Bürgermeisterin Berka im InterviewTag der Kinderbetreuung: „Als Mutter sieht man kritischer auf die Dinge“

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Nicole Berka sitzt an ihrem Schreibtisch.

Nicole Berka, Bürgermeisterin von Neunkirchen-Seelscheid, ist erst im Dezember selber Mutter geworden.

Ein Interview mit der Bürgermeisterin von Neunkirchen-Seelscheid, Nicole Berka, über Kinderbetreuung und den Fachkräftemangel.

Am 15. Mai ist der Tag der Kinderbetreuung. Über den bundesweiten Aktionstag, an dem pädagogische Fachkräfte und Tagespflegepersonen für ihre Arbeit gedankt wird, sprach Quentin Bröhl mit der Bürgermeisterin von Neunkirchen-Seelscheid, Nicole Berka.

Frau Berka, was verbinden Sie mit diesem Aktionstag?

Nicole Berka: Zunächst ist der Dank an die vielen Erzieherinnen und Erzieher sowie an die Tagesmütter und -väter wichtig. Wir hatten erst vor kurzem hier im Rathaus eine Träger-Leiter-Runde, unter anderem mit Führungskräften der zehn Kindertageseinrichtungen in der Kommune. Dabei sind ganz klar die Defizite auf den Tisch gekommen. Auch wir haben da einen Fachkräftemangel. Frühkindliche Bildung ist sehr wichtig. Das sind doch die Kinder, von denen wir als Gesellschaft später was wollen, und deshalb sollen sie doch den bestmöglichen Start ins Leben haben.

Sie sind selbst seit kurzem Mutter als Bürgermeisterin: Welche Rolle spielt das Thema Kinderbetreuung für Sie, beruflich und privat?

Für mich ist es nicht nur als Bürgermeisterin von Belang, was mit den Einrichtungen und dem Angebot für Kinder und Eltern passiert. Ich bin jetzt selbst Mutter geworden und habe gemerkt, dass es zum Beispiel leichter ist, eine Steuer-Identifikationsnummer für ein frisch geborenes Baby zu bekommen als einen Kindertagesplatz. Da läuft etwas schief, und darauf muss man aufmerksam machen. Aus eigener Erfahrung sieht man als Mutter doch noch einmal kritischer auf die Dinge.

Nicole Berka: „Viele Frauen sind besser ausgebildet als Männer“

Bürgermeisterinnen sind eine Rarität – Bürgermeisterinnen, die in ihrem Amt Mutter werden, sind noch viel seltener. Woran liegt das?

Die Quote der Väter, die sich um die Kinderbetreuung kümmern, steigt. Sie hat aber noch nicht so durchschlagenden Charakter. Ein Beispiel: Der Tag der Kinderbetreuung findet nicht zufällig am Tag nach Muttertag statt. Kindererziehung ist also immer noch aus Sicht vieler in dieser Gesellschaft eine Frauensache. Andere Länder, wie Skandinavien, kriegen das viel besser hin. Da sind Mütter und Väter gleichberechtigt an der Kinderbetreuung beteiligt. Fakt ist auch, dass viele Frauen durchschnittlich besser ausgebildet sind als Männer. Insofern hat es sehr wohl auch gesellschafts- und wirtschaftspolitische Relevanz, dass Frauen die Möglichkeit haben, Familie und Beruf gut zu vereinen.

Immer wieder müssen Kitas Gruppen für einige Tage zusammenlegen, die Öffnungszeiten kürzen oder Eltern bitten, ihre Kinder lieber zu Hause zu betreuen. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch im System Kita?

Wenn Personal krankheitsbedingt ausfällt, müssen nun einmal Gruppen zusammengelegt werden, was für Kinder und Eltern schnell zu einer Stresssituation führen kann. Auch die Fachkräfte werden damit allein gelassen. Das wird dem Auftrag, den Kindertageseinrichtungen haben und den sehr gut ausgebildeten Fachkräften nicht gerecht. Häufig wird politisch versucht, die Lücken mit Kinderpflegerinnen und -pflegern zu schließen. Diese haben eine kürzere Ausbildungszeit, sind aber vergleichsweise anders qualifiziert als pädagogische Fachkräfte. Mein kritischer Blick richtet sich hier in Richtung Politik: Es ist vor allem eine Sache der politischen Prioritäten, wie derartige Systeme finanziell ausgestattet werden. Hier herrscht dringlichster Handlungsbedarf – nicht zuletzt in Anerkenntnis der sich wandelnden familiären Strukturen.


Der Aktionstag

Zum elften Mal findet der Tag der Kinderbetreuung statt. Immer am Montag nach Muttertag wird die tägliche Arbeit von Fachkräften in Kindertagesstätten sowie von Tagesmüttern und -vätern gewürdigt. Viele Aktionen sollen bundesweit die Wertschätzung für alle verdeutlichen, die für die Kinder in der Gesellschaft da sind. (que)

www.rund-um-kita.de


Zur Person

Nicole Berka (43) ist seit Juni 2014 Bürgermeisterin der Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid, damals noch mit ihrem Geburtsnamen Sander. Im September 2020 wurde sie wiedergewählt. Die Diplom-Verwaltungswirtin hat ihren Master in Europäischem Verwaltungsmanagement abgeschlossen. Nicole Berka ist verheiratet und seit dem 29. Dezember Mutter einer Tochter. (que)

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