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„Systemsprenger“ in Oberberg Betreuungskonzept im Kreis bewährt sich

Die Ordnungsämter haben viel Mühe mit den meist psychisch kranken Obdachlosen, die das System sprengen. (Symbolbild)

Die Ordnungsämter haben viel Mühe mit den meist psychisch kranken Obdachlosen, die das System sprengen. (Symbolbild)

Oberberg – Herr A. hat schon seit längerem keine Wohnung mehr. Er ist drogen- und alkoholabhängig, psychisch krank und zeitweise hochgradig aggressiv. Er schreit nächtelang, zerstört und vermüllt Räume der Obdachlosenunterkunft. Er wäscht sich nicht und läuft gelegentlich unbekleidet durch den Ort.

Oder Herr B.: Auch sein Leben wird von Drogen bestimmt, er ist psychisch krank und sehr aggressiv. Zudem zeigt er ein schwer sexualisiertes Verhalten, kleidet sich in zu enger und kaputter Frauenkleidung. Er konsumiert alles, was vermeintlich einen Rausch verspricht. In dieser Absicht hat er sogar versucht, mit Hammer und Meißel die Fahrbahnmarkierung einer Straße abzulösen.

Bedrohlich für die Stadt

Was sich hier lustig lesen mag, wirkt auf der Straße bedrohlich. Im ersten Fall kam wegen der verängstigten Nachbarschaft zeitweise ein privater Sicherheitsdienst zum Einsatz – monatliche Kosten: 12 000 Euro. So berichtet es Dr. Ekke-Ulf Ruhstrat in seinem Gutachten für den Oberbergischen Kreis. Der Bremer Sozialforscher begleitet das oberbergische Pilotprojekt zur Betreuung von solchen sozialpädagogischen Härtefällen, die als „Systemsprenger“ bezeichnet werden.

Ruhstrat spricht von „Drehtürklienten“, die wegen ihres unangepassten Verhaltens sonst von einer Institution zur nächsten weitergereicht werden. Das oberbergische „Systemsprenger“-Projekt setze dagegen seit dem Start vor zwei Jahren auf eine kontinuierliche Betreuung durch einen Ansprechpartner unter dem Dach eines Netzwerks. Diesen Ansatz beschreibt Ruhstrat als bundesweit beachtete Erfolgsgeschichte.

Einsperren keine Lösung

Bei seinem Auftritt am Montag vor dem Sozialausschuss des Kreistags machte Ruhstrat deutlich, dass es keine dauerhafte Lösung sei, wenn diese Menschen im Gefängnis oder in der geschlossenen Psychiatrie eingesperrt werden. Die Gesellschaft müsse sich früher oder später wieder um sie kümmern. Dabei dürfe man bei den echten Systemsprengern kaum hoffen, einen Fall für immer abzuschließen, sondern nur, Schlimmeres zu verhindern.

Trotz dieses bescheidenen Anspruchs sei der Nutzen der neuartigen Spezialbetreuung erheblich, führte Ruhstrat aus. Alle beteiligten Stellen bewerteten die Unterstützung als spürbare Entlastung ihrer Arbeit, versicherte der Gutachter. Es habe sich aber gezeigt, dass die beiden Personalstellen, die im Probezeitraum für die Systemsprenger-Arbeit zur Verfügung standen, nicht ausreichten. Es gebe eine Warteliste, es wurden Fälle abgelehnt oder nicht ausreichend betreut. Wenn man pro Klient wöchentlich 4,5 Stunden aufwendet, brauche man 3,5 Personalstellen.

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Nachdem der Landschaftsverband Rheinland signalisiert hat, auch bei der Aufstockung der Stellen die Hälfte der Kosten zu übernehmen, gab der Kreissozialausschuss nun seine Zustimmung dafür, dass zusätzliche 60 000 Euro im Haushalt eingeplant werden.

Unterkunft bleibt Problem

Ein Problem bleibt, und das ist die Unterkunft. Wegen ihrer schwierigen Persönlichkeit seien die Systemsprenger in den Gemeinschaftsunterkünften für Obdachlose fehl am Platze, beklagt Ruhstrat. Der Waldbröler Kreistagsabgeordnete Eberhard Weber (CDU) konnte diese Einschätzung des Gutachters aus eigener Anschauung bestätigen.

Insgesamt aber betonen Praktiker, Gutachter und Politiker in großer Einmütigkeit den Erfolg des Projekts. Sabine Grützmacher (Grüne) berichtete von einer Fachtagung mit bundesweiter Beteiligung, bei der Oberberg eine Vorreiterrolle zugeschrieben wurde. Der Bremer Experte Ekke-Ulf Ruhstrat versicherte: „Man blickt neidisch auf Oberberg wegen des hiesigen Wohnhilfesystems. Und das Systemspringer-Konzept hat für den Landschaftsverband Modellcharakter.“