NS-ZeitSchüler des Wiehler Gymnasiums diskutieren über Nationalsozialismus und Schule

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Schulfibel "Rheinische Kinder"

„Rheinische Kinder“ marschieren auf der gleichnamigen Lesefibel aus der NS-Zeit im Gleichschritt. Schulbücher und Chroniken sind aufschlussreiche Quellen.

Michael Kamp, Leiter des Lindlarer LVR-Freilichtmuseums, hat am Wiehler Gymnasium für die Beschäftigung mit der NS-Geschichte geworben.

Das Bild von der Schule in Büttinghausen lässt eine Schülerin aufmerken. Ob das Haus wohl noch steht, will sie in der Fragerunde wissen, sie komme von dort. Der Referent glaubt schon, und tatsächlich gibt es das Schulgebäude noch immer, am Ende des „Alten Schulwegs“. Man muss eben gar nicht lange suchen, um die Gegenwart der Geschichte im Leben der jungen Wiehler zu finden. Sei es ein altes Haus, ein altes Familienbild oder auch das, was die Großmutter noch erzählen kann.

Junge Leute neugierig machen

Michael Kamp möchte die jungen Leute neugierig machen für die Geschichte vor der Haustür, vor allem für das dunkle Kapitel der NS-Zeit im Oberbergischen. Kamp ist Leiter des Lindlarer LVR-Freilichtmuseums und hat 2021 ein viel beachtetes (inzwischen schon vergriffenes) Buch zum Thema herausgegeben. Insbesondere geht es um die Indoktrination der Jugend.

Im Buch mit einem Beitrag vertreten sind die damalige Gummersbacher Gesamtschülerin Sarah Vanessa Schneider und ihre Lehrerin Julia Haas. An dieser Schule hat Kamp auch schon einen Vortrag gehalten. Im Wiehler Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium (DBG) war er jetzt bereits zum zweiten Mal zu Gast. Ansonsten hat ihn zu seinem Bedauern bisher noch keine weitere oberbergische Schule als Referenten eingeladen. Kamp möchte jetzt noch einmal für das Angebot werben.

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Schule trägt den Namen des Widerstandskämpfers Bonhoeffer

50 Schüler aus verschiedenen erziehungswissenschaftlichen Kursen des 12. Jahrgangs haben sich am Dienstag in der Mensa versammelt. DBG-Lehrerin Britta Stephan behandelt gerade mit ihren Schülern die verhängnisvolle Macht der Pädagogik im Nationalsozialismus. „Mit diesem Vortrag“, sagt Stephan den Schülern zu Beginn, „möchte ich einen lokalen Bezug herstellen, den wir im Unterricht nicht leisten können.

Die NS-Zeit ist für Stephan erst recht ein Pflichtprogramm, als ihre Schule den Namen des Widerstandskämpfers Bonhoeffer trägt. Nach einer allgemeinen Einführung in das Thema NS-Zeit richtet Michael Kamp den Blick denn auch bald auf die örtlichen Verhältnisse. Er berichtete vom frühen Eifer überzeugter Hitler-Anhänger unter oberbergischen Unternehmern und Pfarrern, vor allem aber von Volksschullehrern, die sich Hitlers Grundsatz verpflichtet fühlten: „Die Jugend ist uns verschrieben mit Leib und Seele.“

2o Prozent der Lehrer seien Fanatiker gewesen

20 Prozent der Lehrer seien Fanatiker, 70 Prozent zumindest mit dem NS-Regime einverstanden gewesen, schätzt Kamp. So wie Hugo Neffendorf, der in der Büttinghausener Schulchronik Ausschnitte aus der Nazi-Presse einklebte. Oder Fritz Dißmann, NSDAP-Mitglied seit Mai 1933, der in der Oberwiehler Chronik offenbar von einer Schülerin mit schöner Handschrift notieren ließ, dass 1936 eine Gedenkveranstaltung für den Wiehler Nazimärtyrer Robert Bitzer anstand. Im gleichen Jahr freute sich Dißmann über die Genehmigung, die Fahne der Hitlerjugend über der Oberwiehler Schule hissen zu dürfen.

Kamp arbeitet an einem zweiten Sammelband

Kamp arbeitet an einem zweiten Sammelband zur NS-Zeit, indem die Schule wieder thematisiert wird und der Ende 2024 erscheinen soll. Vielleicht taucht darin auch wieder ein Lehrer- oder Schülerbeitrag auf. Der Referent ermunterte jedenfalls die Bonhoeffer-Gymnasiasten zu eigener Forschung: „Über die Schule im Nationalsozialismus gibt es noch viel zu erforschen“, sagte Kamp und bot seine Hilfe bei Fach- und Studienarbeiten an.

Die meist gut archivierten Schulchroniken seien hervorragende Quellen. Zudem gebe es auf vielen Dachböden noch alte Schulbücher. Nicht zuletzt könnten die jungen Leute die Generation der Über-Achtzigjährigen in ihrem Bekanntenkreis als Zeitzeugen von ihrer Schulzeit im Nationalsozialismus erzählen lassen. Kamp mahnte: „Aber man muss sich beeilen, diese Leute sterben irgendwann.“

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