Abo

Luft als flüchtiges MediumAusstellung im Kunstforum Eifel in Gemünd zeigt 160 Arbeiten

5 min
Eine Frau zeigt auf ein Bild mit einer Figur, die einen Helm mit Propeller trägt.

Kuratorin Rena Voss mit Tom Kreys heiterem „Ikarus Schmitz – Luftikus“.

Bis zum 7. November dreht sich im Kunstforum Eifel in Gemünd alles um die Luft. 60 Künstler aus Eifel und Rheinland zeigen ihre Arbeiten.

„Von Atemzug zu Atmosphäre“: Um Luft geht es in der vierten „Elemente“-Gruppenausstellung im Kunstforum Eifel. 160 Arbeiten von 60 Künstlern sind zu sehen, die Vernissage ist an diesem Sonntag.

„Die Luft ist uns auf keinen Fall egal!“ Rena Voss, Kuratorin beim Förderverein Maler der Eifel, der das Kunstforum Eifel betreibt, blickt auf die ersten der ausgestellten 160 Arbeiten zum Thema „Luft“ im Erdgeschoss des Ausstellungsgebäudes im Gemünder Ortskern. Was es hier ab Sonntag zu sehen gibt, handelt zwar von dem, was eigentlich unsichtbar ist, aber auch von dem, was der Urstoff des Lebens ist: Luft. Ohne sie wäre alles tote Materie.

Das sehen 60 Künstler aus der Eifel und dem Rheinland anders. Elke Pillig lässt auf ihrem Foto Zimmergardinen im Wind wehen. Sabine Hartert hat auf Leinen gespannte Wäsche im Wind auf Stoff gemalt. Thevis Jostens Mobile aus feinen bunten Stoffstreifen bewegt sich fast unmerklich beim feinsten Lufthauch. „Vibrant“ nennt Werner Pillig Fotografien von Grashalmen im Wind. Die Bilder sind verwackelt. Sie sollen gerade auf diese Weise die für das Auge unsichtbaren kleinsten Schwankungen sichtbar machen – wie Striche einer Grafik.

Blau angemalter Lederfußball hat einen Platten

Poesie hier, Dramatik da: „Die Luft ist raus“ hat Klaus Felser seinen grau-blau angemalten Lederfußball genannt, der schlicht einen Platten hat. Ohne Luft ist das Spiel vorbei.

So überraschend geht es in der ganzen Ausstellung weiter: Tanya Angelovas „Frühlingsbrise“ und „Herbstbrise“ sind auf Keilrahmen gespannte Schichten aus kolorierter Seide in Blau oder Rot hinter gespannten Fäden. Die Zwischenräume sind gut zu erkennen: Sie speichern Luft.

Löwenzahn-Pflanzen sind jeweils in einem Gals zu sehen.

Löwenzahn im Glas: Die Besucher können sich eine „Pusteblume“ gegen eine Spende mit nach Hause nehmen.

Das Foto zeigt ein Bild mit gelben und blauen Flächen.

„Seeds of Love“ von Susanne Herbold aus Köln war schon auf der Kunstbiennale 2024 in Venedig zu sehen.

Direkt daneben hat Anna Stelloh drei besonders eindrückliche Arbeiten beigesteuert: Sie verwendet histologische Schnitte von Lungen, die sie durch gemalte Applikationen in urtümliche Wesen verwandelt. Ein bisschen gruselig sind diese Reste einer Atemmaschine schon, andererseits entstanden einzigartige Fantasiewesen.

Wolkenbilder zeigen die Dynamik der Atmosphäre über der Eifel

Im ersten Obergeschoss – dort, wo zur Vernissage am Sonntag Ulrich Rüsenberg eine Klangperformance aufführen wird – hat Kuratorin Rena Voss dem Gemälde „Seeds of Love“ von Susanne Herbold aus Köln einen Ehrenplatz eingeräumt. Das großformatige Gemälde thematisiert den Übergang zweier abstrakter Formen in leuchtendem Gelb und Azurblau, die durch einen weißen „Kommunikationsbogen“ (Voss) verbunden sind. Die angedeutete Verschmelzung der Formen geschieht in einem nicht definierten Raum, schwerelos, wenn man so will. Herbolds Arbeit war schon auf der Biennale 2024 in Venedig zu sehen.

Schwerelosigkeit, Fliegen können, Luft als Medium – das ist das Thema bei einer ganzen Reihe von Arbeiten, etwa von Ursula Janda. Rainer Bauer stellt vier „Wolkenbilder“ vor, die die Dynamik der Atmosphäre über weiter Eifellandschaft zeigen. Auf Tischen stehen drei „Luftschiffe“ von Rosemarie Stauffer aus Much: Pappe, Transparentpapier, Holz, Draht und immer ein Stein zur Beschwerung. Diese Illusionssegler sollen selbst beim kleinsten Windhauch nicht untergehen. Gleich daneben hat Rena Voss bemalte Madonnenfiguren aus dem Devotionalienladen in Luftpolsterfolie eingepackt. So entstehe „heilige Luft“, die vielleicht einmal für einen guten Zweck gebraucht werden kann, meint Voss.

„Pegasus“ als Gemälde und als Schaukelpferd

Vor dem Eingang zum „Wolkenkabinett“ erwarten Renate Fischers zarte „Luftmenschen“ die Besucher. Die fröhlich wirkenden Drahtfiguren haben ihren „Anstrich“, weil sie durch farbige Pulpe gezogen wurden. Ein Personal, durchscheinend wie Gespinste. Dahinter wird es dann heiter bis wolkig: Hans Maas, Stefanie Fröhlich und Rainer Oestereich haben Wolkenbilder gemalt. Flüchtiges wird so gebannt. Wer will, kann in den Luftgebilden auch „Wolkenwesen“ sehen, eine Illusion, die aus Luft entsteht, vergänglich wie eine Fata Morgana.

In der von Voss so genannten „Asiatischen Ecke“ des Forum-Kabinetts findet sich dann ein weiteres Hoch der Ausstellung, wenn man die meteorologische Analogie des Ausstellungsthemas weiterspinnen will: Vier hinreißend schöne Tuschezeichnungen von Markus Kneip wirken wie gemalte Luft. Daneben sind zwei große „Raumfächer“ von Angelika Flaig gespannt, die mit diesem Blow-up fernöstliche Kunsthandwerk-Eleganz demonstriert. Einer der gelungenen Dialoge von Kunstpositionen, wie sie dem Ausstellungsmacherteam im Kunstforum Eifel immer wieder gelungen sind.

Im Obergeschoss ist Pegasus, im Erdgeschoss Ikarus Schmitz

Auch im zweiten Obergeschoss der ehemaligen Schule wird der Besucher überrascht. Etwa von „Pegasus“, dem geflügelten mythologischen Pferd der Antike, das als Gemälde, aber auch als Schaukelpferdchen zu sehen ist. Die Kappenwindmühle im Eifeldorf, gemalt von Paul Cremer, steht für Bilder aus der Riege der Eifelmaler. Stefan Grabes Installation zeigt Steine, die durch Luft verändert wurden. Das regt im Wanderherbst natürlich dazu an, solche Verwitterungsspuren im Großformat in der Buntsandsteinwelt des „Felsenland Südeifel“ zu entdecken.

Zurück im Erdgeschoss des Kunstforums Eifel fällt Tom Kreys „Ikarus Schmitz – Luftikus“ ins Auge. Das Motiv ziert auch den Ausstellungsflyer. Der sichtlich zu allem entschlossene Herr in Kurzmantel, mit Schirm, Koffer, Rucksack und einem monströsen Propellerhelm, hat offenbar gerade abgehoben. Schwerelos trägt es ihn in ungewisse Sphären, neugierig wie leicht skeptisch, was ihn da erwartet.

Die Besucher des Kunstforums Eifel können es ihm indirekt gleichtun und ihrerseits Dinge in die Luft aufsteigen und verwehen lassen: Aus einem Hängeregal kann man sich gegen eine kleine Spende zugunsten des Fördervereins Maler der Eifel eine mit einer Löwenzahn-Pusteblume gefüllte, verschlossene Glaskanüle mit nach Hause nehmen.  

Smog, Fallout, Rauch geschwängerte Wolken, wie sie über die Eifel nach dem Großbrand im Hohen Venn zogen, Luft, die bedrohlich, sogar tödlich werden kann – solche Assoziationen werden in den meisten der 160 Arbeiten nicht ausgelöst. Nur eine Gasmaske von Veronika Rappaport und Kriegsbilder von Elke Mank stehen dafür. Das schmälert nicht den Gesamteindruck einer gelungenen Behandlung des Themas: Luft, wie sie hier künstlerisch zum Thema wurde, nimmt nicht den Atem, sie verschafft dafür einen klaren Blick.


Die Ausstellung im Kunstforum Eifel: „Von Atemzug zu Atmosphäre: (nicht nur) von Luft und Liebe … leben“. Ausstellung vom 13. September bis 7. November 2026. Vernissage: Sonntag, 13. September, 15 Uhr. Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag jeweils 13 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel. 0 24 45/91 12 50.

Rahmenprogramm: Samstag, 26. September, 15 bis 17 Uhr: „Wolken I“ – Workshop für Erwachsene. Samstag, 31. Oktober, 15 bis 17 Uhr: „Wolken II“ (Kursleitung: Marina Linares, Kosten: 10 Euro pro Person).

„Kunst und Kaffee im Kunstforum“: Führungen durch die Ausstellung mit Kuratorin Rena Voss gibt es am Sonntag, 27. September, 14 bis 16 Uhr, und Sonntag, 11. Oktober, 14 bis 16 Uhr (Teilnahmegebühr: 10 Euro pro Person). Aktuelle Hinweise gibt es auf der Homepage.