1. FC Köln in der OffensivkriseTorlos und ein wenig ratlos

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10.03.2023, Nordrhein-Westfalen, Köln: Fußball: Bundesliga, 1. FC Köln - VfL Bochum, 24. Spieltag, im RheinEnergieStadion. Kölns Trainer Steffen Baumgart (M) und Jonas Hector (l) stehen nacvh dem Spiel auf dem Platz. Foto: Federico Gambarini/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga bzw. des DFB Deutscher Fußball-Bund ist es untersagt, in dem Stadion und/oder vom Spiel angefertigte Fotoaufnahmen in Form von Sequenzbildern und/oder videoähnlichen Fotostrecken zu verwerten bzw. verwerten zu lassen. +++ dpa-Bildfunk +++

Kollektive Frustration: Die Mannschaft des 1. FC Köln um Kapitän Jonas Hector (l.) und Trainer Steffen Baumgart (2.v.l.) nach der 0:2-Heimpleite gegen den VfL Bochum.

Der Offensivfußball des 1. FC Köln ist zum Erliegen gekommen. Das 0:2 gegen den Tabellenletzten VfL Bochum war das vierte torlose Spiel in Folge. Eine Ursachenanalyse.

Steffen Baumgart kommt gerne mal schroff daher. Geht ihm etwas gegen den Strich, scheut der Trainer des 1. FC Köln nicht davor zurück, in die verbale Offensive zu schalten. Am späten Freitagabend war nichts davon zu spüren. Wer den 51-Jährigen nach der 0:2-Heimpleite gegen Schlusslicht VfL Bochum beobachtete, erlebte einen nachdenklichen, in sich gekehrten Fußballlehrer. Das vierte Bundesligaspiel in Folge ohne eigenen Torerfolg hatte ihm sichtlich zugesetzt. Baumgart wirkte sogar ein wenig ratlos, als er in seiner ihm eigenen Offenheit einräumte: „Ich habe heute keine Lösungen und kann nicht sagen: Das ist der Ansatz.“ Das waren bemerkenswerte Worte für jemanden, der selten um einen flotten Spruch verlegen ist.

Auch 24 Stunden später war Steffen Baumgart die getrübte Stimmung noch deutlich anzumerken. Der FC-Trainer nutzte seinen Besuch im ZDF-„Sportstudio“, um nach dem empfindlichen Rückschlag im Bestreben um den frühzeitigen Klassenerhalt den Fokus verstärkt auf den Abstiegskampf zu legen. „Jetzt, in der Phase, brauchen wir über nichts anderes reden außer den Klassenerhalt“, verdeutlichte Baumgart. „Das ist das einzige Ziel, was wir haben, weil wir auch nicht über andere Sachen reden können. Das ist einfach so.“ Natürlich hätte Baumgart auf dem Mainzer Lerchenberg „gerne über andere Sachen geredet, aber das funktioniert nicht. Das gibt der Kader nicht her, das gibt die Situation auch nicht her, also musst du realistisch bleiben“.

Wir haben leichte Fehler gemacht.
Steffen Baumgart, Trainer 1. FC Köln

Zumal die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen. Jahresübergreifend gelangen dem FC in den letzten 14 Bundesligaspielen nur zwei Siege. Eine dünne Ausbeute. Hauptgrund für den mittlerweile klaren Abwärtstrend ist die Misere in der Offensive, in der im Jahr 2023 nur noch wenig zusammenpasst. Nach dem Sturmlauf zum Auftakt gegen Werder Bremen (7:1) blieb der FC in sechs der folgenden acht Partien ohne Treffer. Das letzte Stürmertor liegt 789 Minuten zurück. Wobei nicht nur auf der Mittelstürmerposition der Schuh drückt. Der einstige Power-Angriff kommt kaum noch zu klaren Chancen, weshalb Davie Selke und Steffen Tigges im Strafraum abwechselnd in der Luft hängen.

Die Gründe sind vielfältig. Aktuell fehlt dem FC ein Taktgeber und damit Kreativität aus dem Zentrum heraus. Mark Uth ist langzeitverletzt, Ondrej Duda seit dem Winter nicht mehr da, Dejan Ljubicic nach langer Zwangspause noch nicht wieder der Alte und Mathias Olesen in seiner Entwicklung noch nicht so weit. Erschwerend hinzu kommen Durchhänger von Leistungsträgern wie Florian Kainz. Der derzeit ohne Effektivität agierende Topscorer steht seit dem Liga-Wiederbeginn bei erst zwei Torbeteiligungen. Seine ruhenden Bälle gegen Bochum waren ein Ärgernis. Keiner der zehn Kölner Eckstöße wurde zur Gefahr. Dabei sind Standards umso bedeutsamer, wenn es spielerisch nicht läuft.

Überhaupt glich das Bochum-Spiel einer Kopie des vorherigen Heimspiels gegen Wolfsburg. Diesmal war es ein von Abwehrchef Timo Hübers („Ich kann mich cleverer verhalten“) verursachter Foulelfmeter, der trotz druckvollen Beginns erneut für einen frühen Rückstand sorgte (Kevin Stöger/9.) und den FC in Hektik geraten ließ. Es mangelte an Genauigkeit im Aufbau und bei den vielen Flanken. „Wir haben leichte Fehler gemacht“, fasste Steffen Baumgart zusammen, dessen Mannschaft letztmals am 16. Oktober 2022 (3:2 gegen Augsburg) nach Rückstand noch gewann. Die vielzitierten Comeback-Qualitäten fehlen derzeit ebenfalls.

Wir müssen die Unsauberkeiten im letzten Drittel abstellen, mehr in den Rücken des Gegners kommen und mehr Bälle in die Box bringen.
Timo Hübers, Innenverteidiger 1. FC Köln

Zudem verstehen es die Gegner inzwischen wesentlich besser, die Stärken des FC zu neutralisieren. Das Aufbauspiel wird früh gestört, das Zentrum massiv verdichtet. Das ist zwar nicht sonderlich schön anzusehen, aber effektiv. Sprinter Linton Maina erhält so nicht die Räume, um Fahrt aufnehmen zu können. Darunter leiden wiederum die Durchbrüche zur Grundlinie. Tief in der zweiten Hälfte unterlief der Kölner Defensive schließlich noch ein zweiter Patzer. Nach einer schwach verteidigten Freistoßvariante traf Erhan Masovic zur Entscheidung (76.). „Bochum hat uns mit sehr, sehr einfachem Fußball geschlagen“, klagte der diesmal von einem Cut an den Augenbrauen gezeichnete Davie Selke.

Der enttäuschendste Heimauftritt in der Ära Baumgart hatte Tausende Fans schon weit vor dem Abpfiff nach Hause getrieben. „Wir waren in der einen oder anderen Situation nicht gut genug, das muss man sagen“, resümierte der FC-Coach, der sich trotzdem „weit davon entfernt“ sah, seinen Spielern einen Vorwurf machen zu wollen. „Weil wir viel investiert und versucht haben, nach vorne zu spielen. Am Ende muss man aber sagen, dass es nicht reicht, und das nicht zum ersten Mal.“

Baumgart will eingeschlagenen Weg "konsequent weitergehen"

Timo Hübers ging öffentlich tiefer in die Analyse. „Wir müssen die Unsauberkeiten im letzten Drittel abstellen, mehr in den Rücken des Gegners kommen und mehr Bälle in die Box bringen“, forderte der Innenverteidiger. Baumgart sieht sich in der Pflicht: „Ich bin dafür verantwortlich, den Jungs Lösungen zu zeigen. Wenn nicht ich derjenige bin, der in diesen Situationen vorneweg geht, wird es noch schwieriger.“

Bei der Bewältigung der Krise will Baumgart den eingeschlagenen Weg „konsequent weitergehen“: „Es gibt im Fußball nicht so viele Wege. Du kannst nicht jedes Mal deinen Weg verändern, nur weil die Phase aktuell schlechter ist.“ Und doch drängt die Zeit, das weiß auch der FC-Trainer: „Wir müssen unseren Weg ganz schnell wiederfinden und es besser machen. Sonst kommen wir in weitere Schwierigkeiten.“ Die Aufgaben werden nicht einfacher. Am Samstag geht es nach Dortmund.

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