler in Reanimation auszubilden, sei von gesamtgesellschaftlichem Interesse – und genauso sei das Projekt schließlich gedacht – aber weniger von schulischem, so Schwarzer. Schließlich gebe es den Schulsanitätsdienst, der am Städtischen Gymnasium „ganz hervorragend“ laufe. Das „Sani-Team“ habe Reanimieren an geliehenen Dummys vom Deutschen Roten Kreuz geübt. Wann das Städtische Gymnasium Rheinbach eigene Dummys bekommt? Auf die Info wartet Schwarzer geduldig. Aus dem NRW-Schulministerium heißt es: Die Schulen im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis „werden rechtzeitig alle Informationen und Unterstützungsangebote erhalten.“

Alfter

Anders sieht es am Gymnasium Alfter aus: Bereits im vergangenen Schuljahr hat es an der Schule, die erst 2023 eröffnet hat, für alle sechsten Klassen eine Unterweisung in Laienreanimation gegeben. „Damit kann man gar nicht früh genug anfangen“, findet Schulleiter Sebastian Muders. Schließlich sehe er, wie verantwortungsbewusst der Schulsanitätsdienst mit seiner Aufgabe umgehe – obwohl die Schülerinnen und Schüler in den Jahrgängen 5 bis 7 noch so jung seien. Die „Schul-Sanis“ teilen die Pausendienste untereinander auf und „gehen mit kleineren Verletzungen selbstbewusst um“, erzählt Muders.

An diesem Tag haben die Schülersanitäterinnen Leen und Carolin Schicht und verbringen ihre Pause demnach im Sanitätsraum – für den Fall, dass sich einer ihrer Mitschüler verletzen sollte. Das Team besteht aus zehn Schülerinnen und Schülern, die an einem Samstag Erste Hilfe gelernt haben: Verbände anlegen, stabile Seitenlage, Heimlich Manöver – das bei Erstickungsgefahr lebensrettend sein kann – und eben auch Reanimieren. „Das ist gar nicht gruselig oder schwierig, nur ungewohnt beim ersten Mal“, erzählt Leen: „Den Dreh hat man schnell raus.“ Jeden Dienstag trifft sich das „Sani-Team“, um gemeinsam zu üben.

Das Gymnasium Alfter besitzt bereits zehn Reanimationsphantome.

Das Gymnasium Alfter besitzt bereits zehn Reanimationsphantome.

Lange bevor klar war, dass Reanimationsunterricht Pflicht wird, hat das Gymnasium Alfter zehn Reanimationsphantome bei der Bezirksregierung Köln bestellt und auch erhalten. „So können wir mit einer ganzen Klasse Reanimieren üben“, sagt Biologielehrer Andreas Paffenholz, der den Schulsanitätsdienst betreut. Die Schulaula bietet ausreichend Platz dafür. Über die Musikanlage laufen dann Lieder, die den richtigen Rhythmus für die Herzdruckmassage vorgeben: „Stayin' Alive“, „Atemlos durch die Nacht“, „Highway to Hell“ – klingt makaber, hilft aber. Qualifiziert ist Paffenholz, da er eine Schulung des Deutschen Rates für Wiederbelebung besucht hat, noch bevor die Bezirksregierung Köln Fortbildungen für Lehrkräfte anbot.

Er ist froh darüber, dass es die Laienreanimation an die Schule geschafft hat: „Das ist ein so wichtiges Thema.“ Zuletzt hatte Paffenholz das Reanimieren an den Biologieunterricht angeschlossen. Die Schülerinnen und Schüler lernten zuerst das Herzkreislaufsystem kennen, und mit diesem Vorwissen wurde die Wiederbelebungsmaßnahme dann schnell klar. „Es geht darum, Hemmungen abzubauen“, erklärt Paffenholz: „Dieses ‚Bevor ich etwas falsch mache, machte ich lieber gar nichts‘ ist ganz falsch.“ Das, was vielen Angst mache, sei die Mund-zu-Mund-Beatmung. Auf die werde aber in der Ersten Hilfe mittlerweile sowieso verzichtet: Der Rettungsdienst sei schnell vor Ort und solange käme das Gehirn auch ohne Sauerstoff aus.

Die verpflichtende Einführung des Reanimationsunterrichts sieht auch Schulleiter Muders durchweg positiv. „So werden Schülerinnen und Schüler schon früh in die Verantwortung genommen, ohne sie alleine zu lassen.“ Den nächsten Kurs in Laienreanimation wird es am Gymnasium Alfter nicht erst im 2026/2027 geben, sondern noch im laufenden Schuljahr, so Sebastian Muders. Sein Ziel sei, dass alle Schülerinnen und Schüler sowie das gesamte Lehrerkollegium Reanimieren lernen: „Jeder an dieser Schule soll das können!“

Bornheim

Für die Ursulinenschule in Hersel wurden Reanimationsphantome bestellt. Laut Dr. Carsten Oerder, dem Schulleiter des Gymnasiums, könne es losgehen, sobald diese geliefert werden. In Absprache mit der Bezirksregierung Köln könne Oerder sich vorstellen, eine eigene Fortbildung für Lehrkräfte desselben Schulträgers anzubieten – mit einem Kooperationspartner wie dem Malteser Hilfsdienst. Schließlich seien die Schulungen des Ministeriums „dünn gesät“ und heiß begehrt, da schließlich alle NRW-Schulen ihre Lehrkräfte schulen wollten.

Sollte Oerder von der Bezirksregierung nichts Gegenteiliges hören, möchte er mit der Planung beginnen, sobald die Dummys da sind. Die erste Unterweisung in Laienreanimation könne dann vielleicht noch im laufenden Schuljahr stattfinden.

Ob die Ursulinenschule als erzbischöfliche Schule überhaupt verpflichtet ist, Reanimationsunterricht anzubieten, hat Oerder nicht in Frage gestellt: „Unser Schulträger nimmt das sehr ernst, wir machen natürlich mit.“ Solche Projekte umzusetzen, sei nie ganz einfach für die Schulen, und auch das nordrhein-westfälische Schulministerium habe viel Arbeit investiert, den Reanimationsunterricht auf den Weg zu bringen. Dass Schülerinnen und Schüler Reanimieren lernen, sei sinnvoll und schon allein deshalb machbar. „Es ist eine super Sache, dass sich die Fähigkeiten potenzieren.“