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Bitte nicht stören!Schwarzstörche im Kreis Euskirchen brauchen Ruhe beim Brüten

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Ein Schwarzstorch fliegt über eine Wiese, durch die sich ein Bach schlängelt.

Wo sich noch kleine Bäche durch die Eifelwiesen schlängeln, findet der Schwarzstorch Nahrung.

Zehn bis 15 Brutreviere des Schwarzstorches gibt es im Kreis Euskirchen. Der Lebensraum der Vögel wird immer mehr beschnitten.

Es war eine zauberhafte Begegnung. Zögernd stakste der große schwarze Vogel durch den Wald, verschwand zwischen den Bäumen. Ein Schwarzstorch, selten und scheu, hat den Weg gekreuzt. Gut möglich, dass dieses Exemplar nicht ganz so scheu war, wie es eigentlich seine Art sein sollte.

Vielleicht war es Storchi: So heißt nämlich ein Schwarzstorch, der seit Jahren in Schwerfen lebt und längst an Menschen gewöhnt ist. Egal, beeindruckend war der große Vogel trotzdem. Im Gegensatz zu seinem Verwandten, dem Weißstorch, der kein Problem mit Menschen hat und auf Hausdächern mitten im Ort brütet, braucht der Schwarzstorch Ruhe. Die sucht er im Wald – und findet sie immer seltener.

Ein Schwarzstorch steht an einem Gewässer.

Grün und violett schimmert das schwarze Gefieder. Eine Wildkamera hat dieses Exemplar aufgenommen.

Ausgedehnte Waldgebiete mit großen, alten Bäumen und kleinen Tümpeln, das ist sein eigentliches Brutbiotop. Wenn er dann noch in der Nähe kleine, naturbelassenen Bäche findet, in denen er Fische und kleinere Wassertiere fangen kann, ist seine Welt in Ordnung.

„Abgeschiedene Täler haben wir hier kaum noch“, beklagt Marion Zöller, Vorsitzende des Naturschutzbundes im Kreis Euskirchen: „Und langsam werden auch die Brutbäume knapp.“ Der Nabu, die Biologische Station und die Eifelstiftung machen sich gemeinsam dafür stark, dass der Schwarzstorch nicht aus der Eifel verschwindet, auch wenn sein Lebensraum immer enger wird.

Ein Projekt ist zeitlich befristet, aber diese Aufgabe wird nicht zu Ende sein.
Bernd Hellgardt

Im Schwarzstorchprojekt (siehe: Begegnungen sollte man melden) werden Sichtungen der großen Vögel gesammelt und ausgewertet, um einen Überblick über den Bestand und seine Entwicklung zu gewinnen. Stiftungsvorstand Bernd Hellgardt spricht mittlerweile nicht mehr vom Schwarzstorchprojekt, sondern vom Schutzprogramm: „Ein Projekt ist zeitlich befristet, aber diese Aufgabe wird nicht zu Ende sein.“

Wie viele Schwarzstörche es tatsächlich im Kreis Euskirchen gibt, kann nicht einmal Jan-Roeland Vos sagen. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter der Biostation kümmert sich seit neun Jahren um die Population. Die Zahl der Brutreviere schwanke zwischen 10 und 15, berichtet er. Wie viele davon in diesem Jahr besetzt sind, ist ungewiss. Es ist ein ganzes Bündel von Ursachen, warum es der Schwarzstorch schwer hat. Und so ziemlich immer steckt der Mensch dahinter.

Das Schwarzstorchpaar kehrt alljährlich zu seinem Horst zurück

Die großen Buchen und Eichen, die als Nistbäume beliebt sind, werden immer weniger. Oft sind sie – als Folge der immer längeren Trockenheit – nicht mehr stabil. Das Schwarzstorchpaar kehrt alljährlich zu seinem Horst zurück und stockt ihn auf. Da kann es passieren, dass der angegriffene Baum das Gewicht nicht mehr tragen kann und das Nest samt Gelege oder Jungvögeln abstürzt.

Alte Teiche verlanden, Feuchtwiesen werden trockengelegt, kleine Fließgewässer, einst Kinderstube der Bachforelle, verschwinden. Es gibt immer weniger Amphibien, auch weil Neubaugebiete deren Lebensraum beschneiden.

Viele Gefahren lauern auf der großen Reise

Dazu lauern alle möglichen Gefahren vor allem auf die Jungstörche. Marder, Greifvögel und Waschbären haben Appetit auf Eier und Vogelküken. Wenn die es schaffen, flügge zu werden, treten sie die lange Reise nach Afrika an, mit erheblichen Risiken durch tierische und menschliche Jäger. Denn: Wer hungert, der brät sich notfalls auch einen Storch.

Nur ein geringer Teil der Jungtiere kehre von der großen Reise zurück, sagt Vos. Das wisse man aus Zählungen bei beringten Schwarzstörchen. Bei zwei bis drei Eiern pro Brut und drei Jahren bis zur Geschlechtsreife steht es nicht gut um die Reproduktion. „Deshalb ist eine erfolgreiche Brut so wichtig“, sagt Jan-Roeland Vos.

Stiftung will Lebensraum sichern

Bernd Hellgardt benennt ein weiteres menschengemachtes Risiko: die Windräder. Er beklagt, dass der Schwarzstorch offiziell von der Liste der kollisionsgefährdeten Vögel genommen worden sei. Die Stiftung, der er vorsteht, versucht Flächen zu kaufen, um dem Schwarzstorch Lebensraum und Nahrungsbiotope zu sichern.

Wald zu erwerben sei allerdings schwierig. In Rheinland-Pfalz habe die Eifelstiftung deshalb mit einer Kommune einen Nutzungsverzicht für eine Fläche vereinbart. Wirklich ungestörte Stellen finden die Schwarzstörche kaum noch. Weil Menschen in den Wäldern wandern, radfahren, Bäume fällen. „Und natürlich haben die Leute ein Recht dazu“, betont Marion Zöller.

Dennoch appelliert sie wie ihre Mitstreiter, Rücksicht auf den Schwarzstorch zu nehmen. „Schon eine Störung am Nest kann dazu führen, dass die Elterntiere nicht zurückkommen“, sagt Jan-Roeland Vos. „Vielleicht muss man nicht auf jedem abgelegenen Pfad wandern und durch jedes einsame Tal fahren“, plädiert Zöller an alle Menschen, die im Wald Erholung suchen.

Wer im Auto unterwegs sei und auf einer Wiese einen Schwarzstorch bei der Nahrungssuche sehe, solle lieber nicht anhalten. Und vor allem nicht das Fenster öffnen, um ein besseres Handyfoto zu bekommen. Schwarzstörche haben eine Fluchtdistanz von bis zu 200 Metern. Und jedes Mal, wenn sie auffliegen, verbrauchen sie viel Energie. Energie, die ihnen fehlt, weil sie zu wenig Futter finden.


Begegnungen sollte man melden

Seit 2018 sammelt die Eifelstiftung Meldungen über Sichtungen von Schwarzstörchen. „Wir haben fast 250 feste Melder“, sagt Stiftungsvorstand Bernd Hellgardt. Nicht zuletzt deren Einsatz sei es zu verdanken, dass im vergangenen Jahr rund 500 Sichtungen registriert worden seien. Der Naturschutzbund (Nabu) Kreis Euskirchen hat das Projekt auf die Schiene gesetzt. Ziel ist nicht nur, Informationen zu den Schwarzstörchen, die in der Eifel leben, zu bündeln, sondern auch Experten zusammenzuführen und mit anderen Naturschutzverbänden zusammenzuarbeiten.

Flächen, wie sie der Schwarzstorch zum Überleben braucht, sollen gesichert werden. Ziel ist es, durch die größtmögliche Erfassung sämtlicher Daten zum Schwarzstorch frühzeitig auf Populationseinbrüche, Störungen, Habitatverluste, Nahrungsknappheit durch starke Dürre reagieren zu können, heißt es vom Nabu.

Deshalb ist das Schwarzstorchprojekt darauf angewiesen, dass möglichst viele Beobachtungen dokumentiert werden. Sowohl über die Homepage der Eifelstiftung als auch über die des Nabu gelangt man zu einem Online-Formular, in die Sichtungen eingetragen werden können. (uj)