Abo

Großes MausohrIm Schleidener Mini-Naturschutzgebiet wird der Fledermaus-Nachwuchs groß

5 min
Eine Fledermaus mit ausgebreiteten Flügeln beim Verlassen der Wochenstube in der Schleidener Schlosskirche.

Das Große Mausohr ist die größte in Deutschland heimische Fledermausart. Im Dachstuhl der Schlosskirche in Schleiden findet sie ideale Bedingungen für die Aufzucht ihres Nachwuchses.

Im Dachstuhl der Schleidener Schlosskirche ziehen in diesem Jahr rund 350 Fledermaus-Weibchen ihren Nachwuchs auf.

Insgesamt 32 FFH-Gebiete mit einer Gesamtfläche von rund 8500 Hektar gibt es im Kreis Euskirchen. Das kleinste dieser Naturschutzgebiete von europäischem Rang ist gerade einmal 0,08 Hektar groß: Es befindet sich im Dachgeschoss der Schleidener Schlosskirche, wo sich auf den 800 Quadratmetern mehrere Hundert Fledermaus-Weibchen angesiedelt haben, um in dieser „Wochenstube“ ihren Nachwuchs großzuziehen.

Die Kolonie des „Großen Mausohrs“ unter dem Kirchendach ist bereits seit den 1960er-Jahren bekannt und gilt heute als die letzte bekannte Mausohr-Wochenstube im Kreis Euskirchen. Zugleich zählt sie zu den wenigen verbliebenen großen Wochenstuben dieser Art im Rheinland.

Das Große Mausohr ist die größte in Deutschland heimische Fledermausart und gilt als typische Gebäudefledermaus. Seine Wochenstuben liegen häufig in warmen, geräumigen und störungsarmen Dachstühlen – etwa in Kirchen, Schlössern oder anderen historischen Gebäuden. Dort bringen die Weibchen ihre Jungen zur Welt und ziehen sie gemeinsam auf. Zur Jagd fliegen Große Mausohren bevorzugt in lichte Wälder und strukturreiche Landschaften, wo sie dicht über dem Boden vor allem Laufkäfer und andere Insekten erbeuten.

Einige Jahre blieben die Tiere ihrem Quartier in Schleiden fern

Bislang wurde die Zahl der dort lebenden Tiere nur sporadisch per Zählung ermittelt, aber jetzt liegen erstmals genaue Daten vor. „In diesem Jahr wurden dank einer neuen Infrarot-Lichtschrankenüberwachung gut 350 Weibchen in der Wochenstube gezählt. Damit liegt die Kolonie im oberen Bereich der für Nordrhein-Westfalen typischen Wochenstubengrößen“, heißt es in einer Mitteilung der Euskirchener Kreisverwaltung.

Die Schleidener Schlosskirche und das benachbarte Schloss, vom Ruppenberg aus gesehen.

Mit einer Größe von 0,08 Hektar ist die Schlosskirche in Schleiden das kleinste FFH-Gebiet im Kreis Euskirchen.

„Die Schlosskirche Schleiden ist für den Fledermausschutz im Kreis Euskirchen von herausragender Bedeutung“, sagt auch Boris Striffler von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Euskirchen: „Dass sich die Kolonie nach ihrem Verschwinden wieder so stark entwickelt hat, ist ein sehr gutes Zeichen – und zugleich ein Auftrag, dieses Quartier weiterhin sorgfältig zu schützen.“

Denn obwohl die Kolonie schon seit Jahrzehnten bekannt ist, verschwanden die Tiere zwischendurch für einige Jahre. In den 1990er Jahren wurden rund 50 Mausohren gezählt, im Jahr 2000 etwa 90 und 2008 rund 160. „Im Jahr 2009 verschwand die Kolonie plötzlich und erst 2013 waren wieder zehn bis fünfzehn Tiere zurück“, so Striffler. Umso erfreulicher sei die Entwicklung der vergangenen Jahre: 2023 wurden wieder rund 200 Mausohren festgestellt, 2024 etwa 230 und 2025 bereits rund 240.

Infrarot-Lichtschranke dokumentiert die Flugbewegungen der Fledermäuse

Um die Tiere besser zu beobachten, ohne sie zu stören, setzt die Untere Naturschutzbehörde jetzt auf moderne Technik: Eine Infrarot-Lichtschranke, die vom renommierten Fledermausforscher Karl Kugelschafter installiert wurde, erfasst die Ein- und Ausflüge der Fledermäuse jetzt automatisch.

Die Schlosskirche Schleiden ist für den Fledermausschutz im Kreis Euskirchen von herausragender Bedeutung.
Boris Striffler, Untere Naturschutzbehörde Kreis Euskirchen

Anders als bei einzelnen Sichtzählungen liefere dieses System kontinuierliche Daten darüber, wann und in welcher Richtung die Tiere die Ausflugöffnungen im Dachstuhl der Schlosskirche passieren. „So lassen sich Aktivitätsmuster, Rückkehrbewegungen und die Nutzung des Quartiers deutlich genauer nachvollziehen“, erläutert der Fledermaus-Experte.

Der nächtliche Ausflug der Tiere ist spektakulär: „In noch nicht mal einer Stunde fliegt die komplette Wochenstube, also mehrere Hundert Fledermäuse, aus. Die Rückkehr staffelt sich dann nach dem Jagderfolg der einzelnen Tiere“, berichtet Striffler.

Ein gutes Jahr für den Bestand: 200 kleine Mausohren wurden flügge

Die hohen Temperaturen der vergangenen Wochen von weit über 30 Grad unter dem Kirchendach scheinen den Mausohren nicht viel auszumachen: Aktuell leben laut Mitteilung der Kreisverwaltung insgesamt um die 550 Tiere in der Schlosskirche. Dies bedeute, dass in diesem Jahr etwa 200 junge Mausohren flügge geworden sind.

„Die Daten helfen der Naturschutzbehörde, Schutzmaßnahmen noch besser auf die tatsächliche Nutzung der Schlosskirche abzustimmen“, sagt Striffler. Das sei besonders wichtig, weil Wochenstuben empfindliche Lebensräume sind: Störungen, Zugluft, bauliche Veränderungen oder verschlossene Ausflugöffnungen können demnach für Fledermäuse gravierende Folgen haben.

Die Schleidener Schlosskirche, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts als spätgotische Hallenkirche errichtet wurde, steht damit nicht nur für Kulturgeschichte, sondern auch für gelebten Artenschutz.

Über seine geflügelten Untermieter freut sich übrigens auch Pfarrer Thomas Schlütter. „Die Fledermäuse sind für uns keine Störung, sondern willkommene Mitbewohner unter dem Kirchendach. Es ist schön zu sehen, dass die Schlosskirche Schleiden einen so wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten kann.“


Das Große Mausohr ist die größte heimische Fledermausart

Das Große Mausohr (Lat. Myotis myotis) ist mit einer Kopf-Rumpf-Länge zwischen 6,7 und 8,4 Zentimetern sowie einer Flügelspannweite zwischen 35 und 43 Zentimetern eine der größten heimischen Fledermausarten. In NRW gilt die Art als stark gefährdet.

Die Wochenstuben werden meist ab dem Frühjahr von den Weibchen bezogen; die Jungen kommen dann in der Zeit von Ende Mai bis Anfang Juli zur Welt. Nordrhein-Westfalen zählt nach Angaben des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima NRW mindestens 23 Wochenstubenkolonien des Großen Mausohrs. 

Wer Fledermäuse schützen möchte, kann auch im eigenen Umfeld aktiv werden, heißt es von den Tierschutz-Experten aus dem Euskirchener Kreishaus. Etwa durch den Erhalt alter Dachstühle und Spaltenquartiere, eine insektenfreundliche Gartengestaltung, den Verzicht auf unnötige Beleuchtung in der Nacht und den bewussten Umgang mit Sanierungsarbeiten an Gebäuden.


Fledermausexkursion in Vogelsang

Der Gebäudekomplex der ehemaligen „NS Ordensburg“ Vogelsang im Nationalpark Eifel ist ein bedeutender Lebensraum für zahlreiche Fledermausarten. Insgesamt 18 verschiedene, teils bedrohte Arten finden hier ideale Bedingungen, da historische Gebäude wie die ehemalige Kaserne „Van Dooren“ wertvolle Quartiere bieten. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Arbeitskreises Fledermausschutz erhalten Besucherinnen und Besucher bei einer Fledermausexkursion am Samstag, 8. August, spannende Einblicke in das Leben dieser faszinierenden Überlebenskünstler. Start ist um 20.15 Uhr; Treffpunkt ist am Eingang des belgischen Kulturkinos, direkt unterhalb des großen Parkplatzes.

Mit Beginn der Dämmerung startet die Suche nach den nächtlichen Jägern. Die Exkursion umfasst Beobachtungen rund um die historischen Gebäude von Vogelsang und führt auch auf den Dachboden von „Van Dooren“, der als bedeutendes Fledermausquartier dient und selten öffentlich zugänglich ist.

Eine Fledermaus (Graues Langohr) wird in der behandschuhten Hand einer Person festgehalten.

Das Graue Langohr ist eine der Arten, die in Vogelsang heimisch ist.

Im Rahmen der Exkursion erhalten Interessierte zudem praktische Empfehlungen, wie sich Fledermäuse auch im privaten Umfeld unterstützen lassen, denn jeder naturnah gestaltete Garten – ob groß oder klein – kann zu einem wichtigen Trittstein im Biotopverbund werden und dazu beitragen, Lebensräume und Arten zu erhalten und miteinander zu vernetzen.

Empfohlen werden festes Schuhwerk, warme Kleidung und eine Taschenlampe. Die Teilnahme kostet inklusive Parken 9,50 Euro für Erwachsene, 5 Euro für Kinder bis 16 Jahre; 19,90 Euro für Familien (2 Erwachsene und 3 Kinder bis 16). Tickets gibt es online.