Auch Landrat Markus Ramers zeigt sich nach dem Aus für die ambulante Pflege der Diakonie Euskirchen betroffen. Andere Unternehmen wollen Unterstützung prüfen.
399 Menschen betroffenSo reagiert die Pflege auf die Hiobsbotschaft der Diakonie Euskirchen

Die Diakonie Bonn und Region schließt spätestens zum 31. März 2026 ihre ambulante Pflege im Nordkreis Euskirchen.
Copyright: Johannes Bühl
Die Diakonie-Station Euskirchen zieht sich bis Ende März aus der ambulanten Pflege zurück. Diese Entscheidung gab am Donnerstag die Diakonie für Bonn und die Region bekannt, in die die vorher selbstständige Diakonie Euskirchen 2025 eingegliedert worden war.
Von der Schließung der Station für ambulante Pflege sind 399 Menschen vorrangig im nördlichen Teil des Kreises Euskirchen betroffen, wie Andrea Elsmann und Tobias Köhler von der Geschäftsleitung der Diakonie dieser Zeitung erklärten. Für die Betroffenen und ihre Familien kommt die Nachricht einer Hiobsbotschaft gleich.
Zahlreiche Pflegekräfte haben zum 31. März gekündigt
Ausschlaggebend für diesen Schritt, den man mit großem Bedauern vollziehe, sei zum einen ein großer Personalmangel bei den Pflegekräften, erklärte die Geschäftsleitung. Er ist hauptsächlich auf Kündigungen aus den Reihen des Personals zurückzuführen, die überwiegend im Dezember eingegangen waren. Sie werden zum 31. März wirksam. Das Pflegeteam der Diakonie-Station hat 15 Vollzeitstellen, von denen dann neun durch die Kündigungen nicht mehr besetzt sein werden.
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Zum anderen ist nach Köhlers Angaben die Stelle der Pflegedienstleitung seit Oktober verwaist. Die stellvertretende Leitung habe ebenfalls zum 31. März gekündigt. Neubesetzungen für die Leitungsebene und beim Pflegefachpersonal habe man nicht in Aussicht, Ausschreibungen seien erfolglos verlaufen.
Wir erwarten, dass uns der Dienst untersagt wird.
Diese Entwicklung hat massive Folgen: „Wir erwarten für die nächsten Tage von den Pflegekassen den förmlichen Hinweis, dass wir die Voraussetzungen nach dem Sozialgesetzbuch XI und die Versorgungsverträge nicht mehr erfüllen können. Daraus folgt die Untersagung des Betriebs“, sagte Köhler. Für den Betrieb einer Pflegediensteinrichtung sei es zwingend vorgeschrieben, dass die Leitungsstellen besetzt seien. Abweichungen wie im Euskirchener Fall würden nur eine gewisse Zeit geduldet.
Der diakonische Spitzenverband, den man hinzugezogen habe, habe zur Schließung der Station geraten, erklärte der Geschäftsführer. Über das Aus wolle man transparent informieren, sagte Köhler in einer Pressekonferenz in Euskirchen. Daran nahmen auch die Bereichsleiterin für Gesundheit und Pflege, Sonja Freyer, Diakonie-Sprecherin Andrea Hillebrand und Claudia Müller-Bück teil, Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Bad Godesberg – Voreifel, der mit dem Kirchenkreis Bonn Gesellschafter der Diakonie Bonn und Umgebung ist.
Die Arbeitsverträge derjenigen Pflegekräfte, die nicht gekündigt haben, bleiben bestehen
„Je zeitiger die Entwicklung bekannt wird, desto größer ist die Chance, dass für unsere Kundinnen und Kunden eine Anschlussversorgung gefunden wird“, erklärte Köhler den Schritt an die Öffentlichkeit.
Elsmann sagte, über die konkreten Gründe für die Kündigungen von rund zwei Dritteln der Fachkräfte in einem kurzen Zeitraum sei sie nicht im Bilde. Die Arbeitsverträge derjenigen Pflegekräfte, die nicht gekündigt haben, blieben bestehen. Sie könnten in anderen Bereichen der Diakonie in Euskirchen eingesetzt werden oder nach Bonn wechseln.
Wäre es denkbar, die Diakonie-Stationen Bonn und Euskirchen zusammenzulegen, um Angebote im Kreis Euskirchen aufrechtzuerhalten? „Nein, das ist nicht zulässig“, fügte Elsmann auf Anfrage hinzu.
Wir tun alles, was uns möglich ist, um die Menschen, die Pflege benötigen, bei der Suche nach einer Alternative zu unterstützen.
„Wir tun alles, was uns möglich ist, um die Menschen, die Pflege benötigen, bei der Suche nach einer Alternative zu unterstützen“, erklärte sie weiter. Superintendentin Müller-Bück sagte, sie sei schockiert und traurig darüber, „dass wir als Diakonie, was die ambulante Pflege betrifft, nicht weiter unterstützen können“. Es gehöre ja zu den ureigenen Aufgaben der Diakonie, Menschen, die Hilfe bräuchten, zur Seite zu stehen. Die Schließung sei umso bitterer, „als wir mit der Eingliederung der Diakonie Euskirchen die ambulante Pflege auf sicherere Füße stellen wollten“.
Müller-Bück leitet als Superintendentin den Kirchenkreis Bad Godesberg – Voreifel, der mit dem Kirchenkreis Bonn Gesellschafter der Diakonie für Bonn und die Region ist.
Elsmann sagte, die ambulante Pflege leide wie kaum eine andere Branche unter Fachkräftemangel. „Und das schon seit Jahren“, ergänzte Bereichsleiterin Sonja Freyer. Ohne eine umfassende Pflegereform werde sich der Trend fortsetzen.
Die Pflege im Kreis steht vor einer Mammutaufgabe
Das Aus für die ambulante Pflegestation der Diakonie Euskirchen ist ein Nackenschlag für die ohnehin angespannte Pflegesituation im Kreis Euskirchen – und glaubt man den Fachleuten, wird die Lage in den kommenden Jahren noch schwieriger.
„Schon heute wissen wir, dass allein in der Altenpflege bis zum Jahr 2045 rund 1200 Pflegekräfte im Kreis fehlen werden – und das nur, um den derzeitigen Standard zu halten“, sagte Birgit Wonneberger-Wrede, Geschäftsbereichsleiterin Gesundheit und Soziales beim Kreis Euskirchen, Ende November im Gespräch mit der Redaktion: „Die Krankenpflege ist dabei noch gar nicht eingerechnet.“ Auch hier rechnet der Kreis mit einem Fehlbedarf von mehr als 1000 Kräften.
Hinzu kommt, dass in den nächsten 20 Jahren elf weitere Senioreneinrichtungen mit jeweils mindestens 80 Plätzen benötigt werden. „Und damit halten wir lediglich das Niveau, das im Kreis Euskirchen ohnehin nur als Mindeststandard bezeichnet werden kann“, betonte Wonneberger-Wrede.
Im Kreis Euskirchen gibt es 38 ambulante Pflegedienste
Aktuell gibt es im Kreisgebiet – inklusive der Diakonie – 38 ambulante Pflegedienste sowie vier weitere, die auf Intensivpflege spezialisiert sind. Die Verteilung zeigt ein unterschiedliches Bild: In Bad Münstereifel gibt es vier ambulante Dienste, in Blankenheim und Dahlem jeweils einen, in der Kernstadt Euskirchen sieben und in den Ortsteilen acht. Kall verfügt über drei, Mechernich über vier, Nettersheim über einen, Schleiden und Weilerswist über jeweils zwei und Zülpich über fünf Pflegeteams. Eine Übersicht über freie Kapazitäten hat die Kreisverwaltung allerdings nicht, da sie für die ambulanten Dienste nicht zuständig ist – anders als bei den stationären Einrichtungen.
Nach dem angekündigten Rückzug der Diakonie hat sich das ambulante Pflegeteam Stern aus Euskirchen unmittelbar gemeldet und Unterstützung angeboten. Geschäftsführer Johann Gergert betont, dass es ihm nicht darum gehe, Mitarbeitende oder Patientinnen und Patienten abzuwerben.
Unternehmen aus Euskirchen prüft, ob Klienten aufgenommen werden können
„Mir ist wichtig, die große Bedeutung der Pflegekräfte sichtbar zu machen. Sie leisten tagtäglich eine verantwortungsvolle und sehr wertvolle Arbeit an Menschen, die in hohem Maße auf diese Unterstützung angewiesen sind“, so Gergert. Gleichzeitig sei Offenheit selbstverständlich: „Wir prüfen verantwortungsvoll, ob eine Aufnahme möglich ist, und freuen uns über Fachkräfte, die nicht nur einen Arbeitsplatz suchen, sondern Lust haben, Verantwortung zu übernehmen und etwas aufzubauen.“
Auch das Kreiskrankenhaus Mechernich zeigt sich hilfsbereit. Geschäftsführer Martin Milde erklärt, dass sowohl Klientinnen und Klienten als auch Pflegekräfte Unterstützung finden können. „Wir können anbieten, dass wir das, was in unserer Macht steht, auch wirklich tun“, sagt Milde.
Dass die Diakonie-Station Euskirchen ihre ambulante Pflege bis spätestens Ende März beendet, bewegt mich sehr.
Verweisen könne man insbesondere auf die Sozialstation der Vivant-Gruppe in Euskirchen, die unter dem Dach des Kreiskrankenhauses arbeitet. „Wer Unterstützung braucht, kann sich dorthin wenden. Wir prüfen dann, wo wir helfen können.“ Ganz auffangen lasse sich der Ausfall eines ambulanten Dienstes aber nicht. „Unsere Kapazitäten sind begrenzt. Doch was wir tun können, das tun wir.“
Für Landrat Markus Ramers ist die Nachricht ein Alarmsignal. „Dass die Diakonie-Station Euskirchen ihre ambulante Pflege bis spätestens Ende März beendet, bewegt mich sehr. Für rund 400 pflegebedürftige Menschen – und ihre Angehörigen – bedeutet das große Verunsicherung und die Sorge, wie es jetzt weitergeht.“
Landrat: Entwicklung zeigt, wie angespannt die Lage ist
Die Entwicklung zeige einmal mehr, wie angespannt die Lage in der Pflege insgesamt sei. Der Fachkräftemangel treffe ambulante Dienste ebenso wie Krankenhäuser und stationäre Einrichtungen. „Demografischer Wandel, steigender Bedarf und immer weniger Personal bringen das System vielerorts an seine Grenzen. Hier braucht es bessere Rahmenbedingungen, Entlastung und eine verlässliche Finanzierung“, so Ramers.
Die Kreisverwaltung arbeitet gemeinsam mit Einrichtungen und Partnern an Lösungen, etwa durch ein Programm zur Gewinnung von Pflegekräften aus Indien. Die ersten 16 Fachkräfte sind bereits im Kreisgebiet angekommen und in fünf Einrichtungen tätig. „Dieses Engagement kann ein wichtiger Baustein sein“, sagt der Landrat: „Es ersetzt aber nicht die dringend nötigen strukturellen Verbesserungen in der Pflege.“


