Die Unternehmer Elke und Oleg Retzer stellten die Pläne vor: Das Gelände soll an die Bahn angegliedert werden, internationale Firmen wollen einziehen.
Altes IndustriegeländeWarum ein Ehepaar Millionen ins Schoeller-Areal in Eitorf investiert

Elke und Oleg Retzer stellten die Pläne für das Schoeller-Areal in Eitorf vor. Die Wellblechnissen werden abgerissen.
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Auf dem Schoeller-Gelände in Eitorf tut sich mächtig was: Regionale Handwerksbetriebe verputzen Wände, tauschen marode Stahlträger aus, sanieren Dächer. Für das 150.000 Quadratmeter große Industriegelände, das Retzer Industries 2024 erwarb, sollen nun die Weichen für eine neue Zukunft gestellt werden.
Drei Betriebe haben gekündigt, Nachnutzer stehen in den Startlöchern. Das berichtete das Unternehmerehepaar Elke und Oleg Retzer jetzt bei einem Ortstermin. Zum Teil ohne Mietzahlungen hätten Firmen in der Vergangenheit die großen Lagerhallen genutzt, sagt Oleg Retzer; nicht einmal drei Euro Nebenkosten sei alles an Zahlung gewesen, das geflossen sei. Wasser- und Stromverbrauch hätten nicht ansatzweise gedeckt werden können, der teilweise um die 70.000 Euro monatlich gelegen habe. Zwischen drei und 4,50 Euro nehme er heute pro Quadratmeter an Kaltmiete.
Undichte Dächer, verrostete Stahlträger und veraltete Leitungen
„Eine Herausforderung seit der ersten Minute“ sei der Kauf des alten Industriegeländes von Schoeller Wolle gewesen, das 2005 komplett aufgegeben wurde. Die Hallen, das Hochregallager und die vielen Gebäude waren unter anderem als Lager, zur Kunsttofffertigung und für Künstlerateliers genutzt worden. „Wir wussten ganz genau: Wir übernehmen einen hervorragenden Standort mit Wachstumspotenzial und nicht optimalen Mietverträgen“, fasst es Oleg Retzer zusammen. Das Investment sei langfristig ausgerichtet. „Es braucht Zeit und Kraft, den Standort aufzubauen.“
Undichte Dächer habe man vorgefunden, Leitungen komplett erneuern und eine chemische Grundreinigung in einer ehemaligen Kunststoffherstellung durchführen müssen, wo mit Weichmachern gearbeitet worden sei, berichtet Elke Retzer. Sie war es, die das Gelände in einem Immobilienportal entdeckte und den Kauf anregte. Die Lage sei optimal, das Potenzial groß.

Die Renovierung eines Hallenteils ist bereits weit fortgeschritten.
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Dennoch hätte sie wohl nicht gekauft, wenn das familiengeführte Unternehmen – Sohn Martin soll den Eitorfer Standort betreuen – nicht auf so viel Erfahrung zurückblicken könnte. Über 35 Jahre lang bauten die Unternehmer aus Bad Hersfeld ihr Immobilienportfolio auf. „Ich habe mal gerechnet: Ich habe schon 90 Immobilien gekauft“, berichtet Elke Retzer. Ihr Mann arbeitete viele Jahre als Immobiliengutachter und Sachverständiger für Bauschäden und Baumängel.
Rund 6400 Quadratmeter Hallenfläche sowie 2500 Quadratmeter Bürofläche wurden wieder nutzbar gemacht
„Natürlich haben wir ein entsprechendes Renditeerwarten“, gibt Oleg Retzer freimütig zu. Aber davor stünden eben die enormen Investitionen zur Umgestaltung und Ertüchtigung des Geländes. „Allein sieben Millionen Euro haben wir für Dachdeckerarbeiten ausgegeben“, berichtet Oleg Retzer, mehrere Firmen arbeiteten gleichzeitig. Die ehemalige Kantine werde ebenso abgerissen wie die Wellblechnissen, die ausgedienten Klärbecken und das einsame Einfamilienhaus auf dem Gelände.

Das Hochregallager soll wieder in Betrieb gehen. Plaatz für 9500 Paletten gibt es hier.
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Rund 6400 Quadratmeter von insgesamt 50.000 Quadratmetern Hallenfläche sowie rund 2500 Quadratmeter Bürofläche wurden bereits wieder nutzbar gemacht und neu vermietet. Das Gemeindearchiv, die Awo, eine Firma für Personenbeförderung und ein auf Brandschutztechnik spezialisiertes Unternehmen haben bereits sanierte Gebäudeteile bezogen.
Weitere 8000 Quadratmeter Fläche haben bereits neue Mieter gefunden, die auf den Einzug warten. Der Non-Food-Anbieter Wenco will erweitern und hat bereits die 2000 Quadratmeter große Fläche von Broilking übernommen. Die neue Wenco-Halle werde aber erst zum 1. August in Betrieb gehen können, weil zuvor das angrenzende Hochregallager auf eventuelle Schäden überprüft werden müsse. Wenco wolle auch dies betreiben und insgesamt 9500 Palettenplätze anbieten.

In der ehemaligen Färberei soll die Zwischenetage entfernt, die Maschinen anderthalb Meter tief versenkt und neue Schwerlastkräne mit 40 Tonnen Tragkraft eingebaut werden.
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Auch die Infrastruktur auf und rund um das Gelände wollen die Retzers grundlegend erneuern. Das Gelände wird eingefriedet und ist künftig nur noch per Transponder zugänglich, der Spinnerweg ist jetzt schon geschlossen. Immer wieder sei es hier zu gefährlichen Situationen mit dem Lieferverkehr gekommen, schildert es Retzer.
Das Nadelöhr zwischen zwei Gebäudeteilen, durch das sich bis jetzt Lkw quetschen, soll wegfallen. Nur noch der Lieferverkehr des Künstlerbedarfs Gerstaecker soll künftig hier fahren dürfen, alle anderen Lkw werden außen herum geführt. Mit der Deutschen Bahn laufen derzeit Verhandlungen, ein stillgelegtes Gleis zum Schoeller-Gelände wiederzubeleben und weiterzuführen, sodass 60 Prozent der Güter gleich auf die Schiene gehen können. Zumal ein internationales Unternehmen in die ehemalige Färberei einziehen will, das bis zu 40 Tonnen schwere Metallteile herstellt. Die Maschinen dafür müssen anderthalb Meter tief in den Hallenboden versenkt werden. Die Zwischendecke werde herausgenommen, die bisherigen Unterdach-Kräne durch zwei 40-Tonnen-Schwerlastkräne ersetzt. Die Kolosse sollen aus der Halle direkt auf die Schiene gesetzt werden können.
500 bis 700 Jobs sollen perspektivisch auf dem Gelände geschaffen werden
Mit 180 Beschäftigten werde allein dieses Unternehmen aufs Schoeller-Gelände ziehen, drei weitere internationale Firmen sollen ebenfalls kommen. 500 bis 700 Jobs würden insgesamt hier geschaffen, die auch eine Perspektive für die noch verbliebenen ZF-Mitarbeitenden sein könnten. Um Wohnraum für künftige Beschäftigte auf dem Schoeller-Gelände zu schaffen, will Retzer Industries Gauhes Wiese entwickeln. Rund 180 Wohnungen könnten hier entstehen.
Bis Ende 2027 wollen Retzers den Standort weitgehend CO2-neutral halten. Eine große Photovoltaikfläche ist jetzt am hinteren Eingang des Spinnerwegs errichtet, etliche Firmendächer wurden bereits mit Solarpanelen belegt, weitere sollen folgen. Rund acht Megawatt soll das bringen. Und damit der Strom nicht nur selber genutzt, sondern auch intelligent gespeichert und ins Netz eingespeist werden kann, sollen auf dem Gelände in Zusammenarbeit mit einem internationalen Partner Industriebatteriespeicher mit einer Kapazität von 480 Megawattstunden gebaut werden, so groß wie zwölf Überseecontainer. 250 Millionen Euro will das Unternehmen dafür investieren, der Bauantrag wurde bereits gestellt.
