Die Wiener Autorin Vea Kaiser las bei der Lit.Eifel in der Heimbacher Burg Hengebach: Ihr jüngster Roman sei ein politisches Buch, sagte sie.
Lesung in HeimbachVea Kaiser plauderte mit scharfem Blick auf die Welt und Wiener Schmäh

Unterstützt von der Journalistin Claudia Hoffmann, berichtete die Autorin Vea Kaiser (r.) über ihr Buch „Fabula Rasa“.
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Lesung? Wenn damit ein mehr oder minder lesebegabter Autor gemeint ist, der nuschelnd Teile seines neuesten Werkes der geneigten Leserschaft zu Gehör bringt, um hinterher noch ein paar Bücher zu signieren, dann trifft das auf keinen Fall auf Vea Kaiser zu. Denn das, was die Wiener Autorin am Freitagabend in der Burg Hengebach in Heimbach bei einer Veranstaltung der Lit.Eifel präsentierte, hatte mit einem derartigen Format recht wenig zu tun.
Mehr als 90 Minuten plauderte die 37-Jährige beredt, pointiert, belesen, mit einem scharfen Blick auf die Welt und viel „Wiener Schmäh“ über ihr Buch, über Hotels, Bücherschreiben mit kleinen Kindern, die Wiener Gesellschaft und vor allem über die gesellschaftliche Situation von Frauen. Nur zwei kurze Textstellen präsentierte sie den rund 40 Zuhörern.
In Vea Kaisers Buch geht es um einen Betrug im Grand Hotel
Schließlich ist ihr neuer Roman „Fabula Rasa oder: Die Königin des Grand Hotels“ mehr als nur ein unterhaltsames Buch über eine gewitzte Betrügerin. Er ist eine ausgefeilte Satire, die mehr gesellschaftliche Abgründe beschreibt, als die meisten Rezensenten hinter der humorvollen Sprache entdecken. „Es ist ein Buch über Ungleichheit. Es ist ein politisches Buch“, sagte Kaiser dann auch zum Abschluss ihrer Lit.Eifel-Lesung.
Denn ihre Protagonistin Angelika Moser hinterzieht nicht aus purer Gier über viele Jahre insgesamt 3,3 Millionen Euro bei ihrem Arbeitgeber, dem Grand Hotel Frohner. Zuerst ist es die pure elementare Not, um die Betreuung ihres Sohnes als alleinerziehende Mutter sicherstellen zu können. Dann, auch weil es als Buchhalterin so einfach ist, nutzt sie es, um diesem ein gutes Leben bieten zu können.
Natürlich wird es ihr einfach gemacht. Nicht nur, dass sie als Chefbuchhalterin des Grand Hotels an der Quelle sitzt, immer wieder wird sie von der Leitungsetage dazu aufgefordert, die Bücher dem Geschäftsgebaren der Eigentümerfamilie anzupassen, die auch schon mal die Hochzeit des designierten Erben des Hotels von dem Unternehmen bezahlen lässt.
Ein realer Fall lieferte die Inspiration
Inspiriert worden sei sie von einem realen Fall, der sich fast deckungsgleich in dem berühmten Grand Hotel Sacher abspielte. Dort waren es vier Millionen Euro, die die Chefbuchhalterin über zehn Jahre hinweg auf ihr eigenes Konto überwiesen hatte. Drei Jahre Gefängnis, davon zwei auf Bewährung, waren die Quittung eines Wiener Gerichts dafür. Doch darin erschöpfen sich die Parallelen auch fast, denn mit der Täterin zu sprechen, sei nicht möglich gewesen, sagte Kaiser: „Sie ist unauffindbar.“
Weibliche Betrüger würden im Gegensatz zu männlichen meist von der Bildfläche verschwinden. „Uli Hoeneß hätte anders gehandelt, wenn er Ulrike Hoeneß geheißen hätte“, postulierte sie. Frauen würden anders als Männer reagieren, wenn sie etwas falsch gemacht hätten. Von ihnen werde erwartet, sie seien rechtschaffen und ehrlich. So gebe es auch kein weibliches Pendant zu dem Begriff „Kavaliersdelikt“.
Es gibt so wahnsinnig viele, tolle Autorinnen, die ein Buch geschrieben haben, Kinder bekommen, und dann hörte man nie wieder was von ihnen.
Und während Uli Hoeneß nach seiner Haft im Stadion mit Applaus begrüßt werde und Alfons Schuhbeck noch im Gefängnis die nächsten Restaurants plane, würden Frauen einfach verschwinden. So machte Kaiser aus der Not eine Tugend und erdachte sich die Gespräche, die ihr Alter Ego im Roman mit der Täterin führt. Ungleichheit sei wahrscheinlich das Hauptthema ihres Buches. „Angelika stellt im Laufe ihrer Geschichte fest, dass die Welt einfach anders ist für Frauen“, sagte sie.
Viel erfuhr das Publikum auch über Vea Kaiser selbst, und wie es ihr gelungen war, zwei Babys auf die Welt zu bringen und noch einen erfolgreichen Roman zu verfassen. Doch auch da machte sie auf die Unterschiede zu ihren männlichen Schriftstellerkollegen aufmerksam. „Es gibt so wahnsinnig viele, tolle Autorinnen, die ein Buch geschrieben haben, Kinder bekommen, und dann hörte man nie wieder was von ihnen.“ So sei ein Autor im Radio in ein dreimonatiges Stipendium nach Thailand verabschiedet worden, wo er sein neues Buch schreibe.
Die Autorin zog das Publikum in ihren Bann
Sie kenne den Kollegen, der habe drei Kinder im Alter von fünf, sieben und neun Jahren. Wo würden die bleiben? Dessen Frau werde nicht einmal erwähnt, monierte sie und berichtete von einer Lesung, wo sie von der Veranstalterin begrüßt worden sei mit der Frage, wo denn ihr Baby sei. „Mein Gedanke war nur, das würde mir nicht passieren, wenn ich der Vater wäre“, gestand Kaiser. Gesagt aber habe sie, dass sie das Kind im Auto gelassen habe.
Mit der Erfahrung aus nach eigener Aussage mehr als 600 Lesungen, die sie seit dem Erscheinen ihres Debütromans „Blasmusikpop“ 2012 gehalten habe, zog Kaiser das Publikum im Pallas der Burg inklusive der Moderatorin Claudia Hoffmann in ihren Bann.
Souverän plauderte sie über Hotels, die Betrüger nur so anzögen, kolportierte Anekdoten und Geschichten und spießte immer wieder mit süffisanter Wiener Eleganz die Abgründe der Gesellschaft auf. „Der Wiener Schmäh entwickelte sich aus der Zensur der Herrschaft der Habsburger“, erklärte sie. Urvater dieser Art der Satire, mit der die Gesellschaftskritik an der Zensur vorbeigebracht worden sei, sei Johann Nestroy, dessen Werke in Österreich in der Schule gelesen würden.
Dass die satirische Komponente ihrer Bücher selten in den Vordergrund gestellt werde, lasse sie kalt, bekannte sie. „Da ich 2024 den Jonathan-Swift-Preis für humoristische und satirische Literatur bekommen hab, sehe ich das tatsächlich genug gewürdigt. Das war so eine große Ehre, die reicht für die nächsten zehn Jahre.“
