Mit Unterstützung der Biologischen Station stellen wir Arten vor, die uns in Oberberg aufgefallen sind: Biene ist nicht gleich Biene.
Lebendiges OberbergKonkurrenzkampf auf der Blumenwiese

Die Rostrote Mauerbiene ist ein Einzelkämpfer und hat es schwer, sich gegen de Übermacht der Honigbienen durchzusetzen.
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Seit einigen Jahren kursiert der Begriff vom „Bienensterben“ in den Medien. Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Dieser Begriff ist unscharf formuliert. Denn dabei werden regelmäßig zwei Phänomene vermischt.
Zum einen bedauern Bienenhalter, dass es immer aufwendiger wird zu imkern. Pestizide, die Varroamilbe (Varroa destructor) und jüngst die Asiatische Hornisse (Vespa velutina) erfordern aufwändige Vorkehrungen in der Honigbienenhaltung – vor allem erhöhte Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Zum anderen zeigte die Veröffentlichung der „Krefelder Studie“, dass die Masse an Fluginsekten – also Bienen plus abertausend weitere Arten – in 40 Jahren um 75 Prozent gesunken ist.
Bei Laien kann das leicht den Eindruck erwecken, es drohe ein Mangel an Honig und – aufgrund des Ausbleibens der Bestäubungsleistung – an heimischem Obst. Aber wie es aussieht, gibt es gegenwärtig vielleicht sogar mehr Völker von gezüchteten Honigbienen, als das Ökosystem Bergische Kulturlandschaft gebrauchen kann.
Honigbiene ist in der Übermacht
Die Westliche Honigbiene ist ein Nutztier und kann aufgrund der Haltung und Pflege durch die vielen Imker in zu hoher Dichte eine ernstzunehmende Nahrungskonkurrenz zu wildlebenden Insekten darstellen. Die Wildbienen als Arten der zahlenmäßig stark zurückgegangenen Fluginsekten leben im Gegensatz zur Westlichen Honigbiene meist solitär. Und diese Vertreter aus der Ordnung der Hautflügler haben keine Lobby – mit Ausnahme von einigen Leuten, die im Naturschutz, Obst- oder Gartenbau beschäftigt sind.
Exemplarisch sei hier die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis) vorgestellt. Diese circa einen Zentimeter große Wildbienenart ist aufgrund ihres Brutverhaltens häufig in der Nähe von menschlichen Behausungen zu finden. Ihre gemörtelten Nester legt sie in kleinen Hohlräumen an – mit Vorliebe in schmalen Röhren, die sie in Trockenmauern, Lehmwänden, aber auch in Totholz, lockerem Gestein und zahlreichen anderen Strukturen findet. Türschlösser, Kugelschreiber, Metallhülsen oder gar Ikea-Regale: Wo immer sich eine passende Öffnung bietet, wird die Mauerbiene fündig. Durch das bewusste Bereitstellen von derlei Löchern fördert man das Nistplatzangebot dieser und ähnlicher Wildbienen.
Mauerbiene ist harmlos
Das Aussehen der Rostroten Mauerbiene könnte man als Mischung der Westlichen Honigbiene und einer Hummelart beschreiben. Das Epitheton bicornis (lateinisch für „zweihörnig“) stammt von einem eindeutigen Erkennungsmerkmal: Die Weibchen, die sich optisch von den Männchen aufgrund ihrer Größe unterscheiden, tragen zwei Hörnchen am Kopf, die zum Einsammeln von Blütenpollen dienen.
Da Rostrote Mauerbienen im Gegensatz zu vielen sozialen Hummelarten und Honigbienen solitär leben und demnach nie die Rolle einer kampfbereiten Wächterin innehaben, braucht man vor den Stichen einer Mauerbiene keine Furcht zu haben. Das Zusammenleben der Art mit dem Menschen birgt also keine Probleme. Aber Vorteile.
Schon seit vielen Jahren werden Mauerbienen für die Landwirtschaft professionell vermehrt und zur Ertragssteigerung von Obstbäumen eingesetzt. Ihre angeborene Vorliebe für den Pollen von Rosengewächsen – zu denen unter anderem Apfel und Kirsche zählen – macht sie zu idealen Bestäubern auf Obstplantagen. Um Mauerbienen zu fördern, setzen clevere Obstbauern modulare Nistblöcke ein, also professionelle „Bienenhotels“.
In der bergischen Landschaft wird es eng
In solchen oder anderen Niströhren legen weibliche Mauerbienen im Frühjahr die mit Pollen gefüllten Brutkammern an, in denen sich die Larven bis August zu erwachsenen Bienen entwickeln. So entsteht nur eine Generation pro Jahr.
Die junge Imago der Mauerbiene verharrt nach der Verpuppung in der Röhre bis zum nächsten Frühjahr, um sich erst dann mit ihren Beißwerkzeugen aus der verschlossenen Niströhre zu nagen. Der männliche Nachwuchs schlüpft übrigens zuerst, und wenn etwas später die Weibchen nachkommen, warten die kleineren Männchen bereits, um ihrer Bestimmung zu folgen und für neuen Nachwuchs zu sorgen, damit der Zyklus von neuem beginnen kann.
Honig ist ohne Frage ein großartiges Naturprodukt: Delikatesse, Kulturgut und alternatives Heilmittel in einem. Vielen Dank dafür an die Honigbiene und ihre Züchterinnen und Züchter! Doch wenn zu viele Imker die bergische Kulturlandschaft mit Beuten voller gut gepflegter Honigbienen „bevölkern“ – im wahrsten Sinne des Wortes – wird es eng. Bis zu 50.000 Individuen pro Volk benötigen im Mai Nahrung. Dadurch müssen die auf sich allein gestellten solitären Wildbienen wie unsere Rostrote Mauerbiene in einer in Teilen der immer strukturärmeren Landschaft schnell am Hungertuch nagen. Und das kann den Tod bedeuten.
Vorbildliche Bienenzuchtvereine des Bergischen Landes haben das im Blick und müssen unterstützt durch die Imkerverbände und Landwirtschaftskammer mit geeigneten Mitteln dem echten Bienensterben entgegenwirken. Gemeinsames Ziel der Imker und des Naturschutzes muss sein, das heimische Blütenangebot zu verbessern, da so eine Koexistenz möglich ist.
Umfangreiche Broschüren zu der Thematik aber auch zur Gestaltung von bienenfreundlichen Gärten bietet der „Naturgarten e.V.“, der Naturschutz und natürlich die Biologische Station Oberberg an.
Gefährdete Vielfalt
In Deutschland gibt es mehr als 560 Wildbienen-Arten. Von diesen sind gemäß der Roten Liste der Bienen (Westrich et al. 2011) aktuell mehr als 40 Prozent bestandsgefährdet. Weitere fünf Prozent sind extrem selten. Sieben Prozent sind in Deutschland bereits ausgestorben oder verschollen.
